https://www.faz.net/-gsb-80gju

TV-Kritik: Günther Jauch : Ein Gesetz macht Probleme

Andrea Nahles bei Günther Jauch Bild: dpa

Das Gesetz zum Mindestlohn enttäuscht die Hoffnungen vieler Arbeitnehmer und bereitet manchen Chefs große Schwierigkeiten. Doch in der Sendung von Günther Jauch reden die Gäste um die eigentlichen Probleme herum.

          Nicht für jeden ist das Gesetz zum Mindestlohn ein Gewinn. Günther Jauch hatte am Sonntagabend gleich mehrere Leute zu Gast, die sich mehr erhofft hatten – oder jetzt sogar schlechter dastehen als vor der Mindestlohn-Einführung: Eine Service-Kraft zum Beispiel verdient nicht so viel mehr, wie sie gehofft hat. Ihr werden vom Mindestlohn 50 Cent pro Stunde für Getränke abgezogen, zudem bekam sie einen neuen Vertrag mit verringerten Nachtzuschlägen angeboten. Nun arbeitet sie weniger Stunden als zuvor.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein Brief- und Zeitungsausträger sollte plötzlich die gleiche Runde in 52 statt 94 Minuten schaffen. Als er sich weigerte, wurde er entlassen. Und ein Taxifahrer bekommt von seinem Chef jetzt schlicht weniger Arbeit – nun verdient er weniger als vorher, weil ihm zudem auch noch etliche Verpflegungszuschläge wegfallen.

          Die Probleme sind offensichtlich, und trotzdem: Günther Jauch gelang es mit seinen Gästen im Publikum und seinen Einspielern nur selten, die Probleme des Mindestlohn-Gesetzes deutlich zu machen: unklare Regeln, Bürokratie, Preiserhöhungen, Arbeitsplatzverluste. Am Ende gab es wenig Antworten - auch weil die Gäste keine hatten. Vielleicht gibt es für die Probleme des Gesetzes auch gar keine Lösung.

          Was gehört zum Mindestlohn?

          Da erklärten Arbeitsministerin Andrea Nahles und der Koblenzer Sozialpolitik-Professor Stefan Sell im Detail, dass Arbeitgeber zwar keine Getränkepauschale abziehen und kein Trinkgeld verrechnen dürften, das Weihnachtsgeld hingegen dürfe der Chef der Service-Kraft allerdings durchaus zu Stundenlohn umrechnen. Und neue Verträge sind sowieso selten verboten.

          Doch das Offensichtliche sprach niemand aus: Wenn Arbeitgeber ihren Mitarbeitern vorher schon auf unterschiedlichen Wegen 8,50 Euro in der Stunde gezahlt haben, werden sie diesen Lohn jetzt einfach möglichst so zahlen, dass er dem Mindestlohn entspricht.

          Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner beschwerte sich über die Bürokratie am Mindestlohn, die ihre CSU mit beschlossen hatte, und über die Pflichten, Arbeitszeiten und Pausen aufzuschreiben. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Linkspartei und Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles verwiesen darauf, dass die Arbeitszeiten schon früher dokumentiert werden mussten – woraufhin Aigner meinte: Wer wirklich betrügen will, der lässt sich auch von der Dokumentationspflicht nicht abschrecken.

          Einig waren sich alle: Der Mindestlohn gilt erst seit zwei Monaten, es gibt noch Anlaufschwierigkeiten, und die muss man sich anschauen.

          Oft reicht das Geld nicht für den Mindestlohn

          Doch am Grundproblem wird auch in einigen Monaten keiner vorbeikommen: Wo nicht genug Geld in die Kasse kommt, kann der Arbeitgeber auch keine 8,50 Euro in der Stunde zahlen. Viele Betriebe erhöhen ihre Preise, und trotzdem reicht es nicht. Taxis sind seit Jahresbeginn richtig teuer geworden – trotzdem hatte der Taxifahrer in Günther Jauchs Publikum Verständnis dafür, dass sein Chef nicht mehr zahlen konnte.

          In der Runde saß der sächsische Bäcker und CDU-Lokalpolitiker Roland Ermer, der seine Preise auch erhöht hat und trotzdem von sechs Filialen drei schließen musste. „Glauben Sie, dass es in Deutschland morgen keine Brötchen mehr gibt?“, fragte Nahles. Roland Ermer antwortete: doch, aber aus der Industriebäckerei.

          Günther Jauch zitierte daraufhin Arbeitsagentur-Vorstand Heinrich Alt, der sagte, der Mindestlohn habe kaum Arbeitsplätze gekostet. Das war selbst Sozialpolitik-Professor Stefan Sell zu früh. Andrea Nahles lobte den Mindestlohn noch dafür, dass er bei guter Konjunktur eingeführt wurde – und keiner dachte daran, dass allein von den drei Leuten in Günther Jauchs Publikum zwei ihre Arbeitszeit reduzieren mussten.

          An die langfristigen Folgen denkt sowieso keiner. Typischerweise geschieht der Arbeitsplatz-Verlust durch den Mindestlohn nämlich gar nicht plötzlich – sondern schleichend dadurch, dass weniger neue entstehen.

          Weitere Themen

          Neues Edel-Entree für Berliner Museumsinsel Video-Seite öffnen

          Architektonische Kunstwerk : Neues Edel-Entree für Berliner Museumsinsel

          Die James-Simon-Galerie ist fertiggestellt und soll im Sommer 2019 eröffnet werden. Das Haus soll zentrales Empfangsgebäude sein und mehrere Museen miteinander verbinden. Die Pläne stammen aus dem Berliner Büro des renommierten britischen Architekten David Chipperfield.

          Topmeldungen

          EuGH-Urteil zu Fahrverboten : Hatz auf die Autofahrer

          Städte wie Paris dürfen möglicherweise selbst nagelneuen Autos die Einfahrt künftig verbieten. Umweltaktivisten jubeln, für die große Mehrheit der Bevölkerung aber wären so umfassende Fahrverbote eine Katastrophe. Ein Kommentar.

          2:1 gegen Lazio Rom : Frankfurt spielt die perfekte Runde

          Die Eintracht holt im sechsten Spiel in der Europa League ihren sechsten Sieg. Die Partei bei Lazio Rom wird jedoch durch Krawalle, Festnahmen und Pyrotechnik überschattet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.