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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Angst gibt keine Antwort

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger Bild: dpa

Auch Quatsch hat Methode: Unter dem Titel „Das Quartett der Querdenker“ diskutiert Sandra Maischberger das Jahr 2015. Sogar Thomas Gottschalk gibt kritische Denkanstöße.

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          Das Querdenken verspricht Ersatz. Nur wofür? Jedenfalls kaum für das eigene Denken, das um so wichtiger wird, wenn Hass das politische Klima des Landes vergiftet. Denken ist Gegengift. Das gilt ebenso für eine klare Haltung. In dieser Hinsicht fand Thomas Gottschalk den richtigen Ton, als er von seiner eigenen Ratlosigkeit sprach. Sein Leben lang habe er gefallsüchtig versucht, sein Publikum zu verstehen und immer versucht, Positionen zu vermeiden. Er habe sich immer als unpolitischen Menschen verstanden, der immerhin noch an das Gute geglaubt habe. Aber er, der als Peacenik begann, sei nun dabei, die Fahne einzurollen.

          Politikveteran Heiner Geißler ist nicht so pessimistisch. Mit 85 Jahren ist sein Optimismus ungebrochen. Er erinnert an Wolfgang Schäubles Aussage, die Flüchtlingskrise sei das „Rendezvous unserer Gesellschaft mit der Globalisierung“. Nur kommt dieses Rendezvous nicht als Lili Marleen an der Laterne daher und ist alles andere als romantisch. Deshalb beherrscht Geißler auch heute die Kunst, eine Krise zu politischen Zwecken zu nutzen. Frau Merkel habe mit ihrer Parteitagsrede bewirkt, dass einige Leute wieder wüssten, warum sie in der CDU sind.

          Gottschalk, ein Monarchist?

          Alice Schwarzer, die es nicht weit zu Maischbergers Kölner Studio hat – was sprach sonst noch dafür, sie einzuladen? – springt Geißler bei und lobt den Mut der Bundeskanzlerin, bezweifelt allerdings, dass sie bei ihrem Satz „Wir schaffen das“ die Folgen bedacht habe. Während sie begeistert vom ersten Amtseid Angela Merkels vor zehn Jahren redet, schweift der Blick des Frühkritikers durch das Studio und bleibt beim Pullover Thomas Gottschalks hängen. Ist das etwa ein Bild der britischen Krone auf seinem Pullover? Hat er als Schalk vom Dienst den Pullover als Antwort auf Sandra Maischbergers Stabreim mit dem Q. angezogen? Wo ist Q, wenn man ihn wirklich braucht?

          Frau Schwarzer redet ohne Punkt und Komma weiter, ist inzwischen beim französischen „Oh là là“ zu Frau Merkel gelandet. Der deutsche Franzose Daniel Cohn-Bendit hat sein Temperament im Griff. Er redet erst, wenn er tatsächlich, spät, zum ersten Mal etwas gefragt wird. Das war mal anders. Wie erlebt er Frankreich heute? Natürlich gebe es eine tiefsitzende Angst. Sie werde aber in Schach gehalten durch die Frage: Wie wollen wir leben? Angst gibt keine Antwort. Eher schon der Bucherfolg von Ernest Hemingways Hommage an Paris „Paris ist ein Fest“, ein symbolischer Bucherfolg, der mittelbar die Frage beantwortet. Natürlich werde er bei der Europameisterschaft ins Stadion gehen.

          Als Antwort auf Daniel Cohn-Bendits Gedanken, der Angst keinen Raum zu geben, hätte die Regie die Chance gehabt, den vorbereiteten Einspieler fallen zu lassen. Stattdessen bringt sie ihn doch. Der Einspieler erinnert an die Absagen eines Karnevalsumzugs in Braunschweig, eines Radrennens in Frankfurt und eines Fußballspiels in Hannover. Ob diese Entscheidungen dabei halfen, einen Anschlag zu verhindern, weiß weder Thomas Gottschalk noch die Öffentlichkeit. Aber der Entertainer lobt den Bundesinnenminister dafür, dass er keine Antwort geben mochte, weil ein Teil seiner Antwort die Bevölkerung verunsichern würde. Endlich mal keine vorgestanzten Ausflüchte.

          Heiner Geißler ordnet die Lage. Die Lage sei heute anders als zu RAF-Zeiten. Terror, der sich auf Gott berufe und gegen alle richte, sei eine andere Qualität der Bedrohung. Er erinnert daran, was er nach dem 11. September 2001 in Afghanistan erlebt habe. Aber, wie heute zu besichtigen sei, hätten auch vierzehn Jahre Krieg das Land weder befriedet noch die Taliban vertrieben.

          Irak, Syrien, Libyen

          Alice Schwarzer zieht einen weiten Bogen von den Kriegsschauplätzen im Irak und Syrien bis nach Libyen. Der Westen habe die arabische Welt ins Chaos gestürzt. Bomben könnten den Schaden nicht beheben. Es gelte, die richtigen Kräfte zu unterstützen. Cohn-Bendit analysiert die Lage präziser. Bei dem Islamischen Staat handele es sich infolge seiner territorialen Ausbreitung vom Mittleren Osten bis nach Nigeria um ein staatsähnliches Gebilde und nicht um eine Handvoll von Irren aus den Vorstädten. Auch die tapferen Kurden hätten ohne Luftunterstützung durch amerikanische Bomben keine Städte zurückerobert. Im übrigen ließe sich die Welt von heute nicht in einem halben Satz erklären.

          Frau Maischberger will den Gedanken nicht aufgreifen. Ob es als Antwort auf die Gotteskrieger nicht an der Zeit sei, dass wir christlicher würden, fragt sie ihre Gäste. Um Himmels willen! Thomas Gottschalk beschwört die Unschuld seines Katholizismus, sieht Risse in seiner festen Burg und bemängelt, dass es dem Osten der Republik an Empathie fehle. Seinen Eltern sei es als oberschlesischen Flüchtlingen in Oberfranken nicht viel anders ergangen als einem Libyer heute in Bad Reichenhall. Wo bleibe die Nächstenliebe?

          Eine abwegige Diskussion. Allerdings zeigt die laizistische Republik Frankreich, dass die Zivilgesellschaft an Bindungskraft verliert. 30 Prozent der jungen Franzosen, die zum IS in Syrien gingen, seien Konvertiten, sagt Cohn-Bendit. Jede Religion habe auch dunkle Seiten. Die Herausforderung bestehe heute darin, den vielen nach Deutschland geflüchteten Menschen zu zeigen, dass sie sich ändern könnten. Hierzu müsse investiert werden: in Schulen, in Sozialarbeit. Integration brauche einen Masterplan. Auch bei den deutschen Vertriebenen habe niemand nach einer Obergrenze gerufen. Seine Familie habe sich arrangiert und durchgebissen, sagt Gottschalk, ein Hinweis, welche finsteren Quellen sein sonniges Gemüt als Unterhalter genährt haben.

          Kohls Fiktion

          Heiner Geißler erinnert an Helmut Kohls Fiktion in den 90er Jahren, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Damals schrieb er für den Spiegel die Rezension über das Buch von Daniel Cohn-Bendit und Thomas Schmid „Heimat Babylon“, das vor über zwanzig Jahren den Weg zu einer kluge Integrationspolitik beschrieben hat. Cohn-Bendit kritisiert die Gastgeberin. Mit ihren Fragen insinuiere sie Angst als Antwort. Angst aber löse kein einziges Problem. Angesichts von Pegida und rechtsradikalen Brandstiftern gehe es darum, die demokratische pluralistische Kultur nach allen Seiten durchzusetzen.

          Geißler haut in die gleiche Kerbe. Mit Pegida und der AfD sei der rechte Rand anders sichtbar geworden, brauche sich nicht mehr zu genieren. Um so wichtiger werde die scharfe Auseinandersetzung. Ängste ließen sich nicht verbieten, wendet Frau Schwarzer ein. „Aber Hetze!“ kontert Haudegen Geißler. Wie sich die Zeiten ändern, bezeugt auch eine schon fast wieder vergessene Personalie der Partei der „Republikaner“. Ihr Vorsitzender Franz Schönhuber war in seiner vorherigen Laufbahn Thomas Gottschalks Programmdirektor beim Bayerischen Rundfunk.

          Unterhaltung mit Haltung

          Das Mäandern nimmt eine letzte Kurve. Die große Samstagabendshow werde es nicht mehr geben. Die Zeit eines großen Kessel Buntes für die ganze Republik sei vorbei. Der Tatort schaffe es nur mit Mord und Totschlag.

          2015 sind eine Millionen Menschen nach Deutschland gekommen, von denen kein einziger Thomas Gottschalk kennt. Der sieht das gelassener als seine Gastgeberin. Heute lockt es niemanden hinterm Ofen hervor, ob jemand mit den Zähnen einen Bikini aufmachen kann. Eher geht es um die Frage, in welcher Dramaturgie Unterhaltung glaubhaft Haltung vermitteln kann. Das zeigen heute mit Bravour Leute wie Jan Böhmermann, Joachim „Joko“ Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf.

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