https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tv-kritik/in-der-ard-enzensberger-zu-snowden-ein-held-des-21-jahrhunderts-12537881.html

In der ARD: Enzensberger zu Snowden : Ein Held des 21. Jahrhunderts

  • -Aktualisiert am

„In jeder Verfassung der Welt steht ja ein Recht auf Privatsphäre, Unverletzlichkeit der Wohnung und so weiter. Das ist abgeschafft“: So Hans Magnus Enzensberger in „Titel, Thesen, Temperamente“. Bild: Fricke, Helmut

Die Datensammler, Edward Snowden und unser Leben in postdemokratischen Zuständen: Hans Magnus Enzensberger hat einen großartigen Auftritt in der ARD-Sendung „Titel, Thesen, Temperamente“.

          1 Min.

          „Seid doch mal leise, Leute!“ Mit diesen oder ähnlichen Worten hatte der Bundesinnenminister Friedrich am vergangenen Freitag die Diskussion um Edward Snowden und die Zusammenarbeit der großen Internet-Konzerne mit dem amerikanischen Geheimdienst unterbinden wollen. Es werde viel zu viel „Lärm um falsche Behauptungen gemacht.“

          Gut, hat sich Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, 83, da wohl gedacht. Ich kann es ihm auch leise erklären. Es war ein sehr ruhiger, ein bedächtiger Auftritt, den der große deutsche Intellektuelle da am Sonntagabend in der ARD-Kultursendung „Titel, Thesen, Temperamente“ hatte. Aber seine Botschaft war dramatisch: „Wir leben in postdemokratischen Zuständen“, so Enzensberger.

          Er saß vor der Bücherwand mit den Bänden der einst von ihm herausgegebenen „Anderen Bibliothek“, blickte in die Kamera und sagte in seinem sanften Münchnerisch: „In jeder Verfassung der Welt steht ja ein Recht auf Privatsphäre, Unverletzlichkeit der Wohnung und so weiter. Das ist abgeschafft.“

          Halb belustigt, halb beunruhigt

          Enzensberger tritt nur äußerst selten im Fernsehen auf. Doch die aktuellen politischen Entwicklungen sind ihm offensichtlich zu wichtig, als dass er länger schweigen könnte. Sein Auftritt gestern war von großer Würde und großer Wucht. „Das sagen die ja selbst, dass die das altmodisch finden: Privatsphäre! Verfassung! Das passt doch alles nicht mehr in unsere Zeit.“

          Passt er selbst noch in diese Zeit? Enzensberger scheint sich auf halb belustigte, halb beunruhigte Art nicht ganz sicher zu sein. Er staunt darüber, dass offenbar eine Mehrheit der Bevölkerung überhaupt nicht zu verstehen scheint, was das bedeutet, wenn datensammelnde Weltkonzerne und Geheimdienste so eng kooperieren. Dass die Menschen überhaupt nicht ahnen, was für eine Macht das bedeutet. Für die Konzerne. Und für die Regierungen.

          „Es ist eine Minderheit, die das nicht akzeptieren will“, sagt er. Und er hat sich für diesen Auftritt entschieden, um diese Minderheit wenigstens ein wenig zu vergrößern.

          Hans Magnus Enzensberger ist jedes hohe Pathos eigentlich fremd. Aber die Tat des Edward Snowden und seiner Helfer verdient seine uneingeschränkte Bewunderung: „Diese Menschen sind die Helden des 21. Jahrhunderts, würd' ich mal sagen“, erklärt er lächelnd.

          Vielleicht hat der Bundesinnenminister ihm in diesem Moment zugesehen. Vielleicht ist ihm die von Hans Magnus Enzensbereger gewählte Lautstärke angenehm. Die Botschaft, dass er Minister in einer postdemokratischen Gesellschaft sein soll, ist es vermutlich nicht.

          Weitere Themen

          Wie war es gemeint, Herr Dujarric?

          Fragen an UN-Sprecher zur dpa : Wie war es gemeint, Herr Dujarric?

          Die Deutsche Presse-Agentur hat den UN-Sprecher Stéphane Dujarric nach der Haltung der Vereinten Nationen zur Letzten Generation befragt. Wir wollen wissen, wie das war. Kritisieren die UN die Razzien gegen die Klimagruppe?

          Erfolg mit Picasso

          Auktionen in Köln : Erfolg mit Picasso

          Ein Jubiläum wie gewünscht: 3,4 Millionen für „Buste de femme“ von Picasso in der 500. Auktion von Van Ham und weitere hohe Zuschläge während der „Modern Week“ lassen das Auktionshaus feiern.

          Topmeldungen

          Die stellvertretende brasilianische Außenministerin Maria Laura da Rocha mit Baerbock in Brasília

          Baerbock in Brasilien : Der komplizierte Freund hat anderes zu tun

          Deutschlands Außenministerin erklärt Brasilien den deutschen Ukraine-Blick. Präsident Lula und ihr brasilianischer Amtskollege haben keine Zeit für Baerbock.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.