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TV-Kritik: Günther Jauch : Die Ballade vom Appeasement

Gabriele Krone-Schmalz verstieg sich zu der Ansicht, dass es eine Annexion der Krim gar nicht gegeben habe, sondern eine Abspaltung der Krim.

Platzeck war nicht so dumm, Krone-Schmalz beizuspringen, denn das hätte ja ganz auf der Linie dessen gelegen, was er neulich nicht gesagt hatte. Platzeck hatte nämlich nicht gesagt: Krim? Schwamm drüber! Völkerrecht? Egal! Lasst uns miteinander reden! So haben das aber wieder einmal nur die bösen Medien dargestellt. Vielmehr hatte er gemeint: Lasst uns Realisten sein! Sanktionen haben keinen Sinn! Putin werde schließlich nicht übermorgen abtreten, und wenn doch, wäre das nicht noch viel schlimmer als das, was wir jetzt haben? Platzeck vermied es allerdings zu sagen, was er denn nun eigentlich damit meinte – „Realismus“. Ist es nicht doch ein anderes Wort dafür, dass man sich abfinden soll? Was aber ist, an diese Möglichkeit dachte Platzeck gar nicht, wenn Putin das nicht reicht? Und wenn ihm am Dialog gar nicht gelegen ist?

Russischer Opfergang

Aber über Putins Politik wurde eigentlich gar nicht geredet. Sie erschien in der Welt von Krone-Schmalz und Platzeck nur als Konsequenz der Unterlassungen europäischer Politik. Krone-Schmalz sah den Einmarsch in die Ukraine geradezu als russischen Opfergang. Denn was soll das arme, arme Russland mit den wertlosen, maroden Landstrichen der Ukraine, um die es sich nun kümmern muss? Wieder war es Lambsdorff, der aus dem Handwerkskasten des Außenpolitikers wenigstens ein kleines Hämmerchen zur Hand hatte: Könnte es sein, dass es darauf gar nicht ankommt? Dass Putin mit einer ganz anderen Logik an die Sache herangeht, die auch dafür verantwortlich ist, dass es mit der ach so verzweifelten Dialogbereitschaft des Kreml in den vergangenen Jahrzehnten nicht weit her ist? Weil es Putin nämlich darum geht, zu verhindern, dass Länder in Russlands Nachbarschaft – am Ende gar Russland selbst! – gen Westen driften, indem er ihnen territoriale Konflikte (siehe Georgien, siehe Armenien, siehe Transnistrien) ans Bein bindet? Wenn das aber so ist, wenn ihm also der Westen nicht Partner, sondern Gegner ist, was folgt daraus für Platzecks „realistischen“ Dialogismus?

Alexander Graf Lambsdorff holte aus dem Handwerkskasten des Außenpolitikers wenigstens ein kleines Hämmerchen.

Die Frage stellte sich wohl auch Günther Jauch, als er Biermann aus der Reserve locken wollte und auf den Nato-Doppelbeschluss hinwies, der doch dazu geführt habe, dass die Sowjetunion zusammenbrach. Wäre die Sendung im Baltikum ausgestrahlt worden, wären in den folgenden Minuten wohl zahlreiche Apparate durchs geschlossene Fenster geflogen. Denn nun setzte nicht etwa endlich eine Diskussion darüber ein, wie Härte gegenüber einer Diktatur zum Ziel führt, sondern darüber, wie schlimm es sei, wenn Putins Diktatur so zusammenbreche wie die sowjetische. Balten! möchte man rufen, seid froh, dass ihr frei seid, heute würden das die Deutschen im Namen des Realismus und der Dialogbereitschaft verhindern! Oder in den Worten von Krone-Schmalz: Die europäische Außenpolitik darf nicht in die Hände der Osteuropäer fallen!

Dabei hatte Wolf Biermann gleich zu Beginn der Runde eine Wahrheit parat, und zwar auf die notorische Frage, ob uns denn nun ein kalter Krieg bevorstehe. Biermann verriss daraufhin sehr schön das neue Titelblatt des „Spiegel“, um dann festzustellen: Kalter Krieg? Aber wir haben doch schon den heißen!

Liedermacher Wolf Biermann: Kalter Krieg? Aber wir haben doch schon den heißen!

Was das bedeutet, darauf wusste aber auch Lambsdorff keine Antwort – Platzeck und Krone-Schmalz nur das uneingeschränkte Lob der „Ostpolitik“, das natürlich nicht fehlen durfte, weil ja sonst der Nato-Doppelbeschluss unwidersprochen als das allein erfolgreiche Mittel der „Härte“ dagestanden wäre. Biermann blieb es schließlich überlassen, das Schlusswort zu sprechen, und man sah es ihm an, dass er lieber mit der Gitarre gespielt hätte. Denn sein Herz sei übervoll und sein Verstand so ziemlich leer, sagte er. Oder so ähnlich. Wir wollen nicht hoffen, dass das an der Sendung lag. Oder an der russischen Seele. Was „Härte“ bedeuten könnte, wissen wir jedenfalls auch nach diesem Abend nicht, abgesehen davon, dass einem nichts anderes übrig bleibt, als schlecht zu träumen.

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