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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Ein Unternehmer als Romanfigur

  • -Aktualisiert am

Frank Plasberg diskutiert mit seinen Gästen über den Fall Anton Schlecker. Bild: dpa

Warum kommen Manager nach schweren Fehlern oft ungeschoren davon? Darüber wollte Frank Plasberg mit Blick auf den Prozess gegen Anton Schlecker diskutieren. Ein schwieriger Fall für das Thema.

          Wertschätzung genoss Anton Schlecker erst nach seiner Pleite. Bis dahin galt der Chef eines der größten deutschen Einzelhändlers als ein abschreckendes Beispiel für miserable Unternehmensführung. Allerdings hatte er zugleich den Nimbus des Selfmademan. Der Metzgermeister hatte praktisch aus dem Nichts einen Konzern mit Milliardenumsatz und mehreren zehntausend Beschäftigten aufgebaut. Da lagen Bewunderung und Abscheu schon immer nahe beieinander. Was Schlecker aber in seinen Glanzzeiten am wenigsten erwartet haben dürfte, bekam er bei „Hart aber fair“ zur besten Sendezeit im Ersten: Mitleid.

          „Im Grunde ist es tragisch“

          Gestern begann der Prozess gegen Schlecker vor dem Landgericht Stuttgart. Ihm wird vorsätzlicher Bankrott vorgeworfen. Ebenfalls vor Gericht stehen seine Ehefrau und die beiden Kinder. Für Frank Plasberg eine gute Gelegenheit, um über grundsätzliche Probleme zu diskutieren. Ob „unser Recht verantwortungslose Bosse“ schont. Oder „oben die Gier nach Boni-Millionen“ wächst und dafür „unten das Risiko, die Armut“, so lauteten seine Fragen. Zur Einstimmung gab es ein fünfzehnminütiges „Plusminus extra“ über die Hintergründe der Schlecker-Pleite. Dort fehlte es nicht an Pathos. So warteten „fünf Jahre nach der Pleite die Mitarbeiter auf Gerechtigkeit“, wie es hieß. Aber welche Gerechtigkeit war eigentlich gemeint? Eines kann man Schlecker nämlich nicht vorwerfen: Dass er mutwillig sein Lebenswerk zerstörte, um sich selbst zu bereichern.

          Für die von Plasberg formulierten Fragen ist Schlecker ein schlechtes Beispiel. Hier gibt es noch die Verbindung zwischen unternehmerischer Tätigkeit und die Übernahme der damit verbundenen Risiken. Anton Schlecker muss für die Folgen seiner Fehlentscheidungen mit seinem persönlichen Vermögen haften. Inwieweit er dafür die rechtliche Verantwortung zu übernehmen hat, wird in den kommenden Prozesstagen zu klären sein. Dieses Verfahren ist aber nur möglich geworden, weil Anton Schlecker für einen Konzern dieser Größe eine seltsam zu nennende Firmenkonstruktion wählte. Ansonsten versuchen nämlich alle, die Haftungsrisiken möglichst zu minimieren. Schlecker machte das genaue Gegenteil. Mit einer Gmbh-Gründung hätte es „diese Diskussion wohl nicht gegeben“, so der Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl. Schlecker hätte sein Privatvermögen vor den Folgen seiner Insolvenz rechtlich besser absichern können. Stattdessen versuchte er in letzter Minute mit windigen Konstruktionen Teile seines Vermögens in Sicherheit zu bringen. Sie sind jetzt Gegenstand des Strafverfahrens – und brachten nicht zuletzt seine Kinder wegen „Beihilfe zum vorsätzlichen Bankrott“ vor Gericht.

          „Im Grunde ist es tragisch“, so formulierte das Leni Breymaier (SPD). Als frühere Verdi-Landesvorsitzende in Baden-Württemberg wird sie das beurteilen können: Sie hat Anton Schleckers Aufstieg und Fall aus nächster Nähe miterlebt. Und Günter Wallraff machte sogar den Vorschlag einer Resozialisierung des gescheiterten Unternehmers. Er will einen „Runden Tisch“ mit früheren Schlecker-Mitarbeitern einrichten, um den 72-jährigen Angeklagten mit „dem wirklichen Leben“ in Kontakt zu bringen. Das ging aber dem früheren Oberstaatsanwalt Hans Richter zu weit. Es handele sich schließlich nicht um Verfahren vor einer Jugendstrafkammer, so sein Argument. Wolfgang Kubicki (FDP) warnte außerdem als gelernter Strafverteidiger vor so einem Vorgehen. Es könnte nach einem Schuldeingeständnis aussehen. Wobei solche Wirtschaftsverfahren einer eigentümlichen Logik unterliegen, wie Richter deutlich machte. Hier ginge es gerade nicht darum, eine strafbare Handlung zu sanktionieren. Vielmehr werde das unterlassene Handeln vom Gesetzgeber unter Strafe gestellt. Für Schlecker wird es in dem Verfahren darum gehen, ob er seine unternehmerische Inkompetenz glaubwürdig vermitteln kann. Nur wenn er die drohende Zahlungsunfähigkeit seines Konzerns hat kommen sehen, wäre ihm eine strafbare Handlung nachzuweisen.

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