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ARD-Krimi „Der Metzger“ : Was schwimmt denn da im Haifischbecken?

Das sieht nicht gut aus: Die Hobbydetektive Willibald Metzger (Robert Palfrader) und Danjela (Dorka Gryllus) entdecken eine Leiche im Aquarium. Bild: ARD Degeto/Jacqueline Krause-Bur

Das Erste stellt uns einen Ermittler vor, der sich eigentlich um erhaltenswerte Altertümer kümmert. Doch dann liegen auf seinem Weg lauter schöne Leichen: Der „Metzger“ legt los.

          3 Min.

          Die gute Nachricht vorneweg: Auch beim Ersten hat man begriffen, dass mit Holladiho-Betulichkeitsfernsehen selbst dann kein Geranienkübel mehr zu gewinnen ist, wenn es als launiger Alpenkrimi daherkommt. Weil nun aber kein Weg an immer neuen Krimiserien vorbeizugehen scheint, Tirol sich gern als „ideales Filmproduktionsland“ bewirbt – Stichwort Filmförderung – und Thomas Raab mit seinen Romanen rund um den österreicherischen Restaurator und Hobbydetektiv mit dem eingängigen Namen Willibald Adrian Metzger eine ebenso erfolgreiche wie verfilmbare Vorlage geliefert hat, sehen wir nun den Metzger auf dem Bildschirm. Und zwar in Gestalt von Robert Palfrader, den deutsche Zuschauer noch am ehesten aus „Dampfnudelblues“ kennen – oder eben gar nicht. Was der Sache entschieden guttut.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ächzend radelt er Serpentinen bergan, bergab, durch eine Karstlandschaft ohne Strauch und Baum, dafür mit jeder Menge Geröll. Wild schaut das aus, von schräg oben gefilmt oder mit Fischaugenoptik und immer mit dezent überdrehten Kontrasten, Gegenlichtstimmungen und Farbsättigungsspielereien. Hallo, sagt diese Kameraarbeit (Ralf Noack), hier werden keine Heimattümelei und kein Sehnsuchtsfilm für Touristen in spe präsentiert, sondern etwas anderes. Die Figuren erscheinen mit Vorliebe unten an den Bildrand gedrängt, in viel, viel Landschaft oder Interieur. Dazu zupft die Country-Gitarre mal sachte am Gemüt, mal sanft an den Nerven, und weil es keinen wirklich coolen indigenen Alpenblues gibt, leiht man sich Johnny Cash herbei, damit er gegen den Strich bürste und erde, was der Metzger auf seinen Wegen hinauf-, hinabrollt: eine heitere Geschichte mit schattigen Elementen – und mit Klamauk.

          Als Willibald Metzger die Bremsen versagen, weil vor seinen Augen eine Frau im Evakostüm in den See taucht, und er nach einer Bruchlandung mit Radel geradewegs vor ihren Füßen landet, gibt man dem Krimi schon fast keine Chance mehr. Erst recht nicht, weil vor der Nasenspitze des Gestürzten ein abgetrennter Finger mit Ehering auf einem Stein liegt, nach dem die inzwischen in einen Hotelbademantel gehüllte Schöne furchtlos greift. Danjela Djurkovic (dauercharmierend gespielt von Dorka Gryllus) wird sich noch als das Mädchen entpuppen, das der pummelige Willibald Adrian in der achten Klasse angehimmelt hat, erst einmal haben sich die beiden als Hobbydetektiv-Duo gesucht und gefunden.

          Mühelos weggesnackt

          Eigentlich hat der Metzger seinen Rucksack nur in der Panorama-Herberge oben am Berg abgeworfen, um eine wurmstichige Nepomuk-Statue zu restaurieren. Der ertränkte Patron des Beichtgeheimnisses ohne Hände, das ist ein erster Wink auf allerlei Unausgesprochenes und das, was noch kommen wird. Nach dem Sturz und dem ersten Geplänkel steht vor Danjelas Hotel schon die Polizei. Ein Gast ist im Pool ertrunken, ein trauriger Unfall, heißt es. Aber der alte Mann schwamm gar nicht gern, und als bald darauf ein weiterer Toter in seinem eigenen Blute im Haifischaquarium treibt, lässt sich Willibald Metzger langsam von seiner Angebeteten überreden, den Mörder zu suchen. Obwohl seine Restaurierarbeit für ihn immer vorgeht.

          Nein, der Plot von „Der Metzger und der Tote im Haifischbecken“ (Buch: Holger Karsten Schmidt, Regie: Andreas Herzog) besticht weder durch Tiefe noch Raffinesse, er ist auch nicht besonders originell. Es geht um Schuld und Schande und einen verkorksten Clan mit drei Söhnen, von denen einer dem Metzger die doppelläufige Schrotflinte an den Schädel hält, der andere ihn in Brand stecken will und der dritte verschwunden ist. Oder doch nicht? Danjela sammelt Corpora Delicti wie weiland Miss Marple, ein Taschentuch mit Monogramm, einen zerknüllten Brief, ihr Counterpart Willibald lässt sich in der Kirche Hintergrundwissen von einer tratschsüchtigen Seniorin ins Ohr flüstern. Der Pfarrer hört mit und weiß mehr, als er sagt, natürlich, und am Ende wird der Höchste es schon richten, Gott sei Dank.

          Was einem genau an düsterer Familienaufstellungen aus der Bergwelt serviert wird, lässt sich häppchenweise auf einem Jausenbrett anrichten und mühelos wegsnacken. Der Zuschauer wird schnell vergessen haben, was er da genau konsumierte. Haften bleibt einzig die Vorstellung, die Robert Palfrader gibt. Sein Willibald Adrian Metzger gerät aller ihm in den Mund gelegten Pointensucht zum Trotz zu einem Charakter, der vollständig wirkt, obwohl wir nur absonderliche Details von ihm erfahren. Einer, der dem Kettenhund Wurst vorbeibringt und immer Mamas Nagelknipser bei sich trägt, könnte schnell als Freak erscheinen. Palfrader macht ihn zu einer Figur, von der man durchaus mehr erfahren wollte.

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