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TV-Doku „Alles Lüge oder was?“ : Propaganda, so weit das Auge reicht

Eine orthodoxe jüdische Zeitung tilgte Angela Merkel von Bildern des „Charlie Hebdo“-Trauermarschs, ein liberales jüdisches Magazin drehte den Spieß um: die Bundeskanzlerin neben der Bundeskanzlerin neben der Bundeskanzlerin. Bild: NDR

Gefälschte Nachrichten gab es schon immer. In der digitalen Welt verbreiten sie sich jedoch schneller denn je, und viele „Fakes“ sind täuschend echt. Die ARD geht dem nach. Und hat dabei – vielleicht nur vorläufig – selbst einen Fehler gemacht.

          Seit Monaten kursiert das Video im Internet. Millionen haben gesehen, wie ein syrischer Junge, von Heckenschützen getroffen, zu Boden geht, aufsteht und weiterläuft, um seine Schwester zu retten. Doch die Geschichte vom „hero boy“ ist eine Fälschung. Welche Details sie verraten, weiß Chris Hamilton, Leiter der BBC-Abteilung, die täglich Material dieser Art sichtet und fragt: Was ist echt, was inszeniert?

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Hamilton gehört zu den Experten, die Klaus Scherer in seiner Dokumentation „Alles Lüge oder was? Wenn Nachrichten zur Waffe werden“ befragt. In London, Paris, New York, Tel Aviv und Berlin spricht er mit Journalisten, Politikern, Geheimdienstmitarbeitern und Militärs über Nachrichten, Irrtümer und Propaganda. Seine Besuche erzählen von Redaktionen, die im Wettbewerb um Aufmerksamkeit stehen, aber wissen: „Wenn wir unser Handwerk nicht ausüben, werden wir überflüssig.“

          Ein IS-Video, in dem ein Mann scheinbar lebendig begraben wird, kam der BBC unglaubwürdig vor. „France 24“ enttarnte ein Bild, das ein verzweifeltes russisches Mädchen in der Ostukraine zeigen soll, als Foto eines fröhlichen australischen Mädchens. Andere Zweifelsfälle halfen User aufzuklären. Nutzer wiederum verziehen es der Redaktion von „ARD aktuell“ nicht, dass sie allzu schnell zweifelsfrei von russischen Foto-Fälschungen zum Abschuss der Passagiermaschine MH17 sprach. ARD-Nachrichtenchef Kai Gniffke räumt Fehler ein.

          Bildlegende: Ein Experte des Bundesnachrichtendienstes prüft ein Video der Terrorgruppe „Islamischer Staat“.

          Die Nachrichtenlage sei unübersichtlich geworden, sagt eine New Yorker Journalistin. Mehr Informationen, das bedeute mehr Wahrheit und mehr Lüge. Aber die Fakes im Netz sammeln mehr Klicks als ihre Richtigstellungen. Recherchieren, verifizieren, einordnen - hat das Zukunft? Frank Sesno von der George Washington Universität bezweifelt, dass Menschen, wenn es um Politik geht, überhaupt an soliden Informationen interessiert sind. Es gehe ihnen nur um das, was sie wissen wollten.

          So pessimistisch muss man nicht sein. Das Bedürfnis, die Wahrheit zu erfahren, ist unausrottbar. Und ihm zu dienen, bleibt die wichtigste Aufgabe des Journalismus. Dass auch Scherer so denkt, scheint in seiner sachlichen Erkundung durch. Umso ärgerlicher, dass er selbst eine Fehlinformation vom Stapel lässt. Orthodoxe jüdische Zeitschriften haben mitnichten Angela Merkel von Fotos, die - wie es in der Doku heißt - „am Rande des G-7-Gipfels in Paris“ entstanden waren, verschwinden lassen. Die Fotos, die sie in einer Reihe mit Staats- und Regierungschefs zeigen, wurden auf dem Trauermarsch für „Charlie Hebdo“ aufgenommen. Ein solcher Lapsus (zumindest in der uns vorliegenden Pressekopie) wirkt gerade bei dieser Dokumentation fatal.

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