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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Angst gibt keine Antwort

  • -Aktualisiert am

Irak, Syrien, Libyen

Alice Schwarzer zieht einen weiten Bogen von den Kriegsschauplätzen im Irak und Syrien bis nach Libyen. Der Westen habe die arabische Welt ins Chaos gestürzt. Bomben könnten den Schaden nicht beheben. Es gelte, die richtigen Kräfte zu unterstützen. Cohn-Bendit analysiert die Lage präziser. Bei dem Islamischen Staat handele es sich infolge seiner territorialen Ausbreitung vom Mittleren Osten bis nach Nigeria um ein staatsähnliches Gebilde und nicht um eine Handvoll von Irren aus den Vorstädten. Auch die tapferen Kurden hätten ohne Luftunterstützung durch amerikanische Bomben keine Städte zurückerobert. Im übrigen ließe sich die Welt von heute nicht in einem halben Satz erklären.

Frau Maischberger will den Gedanken nicht aufgreifen. Ob es als Antwort auf die Gotteskrieger nicht an der Zeit sei, dass wir christlicher würden, fragt sie ihre Gäste. Um Himmels willen! Thomas Gottschalk beschwört die Unschuld seines Katholizismus, sieht Risse in seiner festen Burg und bemängelt, dass es dem Osten der Republik an Empathie fehle. Seinen Eltern sei es als oberschlesischen Flüchtlingen in Oberfranken nicht viel anders ergangen als einem Libyer heute in Bad Reichenhall. Wo bleibe die Nächstenliebe?

Eine abwegige Diskussion. Allerdings zeigt die laizistische Republik Frankreich, dass die Zivilgesellschaft an Bindungskraft verliert. 30 Prozent der jungen Franzosen, die zum IS in Syrien gingen, seien Konvertiten, sagt Cohn-Bendit. Jede Religion habe auch dunkle Seiten. Die Herausforderung bestehe heute darin, den vielen nach Deutschland geflüchteten Menschen zu zeigen, dass sie sich ändern könnten. Hierzu müsse investiert werden: in Schulen, in Sozialarbeit. Integration brauche einen Masterplan. Auch bei den deutschen Vertriebenen habe niemand nach einer Obergrenze gerufen. Seine Familie habe sich arrangiert und durchgebissen, sagt Gottschalk, ein Hinweis, welche finsteren Quellen sein sonniges Gemüt als Unterhalter genährt haben.

Kohls Fiktion

Heiner Geißler erinnert an Helmut Kohls Fiktion in den 90er Jahren, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Damals schrieb er für den Spiegel die Rezension über das Buch von Daniel Cohn-Bendit und Thomas Schmid „Heimat Babylon“, das vor über zwanzig Jahren den Weg zu einer kluge Integrationspolitik beschrieben hat. Cohn-Bendit kritisiert die Gastgeberin. Mit ihren Fragen insinuiere sie Angst als Antwort. Angst aber löse kein einziges Problem. Angesichts von Pegida und rechtsradikalen Brandstiftern gehe es darum, die demokratische pluralistische Kultur nach allen Seiten durchzusetzen.

Geißler haut in die gleiche Kerbe. Mit Pegida und der AfD sei der rechte Rand anders sichtbar geworden, brauche sich nicht mehr zu genieren. Um so wichtiger werde die scharfe Auseinandersetzung. Ängste ließen sich nicht verbieten, wendet Frau Schwarzer ein. „Aber Hetze!“ kontert Haudegen Geißler. Wie sich die Zeiten ändern, bezeugt auch eine schon fast wieder vergessene Personalie der Partei der „Republikaner“. Ihr Vorsitzender Franz Schönhuber war in seiner vorherigen Laufbahn Thomas Gottschalks Programmdirektor beim Bayerischen Rundfunk.

Unterhaltung mit Haltung

Das Mäandern nimmt eine letzte Kurve. Die große Samstagabendshow werde es nicht mehr geben. Die Zeit eines großen Kessel Buntes für die ganze Republik sei vorbei. Der Tatort schaffe es nur mit Mord und Totschlag.

2015 sind eine Millionen Menschen nach Deutschland gekommen, von denen kein einziger Thomas Gottschalk kennt. Der sieht das gelassener als seine Gastgeberin. Heute lockt es niemanden hinterm Ofen hervor, ob jemand mit den Zähnen einen Bikini aufmachen kann. Eher geht es um die Frage, in welcher Dramaturgie Unterhaltung glaubhaft Haltung vermitteln kann. Das zeigen heute mit Bravour Leute wie Jan Böhmermann, Joachim „Joko“ Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf.

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 Unser Autor: Patrick Schlereth

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