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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Plasbergs Messe für den heiligen Sankt Martin

  • -Aktualisiert am

Frank Plasberg diskutierte über den designierten Kanzlerkandidaten der SPD: Martin Schulz Bild: dpa

Der designierte Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten hat wohl die Gäste bei Frank Plasberg bezaubert. Selbst FDP-Chef Lindner ist entzückt. Doch kommt nach dem rasanten Aufstieg bald der tiefe Fall?

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          Der Aufstieg von Martin Schulz beflügelt einen lange Zeit vergessenen Aspekt von Politik: ihren Erfindungsreichtum. Mit begrenzten Bordmitteln hat Schulz dieses Bild wieder in Verkehr gebracht. Frau Merkels Amtsbonus wird trotz der Zerrüttung zwischen CDU und CSU darunter nicht leiden. Merkel und Schulz sind beide zu hohen Flügen genötigt. Der Übermut des Ikarus ist beiden fremd. Die politische Großwetterlage gibt ihnen Gelegenheit, politische Alternativen in der Mitte der Gesellschaft deutlich zu machen.

          Der Wahlsieg Donald Trumps und das Ergebnis des Brexit-Referendums befördern die Renaissance der europäischen Idee. Wie wird Martin Schulz sie ausspielen, wie Angela Merkel? Frank Plasberg holt beide politische Lager auf den drögen Boden einer Straßenumfrage in Koblenz. Der Journalist Hajo Schumacher sieht Schulz´ Vorteil darin, unbelastet von faulen Kompromissen der Großen Koalition ins Rennen zu gehen. NRW-Ministerpräsidenten Hannelore Kraft freut sich über 1.900 Parteieintritte seit Ende Januar. Parteienforscher beobachten den Höhenflug des Kandidaten wie Astronomen den Halleyschen Kometen.

          Seltsam trivial klingt im Kontrast dazu Krafts Prosa: „Wir wollen vorne sein.“ Christoph Butterwegge, erst kürzlich angetreten als Kandidat der Linken für das Amt des Bundespräsidenten, ist 2005 wegen der Agenda 2010 aus der SPD ausgetreten. Schulz verkörpere das zeitlose Ideal sozialer Gerechtigkeit, von dem die SPD sich über ein Jahrzehnt lang weg bewegt habe.

          Nullsummenspiel

          Selbst Herbert Reul, Abgeordneter der CDU im Europäischen Parlament, kann dem Gefallen abgewinnen. Keiner rede seither mehr von der AfD. Christian Lindner freut sich über Leben in der Bude. Frau Merkel habe Debatten unterbunden und die deutsche Politik narkotisiert. Jetzt hole die SPD Stimmen von den Grünen zurück, die sie einst schmerzhaft als Fleisch von ihrem Fleische erkannt hatte. In NRW, frohlockt Lindner, sei das ein Nullsummenspiel.

          Wie lange hält die plötzlich aufgekommene Wechselstimmung an? Herbert Reul kämpft an diesem Abend vergeblich um Aufmerksamkeit für ein Dossier, das die EVP-Fraktion schon 2013 im Europa-Wahlkampf gegen Schulz zusammengestellt hatte. Dafür interessiert sich an diesem Abend nicht einmal Gastgeber Plasberg. Christian Lindner drohte gar damit, im Studio einzuschlafen.

          Dafür war er zu aufgekratzt und argumentierte sehr aufgepumpt gegen eine europäische Transferunion, für die Schulz stehe. Butterwegge warf Lindner deshalb vor, mit seiner Betonung deutscher Interessen die europäische Idee zu Grabe zu tragen. So weit ist die FDP, zumindest bei diesem Thema, nicht von der alten Professoren-AfD Bernd Luckes entfernt.

          Technokratisch gebeizte Euphorie

          Mit der Studentin Katharina Litz kommt ein neues SPD-Mitglied zu Wort. Schulz´ Eintreten für Europa hat sie begeistert. Sie hofft, dass er die Spaltung der Gesellschaft überwindet. Ob Würselen cool ist, interessiert sie weniger. Sie redet für ihre Euphorie etwas zu technokratisch vom „Menschen zusammenführen“ und vom „Dialog ermöglichen“. Sie beschreibt eine Metaebene der Politik, die kaum abstrakter sein könnte. Trotz des Vergleichs von Schulz mit dem Kampfkünstler Chuck Norris kommen Zweifel daran auf, ob eine so technokratisch gebeizte Euphorie bis September für Vorschub sorgt.

          Heilt Schulz die SPD vom Trauma der Hartz-Reformen? Immerhin, daran erinnert Butterwegge, hat Gerhard Schröder ausdrücklich dafür geworben, dass seine Agenda zum größten Niedriglohnsektor in der EU geführt habe. Dieses Erbe, so klingt Christian Lindner, will die frisch erstarkte FDP  gegen neue Umverteilungspolitik verteidigen.

          In mehreren Einspielern illustriert die Redaktion einige Akzente, die Schulz setzt: für ältere Arbeitnehmer, die arbeitslos werden, soll der Bezug des Arbeitslosengelds 1 verlängert werden. Das sieht heute auch deshalb anders aus, weil 2003 fünf Millionen Menschen arbeitslos waren. Die Versäumnisse sind bekannt: Dass es nicht zeitgleich zur Agenda zur Durchsetzung eines gesetzlichen Mindestlohns und zur gesetzlichen Beschränkung von Zeit- und Leiharbeit gekommen ist. Lindner stimmt gegen sozialpolitische Umverteilung ein Hohelied auf Leadership an. Koalitionsverhandlungen zwischen den Sozialdemokraten unter Schulz´ Führung sind mit Lindner nur schwer vorstellbar.

          Ein weiteres Thema von Schulz ist die unterschiedliche Besteuerung von Zins- und Arbeitseinkünften. Bei der Flüchtlingspolitik klingen seine Einlassungen zu vage, als dass er damit punkten könnte, zumal sein Parteifreund Oppermann im Bundestag weitgehend der Linie des Bundesinnenministers folgt. Dass Schulz das dienstälteste Präsidiumsmitglied der SPD ist, beleuchtet den Erfolg „des neuen Mannes“.

          Plasbergs Gäste geben der jungen Frau Litz den Rat, sich für Europa einzusetzen (Lindner), sich einzumischen und sich nicht von den Fakten enttäuschen zu lassen (Reul), einfach mal bei den Jusos vorbeizugehen (Schumacher), für ein solidarisches Europa einzutreten (Butterwegge), gegen Versuche, die Grenzen hochzuziehen, und für mehr Demokratie einzutreten (Kraft).

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