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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Trumps Entzauberung

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger diskutierte zum Thema „Trump, Le Pen & Co: Sind die Nationalisten entzaubert?“. unter anderem mit ARD-Börsenexpertin Anja Kohl. Bild: WDR

Trump hat sich weder als Dämon noch als der erhoffte Heilsbringer entpuppt. Es stellt sich nur die Frage, ob er die Probleme lösen kann, die ihn an die Macht gebracht haben.

          Es gibt ein untrügliches Zeichen für die Normalisierung im Umgang mit Donald Trump. Es findet sich auf Twitter. Er hatte das soziale Netzwerk bekanntlich wie kein anderer für sich zu nutzen gewusst. Entsprechend wartete die Welt vor wenigen Wochen noch gespannt auf seine nächtlichen oder morgendlichen Mitteilungen im 140-Zeichen-Format. Das Interesse daran hat nicht zuletzt bei Journalisten dramatisch nachgelassen. Trump versetzt die Welt mit einem Tweet nicht mehr in Aufregung. Er ist nach hundert Tagen in Washington angekommen und damit scheinbar schon jetzt auf das Normalmaß amerikanischer Politik geschrumpft. Sind also „die Nationalisten entzaubert?“, so der Titel der Sendung. Diese Frage beinhaltet wohl zugleich eine Hoffnung. Schließlich wird am kommenden Sonntag in Frankreich gewählt. Eine Präsidentin Marine Le Pen empfindet sicherlich nicht nur der langjährige WDR-Korrespondent und Tagesthemen-Moderator Thomas Roth als Katastrophe.

          Köppel: „Weltuntergangsstimmung“

          Leider blieb die Debatte in den alten Bahnen stecken. So diagnostizierte Gregor Gysi (Linke) bei Trump eine psychische Störung, wobei sich der Rechtsanwalt auf seine Erfahrungen mit ähnlich disponierten Mandanten berief. Diese wird er aber hoffentlich nicht nur aus dem Fernsehen kennen, um als psychiatrischer Laie so ein fundiertes Urteil fällen zu können. Der Schweizer Publizist und SVP-Politiker Roger Köppel sprach dagegen bei seinen Kontrahenten von einer „Weltuntergangsstimmung“, die letztlich von der Dämonisierung Trumps lebe.

          Nicht zuletzt der „Spiegel“ hatte diese Stimmung prägnant zum Ausdruck gebracht. Er titelte mit dem amerikanischen Präsidenten als die Welt verschlingenden Asteroid. Oder er hielt in der Pose des IS-Schlächters den Kopf der Freiheitsstatue triumphierend in der Hand. Sicher war das symbolisch gemeint und eine publizistisch vertretbare Überzeichnung, worauf der Spiegel-Redakteur Markus Feldenkirchen hinwies. Köppel ist in der Hinsicht bestimmt kein Verfechter überzogener politischer Korrektheit. Aber diese Titelblätter waren eben mehr als nur die Kritik am sogenannten „Muslim-Ban“. Nicht nur das Hamburger Nachrichtenmagazin fürchtete nach der Wahl Trumps um die Grundlagen der amerikanischen Demokratie. Manche verglichen ihn sogar mit Benito Mussolini.

          Präsident ohne Kenntnisse

          Nichts davon ist bisher eingetreten. So war das kein Argument mehr, weshalb Köppels Vorwurf der Weltuntergangsstimmung in die Irre führte. Vielmehr ging es um jene Ernüchterung, die nach Trumps ersten hundert Tagen allenthalben festzustellen ist. Er hat wenig erreicht, wenigstens gemessen an seinen Ankündigungen. Roth nannte diese Bilanz „ein Desaster“ und Trump einen Präsidenten ohne Kenntnis „politischer Prozesse“. Nach Meinung Feldenkirchens habe niemand damit gerechnet, wie „unvorbereitet, wie ignorant und mit wie wenig Wissen er in das Amt gekommen ist.“

          Ob damit wirklich niemand gerechnet hat, ist zwar zu bezweifeln. Aber Köppel ist ja bisweilen nicht ohne Humor: Man könnte nämlich Trump nicht zuerst vorwerfen, ein Diktator zu sein, um sich anschließend darüber zu beklagen, das nicht zu sein. Allerdings reicht es auch nicht aus, sich selbst als medienkritischer „Anti-Anti-Trump“ vorzustellen, wie es Köppel tat. Von Trumps programmatischen Ideen aus dem Wahlkampf ist nämlich bisher fast nichts umgesetzt worden: In der Innenpolitik hat er zumeist Niederlagen erlitten, während seine Außenpolitik seine Wahlkampfaussagen schon längst dementiert hat. Wo Trump Akzente setzen konnte, betrifft es lediglich den klassischen Mainstream des amerikanischen Konservativismus. Damit will sich ein so profilierter Kritiker des linken Mainstreams wie Köppel wirklich zufrieden geben?

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