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Harald Schmidt in der Schweiz : Ein Fondue am Checkpoint Röschti

Harald Schmidt hatte mehrere Auftritte im Schweizer TV. Bild: dpa

Harald Schmidt im Schweizer Fernsehen: Der Komiker moderierte eine Kultursendung und ließ sich von seinem ehemaligen Boss Roger Schawinski zum Talk einladen. Für den Zuschauer bedeutete das oft: mehr Käse als Kultur.

          3 Min.

          Kaum war der Franken nach seiner Abkoppelung vom Euro in die Höhe geschossen, zog es Harald Schmidt in die Schweiz. Als „Schwangerschaftsvertretung“, kam die Kunde, würde er den „Kulturplatz“ im eidgenössischen Fernsehen moderieren. Gagen mit einem Mehrwert von zwanzig Prozent waren garantiert. Ob die Mutterschaftsversicherung das Gastspiel bezahlte, war nicht in Erfahrung zu bringen.

          In Deutschland Marktanteil von 0,0 Prozent

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Über die starken „Fränkli“ riss Harald Schmidt keine Witze. Seine Auftritte waren als reine Entwicklungshilfe gedacht. „Es sind genügend Schweizer im deutschen Fernsehen gescheitert, es ist Zeit für einen Deutschen in der Schweiz.“ Mit diesem Slogan warb der Sender für Schmidts Engagement. Es hat der wöchentlichen Sendung jedenfalls eine Aufmerksamkeit beschert, die sie dringend braucht. Und für Schmidt können die Einschaltquoten auch nicht mehr tiefer als zuletzt bei Sky, wo ein Marktanteil von 0,0 Prozent gemessen wurde, gefallen sein.

          Sehr lautstark, aber doch nur zögerlich, machte sich Harald Schmidt auf den Weg. Die erste der beiden Sendungen wurde vor einer Woche im deutschen Büsingen aufgezeichnet, einer Enklave: das Dorf ist ganz von der Schweiz umgeben. An der Orgel rückte er ins Bild, er spielte eine Eigenkomposition. Das Thema war gegeben: Teilen, das bekanntlich ein Geben und ein Nehmen ist. In der Kneipe gibt es einen Stammtisch, an dem man gleichzeitig in beiden Ländern sitzt. Natürlich gab es ein Fondue – und überhaupt mehr Käse als Kultur.

          „Wir sind Büsinger“

          Schmidt interviewte einen Doppelgänger von Gorbatschow. Etwas schwieriger wurden die Witze, als der britische Ökonom Paul Collier, der in seinem Buch „Exodus“ weniger Einwanderung fordert, vom Schicksal der Migranten im Mittelmeer sprach. Ein Psychiater als Hobbykoch für Fremde und ein Seelsorger kamen zu Wort. Als „Checkpoint Röschti“ bezeichnete Schmidt den Schauplatz – ja, und diesen Gag ließ er sich nicht nehmen: „Wir sind Büsinger“.

          Noch war das Spiel zwischen Basel und Porto nicht abgepfiffen, als man widerwillig umschalten musste, um sich Harald Schmidt zweite Moderation in der Schweiz anzuschauen. Jetzt ging es von der Grenze ins Herzen der helvetischen Hochkultur: Am Mittwochabend wurde der „Kulturplatz“ mit seinem prominenten Schwangerschafts-Vertreter aus dem Schiffbau des Züricher Schauspielhaus gesendet, aus dem Malsaal.

          Die schlechte Laune des TV-Kritikers, der gleich nach dem Ausgleich der Portugiesen in Basel den Programmwechsel vollziehen musste, hat er nicht wirklich vertrieben. Aber zumindest auf Käse musste man nicht völlig verzichten – Schmelzkäse war es auch diesmal: Thema Liebe und Sex, natürlich mit allen Grauschattierungen, zu dem die Pinsel im Malsaal fähig sind.

          Schmidt, wie er lacht und küsst

          Ansagen musste er: Das neue Stück des Schauspielers und Regisseurs Dani Levy „Schweizer Schönheit“, die Verfilmung „Fiifty Shades of Grey“ – mit Publikumsbefragung – und Sibylle Bergs Roman. Die Schriftstellerin legte sich am Schluss in den Schnee. Levys Hauptdarstellerin – „nicht die Nymphomanin“ – befragte Schmidt nach dem Küssen auf der Bühne und im Film. Am liebsten alles echt. Wie das geht, demonstrierten die Beiden umgehend. Am Schluss küsste der Moderator auch noch Levi.

          Der Musikerin, die er auf Englisch interviewte, gab er zum Abschied nur die Hand. Zu Levi sagte er, dass er zur Premiere nicht kommen werde – er wird am Freitag schon wieder weg sein aus Zürich, die Erleichterung war ihm anzusehen. Vorgefahren war er im Bus. Der Abgang war schlecht und die Schwangerschaftsvertretung, durchaus eine Hauptrolle in eigener Regie, aber ohne Einfluss auf das Programm, eine Fehlbesetzung.

          Kuscheln mit Roger Schawinski 

          Zwischen den beiden Moderationen traf sich Harald Schmidt während seiner Schweizer Woche mit seinem früheren Chef Roger Schawinski zum Gespräch in dessen Interviewsendung im Schweizer Fernsehen. Schawinski leitete den Sender Sat.1, als Schmidt den Bettel hinwarf und seiner Kult-Late-Night-Show ein vorübergehendes Ende bereitete. Schawinski hatte er damals übel vorgeführt und mitgespielt. Es waren für beide bessere Zeiten. Schawinski hat vor wenigen Wochen eines der schlimmeren Debakel seiner Laufbahn erlebt und sich von einem Kabarettisten, der sich den Fragen verweigerte, zu einem Amoklauf provozieren lassen.

          Wohlweislich hatte er seine Autobiographie schon vorher geschrieben. Er berichtet in ihr von seiner Zeit bei Sat.1 und dem Streit mit Harald Schmidt. Nietzsche müsse sich keine Sorgen machen, frotzelte Schmidt am Montag in „Schawinski“ über die literarischen Qualitäten seines Gastgebers. Schawinski war nervös wie ein Musterschüler vor der Prüfung und besann sich in unbekannter Bescheidenheit auf die primären Tugenden, denen ein Interviewer verpflichtet sein sollte: Statt „Schawinski“ stand einmal nicht Schawinski, sondern der Herr Schmidt im Mittelpunkt.

          Die späte Nacherziehung Schawinskis war Harald Schmidts wichtigster und unbezahlbarer Beitrag zur Schweizer Medienkultur. Friedlich und nostalgisch flachsten die beiden über die vergangenen Zeiten, bei Sat.1 und danach. Warum er denn die Sender so häufig wechselte, wurde Herr Schmidt auch noch gefragt: „Es ging wahrscheinlich um den Wunsch nach Selbstzerstörung. Natürlich zum Höchsttarif.“

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