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Krimi im ZDF : Das Schweigen der Kinder

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Die drei besten Freundinnen Liv, Fenja und Nele albern am Strand herum. Doch der Schein trügt, keiner ahnt, was die drei Mädchen schon bald vorhaben. Bild: ZDF und Marion von der Mehden

Die ZDF-Krimireihe „Unter anderen Umständen“ begibt sich auf eine dänische Insel: In einem deutschsprachigen Internat kämpfen junge Mädchen mit ihrer Pubertät und dem Verlust einer Mitschülerin.

          Ein ertrunkenes Mädchen wird aus der Schlei gespült, Würgemale am Hals. Vor ihrem Tod wurde die Jugendliche missbraucht. Fünfzehn Jahre wurde sie alt. Ihr Mörder hatte sie mit „Liquid Ecstasy“, auch K.-o.-Tropfen genannt, betäubt. Jana Winter (Natalia Wörner) ermittelt, dass Nele (Emilia Bernsdorf) in der Nacht den DJ in einem Club angeschmachtet hatte, sich auf der Tanzfläche entblößte für seine Aufmerksamkeit. Der Arm des Mädchens ist voller selbstbeigebrachter Verletzungen – Ritzspuren. Um den Hals trägt Nele wie ein Abwehrzauber-Amulett eine Rasierklinge. Winters Chef Brauner (Martin Brambach) nimmt der Fall mit, Neles Eltern (Leslie Malton und Harald Schrott) sind Freunde, die Mutter ist vielleicht eine unerwiderte Liebe. Man sieht nur, was sich in Brauners Gesicht spiegelt. Jedenfalls trinkt er wieder. Abermals zeigt Martin Brambach in einer wenig dankbaren Rolle, warum er zu den sehenswertesten Schauspielern im deutschen Fernsehen gehört.

          Bilderbuchmäßige Pubertätsdramatik

          Dasselbe gilt für Natalia Wörner, die nur einmal im Jahr in Schleswig im äußersten Norden der Republik analytisch konsequent und emotional durchlässig ihre Fälle aufklärt. Kollege Hamm (Ralph Herforth) ist diesmal wegen Kehlkopfentzündung stumm und führt seine Befragungen schriftlich. Das soll wohl für eine hellere Note in einem düsteren Fall sorgen. Das Motiv der Nichtverständigung zwischen den Generationen aber, Katastrophen, die im Verschweigen, Abkapseln und Nicht-mitteilen-Können ihre Ursache haben, ist das zentrale Motiv des Films. Einiges wird in dem Krimi „Das Versprechen“ aus der Serie „Unter anderen Umständen“ lediglich angedeutet, Wesentliches nicht bis in die dunkelsten Seelenwinkel beleuchtet. Die Auslassungen sprechen für sich. Insgesamt ist die Erzählökonomie bemerkenswert durchdacht und unangestrengt präzise umgesetzt (Buch André Georgi, Regie Judith Kennel, Kamera Nathalie Wiedemann). Nicht alles bleibt so zwingend, wie es scheint, vor allem nicht das Motiv für den Tod Neles.

          Lag irgendetwas im Leben der Jugendlichen im Argen? Umgekehrt ist die Frage sinnvoll. Was liegt nicht im Argen, wenn man fünfzehn ist? Die Spur führt in ein deutschsprachiges Internat auf einer dänischen Insel. Anscheinend lauter Problemjugendliche. Also ganz normale. Mit zwei Freundinnen lebte das Mädchen in einem Zimmer, schwor Treue, probierte den ein oder anderen Kuss, leerte heimlich Wodkaflaschen, beobachtet von Liam (Tom Gronau), einem stillen Verehrer, der ihr auch nach Schleswig gefolgt war.

          Internationales Ermittlerteam: Natalia Wörner und der schwedische Schauspieler Magnus Krepper in der Bibliothek des Internats Louisenlund

          Das zweite Mädchen, Liv (Pauline Rénevier) ist auch verschwunden. Malte Larssen (Magnus Krepper), ein zerknautschter Typ von der Vermisstenstelle Kopenhagen, geht der Sache nach. Jana Winter und Larssen, das deutet sich an, werden wir nicht zum letzten Mal miteinander gesehen haben. Nach und nach konzentriert sich alles auf das dritte Mädchen. Auch Fenja (Valeria Eisenbart) verbirgt eine Menge, hasst ihren Vater mit bilderbuchmäßiger Pubertätsdramatik und hütet das Vermächtnis der beiden anderen Mädchen. Erwachsenwerden – das ist vor allem Verlust der kindlichen Gewissheiten. Zwischen Kindheit und Großsein kein Trost, nirgends. Entweder man mutiert zum selbstgefälligen Idioten, wie der von Jimi Blue Ochsenknecht verkörperte DJ. Oder man steht selbstbewusst zum leichtfertig verschenkten Kuscheltier, wie Jana Winters Sohn auf Klassenfahrt: „Ich bin schon groß.“ Bevor das erreicht ist, muss die Lebenskrise namens Pubertät erst einmal bewältigt werden.

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