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Neuer „Tatort“ aus Bremen : Für die einen ist es Windkraft, für die anderen ein Vogelschredder

  • -Aktualisiert am

Mit Schutzhelm am Tatort: Kommissar Stedefreund (Oliver Mommsen) in Blau Bild: Radio Bremen

Geht ein Öko-Unternehmer für den grünen Strom auch über Leichen? Im Bremer „Tatort. Wer Wind erntet, sät Sturm“ wird der Kampf um Umweltschutz sehr schmutzig.

          Die weltgewandten, jederzeit kamerafähig frisierten Profis unter den Umweltschützern wissen, dass das persönliche Ökosystem am allerbesten geschützt werden will. Weshalb es auch sich auszahlt, Kontakte zu Menschen mit Kontakten zu haben, und auch Blanko-Schecks im Ärmel sind sicherlich hilfreich und gut. Ob der aufgekratzte Unternehmer Lars Overbeck, der sich in der Anti-Atom-Bewegung zum Charismatiker ausbilden ließ und den kinoreifen Auftritt im Range Rover schätzt, noch viel weiter geht und das Zeug zum Mörder hat, ist allerdings nicht gesagt, als die Bremer Kriminalhauptkomissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) im Naturschutz-Milieu zu ermitteln beginnt.

          Zwar laufen die Spuren auf Overbeck zu in dem Fall eines toten Umwelt-Aktivisten und eines weiteren, der wie vom Winde verweht scheint: In der abbruchreifen Kommando-Zentrale der Aktivisten finden die Ermittler den Hinweis auf den Protest gegen einen Offshore-Park, den Overbeck baut und betreibt. Und eben dorthin war der nunmehr vermisste Aktivist Henrik Paulsen (Helmut Zierl) mit Vollgas unterwegs, um aller Welt in der Rolle als mutiger Video-Blogger zu zeigen, dass der grüne Strom in Wahrheit ein blutroter ist. Seine Actionkamera wird hinter den Rotorblättern eines Windrads entdeckt. Daneben geschredderte Vögel.

          Der Krieg um den wahren grünen Glauben

          Der Zuschauer, der Paulsens Schlauchboot zum Auftakt dieses straff und spannend inszenierten „Tatorts“ über das Meer begleiten durfte - Bilder, nach denen man diesen Film nicht mehr ausschalten mag - kann sich den Verschwundenen allerdings ebenfalls als Täter vorstellen. Auch der blonde Aktivist Kilian Hardendorf (Lucas Prisor), eine Heißdüse, die den Ermittlern eine gleichermaßen zur südamerikanischen Pflanzenschutzmafia wie zu Overbeck führende Geschichte aufzutischen versucht, ist ein unsicherer Kantonist. Er schlägt sein Zelt bei Katrin Lorenz (Annika Blendl) auf, der mädchenhaften Vize-Chefin des wichtigsten deutschen Naturschutzvereins.

          Beeindruckender Ausblick: Hauptkommissar Stedefreund fährt mit dem Betreiber des Windparks, Lars Overbeck (Thomas Heinze), zu einem Windpark in der Nordsee.

          Und selbst Katrin Lorenz ist etwas suspekt, was nicht bloß an ihren blendenden Kontakten zu dem sich selbst spielenden Giovanni di Lorenzo liegt, der sie zum rechten Zeitpunkt in seiner Talkshow „3 nach 9“ auftreten lässt. Vielmehr bewohnt die Frau ein luxuriös eingerichtetes Anwesen, in dem sie emotionsgeladene Spendenkampagnen per Mausklick initiiert, sie kennt den wirtschaftlich angeschlagenen Overbeck (Thomas Heinze), wie man sich nach Jahren des gemeinsamen Kampfes eben so kennt, Küsschen links, Küsschen rechts. Selbst das Gespräch mit dem blutleeren Hedge-Fonds-Manager Milan Berger (Rafael Stachowiak) ist ihr nicht fremd. Von Henrik Paulsen, dem Vermissten, der bei der Ersteigerung des Windrads in der Nordsee auffallend müde aussah, bekam sie ein Kind.

          Wo das hinführt? Verraten sollte man nur, dass sich der Journalist und Drehbuch-Autor Wilfried Huismann, der für das Bremer Gespann Sabine Postel und Oliver Mommsen schon einige „Tatort“-Folgen schrieb und auch diesmal wieder kongenial mit Regisseur Florian Baxmeyer zusammenarbeitet, von einer schlechten Schlagzeile inspirieren ließ, die der Bund für Umwelt und Naturschutz im Jahre 2003 produzierte: „Da hat es hinter den Kulissen richtig gekracht und mir war klar, das ist ein toller Stoff.“ Er stellte sich die Frage, ob auch Umweltschützer käuflich seien und beschloss, „dass der Krieg um den wahren ,grünen’ Glauben das eigentliche Thema dieses ,Tatorts’ sein soll.“ Das Ergebnis ist ein sehr stimmiger, mit feinen Überzeichnungen und Anspielungen, subtilem Humor, melancholischem Soundtrack (Stefan Hansen) und einer kühlen Kamera (Peter Joachim Krause) auftrumpfender Krimi, den man sich auch dann anschauen sollte, wenn die Rettung der Welt dafür um neunzig Minuten aufgeschoben werden muss.

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