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TV-Kritik: Maischberger : Abgelehnt und ausgestrahlt

Wie war das noch bei Geert Wilders?

Weit weniger transparent war das Vorgehen des Senders, als er vor einigen Wochen einen von seiner Machart her um einiges fragwürdigeren Film über den niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders zeigte. In diesem Film, den der WDR erst nach Kritik von außen in einigen Punkten veränderte und das auch nicht unbedingt transparent, wurde Wilders mehr oder weniger als Repräsentant einer jüdischen Weltverschwörung dargestellt. Und es gab genau das, was der WDR jetzt an dem Film „Auserwählt und ausgrenzt“ bemängelt: Der Hintergrund von Gesprächspartnern war nicht ganz klar oder er wurde verschwiegen (wie bei einem islamistischen Prediger), es diente alles dem Beleg einer These. Doch dieser Film war im Programm, was dem Historiker Michael Wolffsohn, der Jörg Schönenborn im der Diskussion in der Runde vorgeschalteten Zweiergespräch Paroli bietet, Gelegenheit gibt, dem WDR „Doppel-Standards“ vorzuwerfen.

Womit Wolffsohn auch bei einem der drei großen „D“ wäre, die den Antisemitismus prägen: Dämonisierung (der Juden allgemein), Delegitimierung (des Existenzrechts der Juden und eines jüdischen Staates) und der Doppel-Standard bei der Kritik an dem, was in Israel geschieht.

Blüm verwahrt sich

All das spielt im Film eine Rolle und auch in der Diskussion, die leider dieselben Schwächen aufweist wie die Vorlage, an der sich hier alles entzündet. Sie blickt auf die Geschichte, auf den Nahost-Konflikt, auf Israel und die Palästinenser, verliert sich aber leider lange in der – müßigen – Frage, ob man Israel beziehungsweise die israelische Regierung kritisieren kann, ohne gleich als Antisemit bezeichnet zu werden. Dagegen verwahrt sich vor allem der CDU-Politiker Norbert Blüm, der meint, der Film folge der „Logik der Rache“ und diene nicht dem Frieden, sondern dem Hass. Dass der Film seinerseits die „Logik der Rache“ an den Juden aufzeigt, deren populäre Formen man bis zu Rap-Songs verfolgen kann und nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte, muss Blüm freilich übersehen haben.

Um zu diesem Punkt zu kommen, muss der geborene Palästinenser mit israelischem Pass Ahmad Mansour, der bei dem Film als Berater fungierte, lange warten, um darlegen zu können, wie er als Junge ganz selbstverständlich zum Hass auf Juden erzogen und dieser Hass in der Moschee auch noch religiös grundiert wurde, bevor er als junger Mann beim Studium in Tel Aviv diejenigen, die er hassen sollte, aus der Nähe kennenlernte. An diesen Punkt will der Psychologe rühren, damit sich in Frankreich und Deutschland nicht verfestigt, was im Nahen Osten Standard ist – ein Freund-Feind-Denken, dass die freie Gesellschaft zerstört.

Autoren sind nicht eingeladen

Das ist schließlich auch der Punkt, auf den Joachim Schroeder und Sophie Hafner hinauswollen, die zu der Runde erstaunlicherweise nicht eingeladen waren, was Sandra Maischberger mit der Begründung erklärt, Autoren wollten dann ja in der Regel doch nur über ihren Film reden – was in ihrer Sendung dann eben alle anderen eine Stunde lang unternehmen. Womit der WDR dem ungeliebten Film, wie Michael Wolffsohn etwas sarkastisch bemerkt, zu einem „Weltereignis“ gemacht hat.

Was wäre wohl aus dem Stück geworden, hätten nicht namhafte Befürworter beim WDR angeklopft und jüdische Organisationen ihre Besorgnis darüber geäußert, dass ein Film zu diesem Thema schlicht gar nicht kommt? Ob der WDR dann auch so einen großen Handapparat angelegt hätte? Oder hätte der Sender den Film einfach mit allen wünschenswerten Änderungen so perfekt angelegt und ausgestrahlt, dass er den hohen Standards genügt? Wäre er dann immer noch die Provokation geworden, die er nun darstellt? Oder nicht doch einfach im Schrank verschwunden?

Man müsse miteinander reden, lautet das etwas lahme Schlusswort von Sandra Maischberger. Miteinander über den Judenhass hier und jetzt in allen seinen Erscheinungsformen zu reden und darüber, wie man ihm begegnet, sollte dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch ohne einen solchen Anstoß gelingen, zu dessen Fazit dann auch den „Faktencheckern“ vom WDR nichts mehr einfällt: dass sich Juden in Deutschland, mehr noch in Frankreich, ihres Lebens nicht mehr sicher fühlen. Er bleibe nur, weil seine Freunde noch da seien, sagt ein Junge aus Sarcelles im Film. Ansonsten wolle er weg, nach Israel.

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