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„Einmal Hallig und zurück“ : Bloß nicht auf der Stelle treten

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Wasser marsch: Fanny Reitmeyer (Anke Engelke) ist anderes Geläuf gewohnt als der Vogelschützer Hagen Kluth (Charly Hübner). Bild: NDR/BRAINPOOL/Joerg Landsberg

Klatschreporterin trifft Inselkauz, quasselt ihn fast besinnungslos und findet wattwandernd die Story ihres Lebens: In „Einmal Hallig und zurück“ drehen Anke Engelke und Charlie Hübner auf.

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          Einmal Bob Woodward oder Carl Bernstein sein! Eine klitzekleine Watergate-Affäre enthüllen, so wie die legendären Politjournalisten der „Washington Post“! Reporterin ist Fanny Reitmeyer (Anke Engelke) zwar schon seit Jahren, doch ihr Metier bei der Tageszeitung „Mega“ sind nicht die Verschwörungen und Abgründe der Weltpolitik, sondern bloß die Sexaffären der Reichen und Schönen in Hannover. Womit die Verbindung zur Politik eigentlich automatisch gegeben ist, meint sie - ein dezenter Hinweis auf die jüngere bundesdeutsche Politik- als Gesellschaftsgeschichte. Journalistin sein heißt für Fanny Reitmeyer nicht, investigativ zu recherchieren, sondern auf Sylvester Stallones Exgattin Brigitte Nielsen warten, die bei der Umwelt- und Wirtschaftsminister-Party dann doch nicht aufkreuzt. Selbstverständlich aber trotzdem auf den Gesellschaftsseiten erscheinen wird. „Nehmen wir ein altes Foto, dann hat sie auch noch was davon“, säuselt die Klatschreporterin den mimiklos gebotoxten Society-Ladys zu. Die lachen gekünstelt auf, sofern es ihr festgefrorener Gesichtsausdruck zulässt.

          Wie die Jungfrau zum Kinde kommt die Boulevardschreiberin dann aber einem veritablen Politkrimi auf die Spur. Korruption, Schiebung, Fälschung technischer Daten in großem Stil, eine kriminelle Allianz zwischen Umweltpolitik und Großindustrie, und das alles auch noch im Namen des Atomausstiegs: Was Fanny Reitmeyer da auftut, ist die Story ihres Lebens. Dumm nur, dass ihr gleichermaßen schleimiger wie skrupelloser Chefredakteur Bernd Fliegner (Robert Palfrader) ihr den USB-Stick mit den Beweisen abnimmt, „damit die Profis die Sache übernehmen können“, und sie für das Porträt eines Lachseeschwalbenhilfsbrüters auf die Hallig Süderoog schickt.

          Das steht sie nun, die „hohle Nuss“

          Da steht sie nun, die „hohle Nuss“ vom Gesellschaftsteil, in Modekreationen wie aus Albtraumseiten der Modemagazine, hat in Hannover einen beeindruckenden Sprint auf Stöckelschuhen hingelegt und landet nach einem Widderangriff im Matsch, als wären wir bei „Ladykracher“. Künstliche Wimpern dahin, zwangsoriginelle Klamotten unbrauchbar. Das Mundwerk aber ist intakt und funktioniert weiter nach dem Motto: „Erst einmal niederreden, dann weitersehen“. Der größtmögliche Kontrast zu den schweigsamen Wattbewohnern, deren Interesse sich in der Frage erschöpft, ob der Dorsch nun überfischt sei oder nicht. Friedjolf (Lars Rudolph) befördert die Dauerspeiende per Postboot in die Welt des Vogelschützers: kein Internet, kein Handy, kein Fernsehen und eine Kate wie aus dem Touristenprospekt. Da steht sie nun und labert nach kurzem Schockmoment alle und alles tot.

          Hagen Kluth (Charly Hübner), der Lachseeschwalbenfan, eigentlich aber militanter Umweltschützer inkognito, brummelt dagegen höchstens mal so vor sich hin. Die „Medientussi“ und der Wattwurmliebhaber? Das geht nicht gut und geht dann natürlich doch bestens, als sie das gemeinsame Ziel entdecken, einen Off-Shore-Windpark im Naturschutzgebiet zu verhindern. Slapstick, Screwballdialoge, Albernheiten und echt komische Momente gibt es dabei im Dutzend billiger. Platt ist hier, von den Witzen über die Sprache bis zur Landschaft, Programm. Aber weil er auf den Punkt inszeniert ist, gewinnt „Einmal Hallig und zurück“ trotzdem an Höhe. Das Drehbuch stammt von den „Pastewka“-Autoren Chris Geletneky und Sascha Albrecht, inszeniert hat es die mehrfache Grimmepreisträgerin Hermine Huntgeburth, und zum Nichtsattsehen ausgestattet wurde das alles von Bettina Schmidt. Allein das Innere der Hallig-Kate ist eine Schau.

          So gelingt selbst das Gegeneinander von laut krachenden Comedy-Gebaren und hintersinnigen Robert-Gernhardt-Momenten. Wenn Anke Engelke und Charly Hübner, die beide perfekt agieren, durchs Watt wandern und zur besseren Betrachtung des Sonnenuntergangs rückwärts laufen, um schließlich auch nur noch rückwärts miteinander zu sprechen, vollzieht sich ein solcher Registerwechsel. Fanny Reitmeyer findet, während die Bildgestaltung von Martin Langer ganz auf Weite des Blicks setzt, aus der Künstlichkeit der Medienwelt zurück zu einem fast kindlichen Staunen über die Natur, und an die Stelle des verkrampften Sich-verständigen-Wollens zwischen Mann und Frau tritt das neckende Spiel mit der Sprache. Dass auch dem lokalen Schnaps und dem Schöntrinken gewisse Rollen zukommen, versteht sich fast von selbst. Süderoog statt Hannover? Was für eine Frage!

          Sieht aus, als wollte Hagen weglaufen. Aber seine Begleiterin Fanny bleibt dran.

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