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TV-Kritik: „heute show“ : Noch ein Schmähgedicht, aber kein Nazi-Schnitzel?

Keiner redet sich so schön in Rage wie Hans-Joachim Heist alias Gernot Hassknecht. Bild: dpa

Auch diese ZDF-Sendung ist wegen Beleidigung angezeigt worden. Es geht um einen Österreich-Witz in Hakenkreuzform. Dazu ein Brüll-und Schmäh-Kommentar von Gernot Hassknecht. Und ein angefressener Klaus Kinkel.

          Das musste ja so kommen. Jetzt hat auch die „heute show“ ein Schmähgedicht gebracht. Was allerdings nicht bedeutet, dass Oliver Welke den Böhmermann machte. Dessen Erdogan-Geknittel ist ja im Grunde eine sehr misslungene Variation der seit langem eingeübten Hassknecht-Rede, auf welche die „heute show“-Gemeinde jedes Mal wartet.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Wenn Hans-Joachim Heist alias Gernot Hassknecht loslegt und sich vom freundlichen Parlando bis zum Hochblutdruckbrüllanfall steigert, bleibt kein Stein auf dem anderen. Nähme er sich Erdogan vor, würde ein Paragraph 103 im Strafgesetzbuch nicht reichen. Aber Hassknecht hat es nicht auf den türkischen Präsidenten alias – Zitat Martin Sonneborn – den „Irren vom Bosporus“ abgesehen, sondern auf die FPÖ-Wähler.

          Schmähung der Österreicher

          Diesen kommt Hassknecht mit Zeilen wie „die Birne hohl und weich die Nudel“ und einigen Dingen mehr, die nicht zitierfähig sind, und, wie der Moderator Oliver Welke vorsichtshalber ankündigt, „garantiert“ nicht den Qualitätsmaßstäben des ZDF entsprechen.

          Sie unterscheiden sich von Böhmermanns Groteske aber dadurch, dass sie nicht ad personam formuliert sind, sondern die große ganze Misere der Österreicher meinen, die sich anschicken, den FPÖ-Mann Norbert Hofer, der in der ersten Runde einen Stimmenanteil von 35,1 Prozent erreichte, zum Bundespräsidenten zu wählen. Was Oliver Welke allein schon deshalb zu schaffen macht, weil Norbert kein guter „Führer-Name“ ist.

          Schnitzel des Anstoßes

          An dieser Stelle hätten wir eigentlich das Nazi-Schnitzel erwartet, das die „heute show“ am vergangenen Montag direkt nach dem ersten Bundespräsidenten-Wahltag bei Facebook serviert hat. Ein paniertes Braunes in Hakenkreuz-Form lag da auf dem Teller, verbunden mit der Frage, was bei den „lieben Nachbarn“ denn eigentlich verkehrt laufe.

          Die Schnitzel-Satire stößt manchen auf.

          Dieser Witz trug der „heute show“ sogleich zwei Anzeigen ein, wie sie seit der Causa Böhmermann in Mode gekommen sind: Anzeigen wegen Beleidigung eines Staatsoberhaupts nach besagtem Paragraphen 103. Das dürfte allerdings schon aus zweierlei Gründen nicht verfangen: Norbert Hofer ist noch gar nicht Bundespräsident und er wird in der Schnitzel-Collage auch gar nicht genannt. Da sind die Satiriker der „heute show“ schon schlauer als der Jura-Student aus Tirol, der eine der beiden Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft Mainz gestellt haben soll, die mit dem Fall Böhmermann wahrlich ausgelastet ist.

          „Dieser Mozart konnte gar nichts“

          Die Sendung kommt also ohne Schnitzel aus, stattdessen sitzt Gernot Hassknecht im Kaffeehaus und bläst den Österreichern den Marsch („Dieser Mozart konnte gar nichts.“ / „Was ist ein Kaiserschmarrn anderes als ein kaputter Pfannkuchen?“). Oliver Welke erlaubt sich den Historiker-Gag, Österreich beziehungsweise die dort amtierende große Koalitionsregierung erlebe gerade ihr Königgrätz (nicht Waterloo). Was für uns Hiesige jedoch kein Grund zur Schadenfreude sei, denn was in Österreich passiere, sei „ein Fenster in unsere Zukunft“.

          Will heißen: Machen Union und SPD so weiter, räumt die AfD bei uns so ab wie die FPÖ in Österreich. Von deren Jugendorganisation gibt es noch einen schönen Werbespot zu sehen, in dem eine grazile Badenixe im Pool planscht und schwadroniert, „uns steht das Wasser bis zum Hals“, während die Kamera ihre der Umgebung entsprechend knapp bedeckte Oberweite fixiert: „Baywatch“ á la FPÖ.

          Die Rückkehr der Witz-Partei

          Dankbar wiederum muss die „heute show“ für die Wiederkehr der FDP sein, die in der ZDF-Sendung jahrelang als die eigentliche Witz-Partei der Republik erschien. Kaum ist sie wieder da, liegt bei acht Prozent und ruft die „Beta-Republik Deutschland“ aus, biegt auch schon der „heute show“-Reporter Lutz van der Horst um die Ecke, der gerade erst zum Spaß oder aus Mitleid in die SPD eingetreten ist, und macht mit älteren FDP-Delegierten, die er finden kann (er findet einige), und die nicht schnell genug vor ihm weglaufen, ein Digital-Quiz.

          Der ehemalige Justiz- und Außenminister Klaus Kinkel findet das so unwitzig, dass er gleich mit juristischen Konsequenzen droht. Paragraph 103 Strafgesetzbuch steht ihm dafür nach unseren Dafürhalten allerdings nicht zur Verfügung.

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