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Frühkritik: „Hart aber fair“ : Thema verschenkt

  • -Aktualisiert am

Moderator Frank Plasberg Bild: WDR/Klaus Görgen

Um die Steuerpläne der Parteien sollte es bei Frank Plasberg gehen. Für Fragen an Jürgen Trittin, den am Montag die Pädophilie-Debatte um die Grünen erreichte, blieb da kaum Zeit. Stattdessen wurde herumgealbert.

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          Frank Plasberg hätte das Thema seiner Gesprächsrunde am Montag kurzfristig ändern müssen. Auf dem Programm stand: „Bitte wählen Sie: Steuern erhöhen? Sparen? Umverteilen?“. Im Studio stand Jürgen Trittin. Dass es schlicht unmöglich war, nur über Steuerfragen zu reden an dem Tag, an dem die Pädophilie-Debatte den grünen Spitzenkandidaten persönlich erreicht hatte, war Plasberg und der „Hart aber fair“-Redaktion immerhin noch aufgegangen. So geschah es, dass der Moderator, einen „Bruch“ verkündend, nach rund 50 Minuten Trittin zum Einzelgespräch bat. Da wurde es spannend. Aber nur kurz.

          Davor schien sich selbst Plasberg zu langweilen. Kein Wunder. Erst vor zwei Wochen hatte er das Thema Steuern durchgepaukt: in einem sogenannten „Dreikampf“ mit Brüderle, Trittin und Gysi – die alle, Wunder der Talkshow-Logik, gestern Abend schon wieder da waren und sich bereitwillig wiederholten. Dazu waren Volker Kauder und Frank-Walter Steinmeier geladen. Eine „Elefantenbullenrunde“, lobte Plasberg, als wäre das schon ein Verdienst.

          Angst vor dem Leihstimmenvampir?

          Zu Beginn ging es kurz um die Bayernwahl. Plasberg hatte noch fröhlich angekündigt: „Lassen Sie uns das Abenteuer wagen, über Inhalte zu reden.“ Dieses Unterfangen sabotierte er sogleich selbst, indem er zunächst mit einer Knoblauchzwiebel in Richtung Kauder und Brüderle wedelte und dann auch noch Kauder mit dem unschuldigen Lauch auf die Pelle rückte. Was hatte das zu bedeuten? Plasberg sprach zum Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag: „Haben Sie keine Angst, ausgesaugt zu werden vom Leihstimmenvampir?“

          Die Frage ist schon deshalb Unsinn, weil die Wahllokale am 22. September von 8 bis 18 Uhr geöffnet sind, zu einer Zeit also, zu der kein Vampir irgendwo irgendwen aussaugt. Abgesehen davon war zu hoffen gewesen, dass dem Zuschauer eine gewisse Ernsthaftigkeit zugemutet werden würde und kein Hantieren mit Knoblauch und schiefen Bildern. Kauder blieb nur, ungerührt seine Angstlosigkeit zu bekunden, während Brüderle – der „Vampir“ – die Wähler aufforderte, „strategisch und überlegt“ zu wählen, also Zweitstimme FDP statt CDU. Auch keine Überraschung. Abgespannte Gesichter in der Runde, kaum Radau. Die Elefanten waren müde.

          „Sie kennen ja meine Auffassung“

          Die Steuern machten sie nicht wacher. Jetzt, eine Woche vor der Wahl, scheinen die Argumente endgültig ausgetauscht, bestenfalls wiederholbar. „Der Staat nimmt so viele Steuern ein wie noch nie“, sagte Kauder, während die anderen am Tisch dreinblickten, als könnten sie mitsprechen. 630 Milliarden Euro im Jahr sind genug, findet Kauder – keine höheren Steuern mit der Union. Mit SPD, Grünen und Linken aber schon, das wiederum war Brüderle und Kauder, Plasberg und wohl jedem Zuschauer bereits bekannt.

          „Sie kennen ja meine Auffassung“, sagte Gysi zu Plasberg, als die Frage war, wo eingespart werden müsse. Beim Afghanistan-Krieg hätte man viel sparen können, konkretisierte er gnädig, und Plasberg blickte drein, als hätte er diese Auffassung tatsächlich schon gekannt. Wer nicht?

          Straffreiheit für Sex mit Kindern

          Und dann kam Trittin. Bis Plasberg ihn zum Einzelgespräch an sein Pult holte, hatte er pflichtbewusst die grünen Positionen zu Vermögensabgabe, Ehegattensplitting und Bildungsinvestionen abgespult. Darüber hat er schon oft gesprochen. Nun aber lag die Sache anders.

          1981 war Trittin in Göttingen als Stadtratskandidat für die „Alternativ-Grüne-Initiativen-Liste“ angetreten. Deren Wahlprogramm hatte er als Unterzeichner verantwortet. In dem Programm forderten die Unterzeichner unter anderem Straffreiheit für Sex mit Kindern, wenn es „ohne Zwang“ dazu komme. Dies berichten die Politikwissenschaftler Franz Walter und Stephan Klecha in einem Artikel, der am Montag in der „taz“ erschienen ist. Walter und Klecha befassen sich seit Mai damit, aufzuklären, welche Rolle Päderasten bei den Grünen spielten und wie groß ihr Einfluss war.

          Er erinnerte sich nicht mehr?

          Trittin sagte zunächst, was er schon ein paar Stunden zuvor vor Journalisten gesagt hatte: Das seien falsche Forderungen gewesen. Die Partei trage die Verantwortung dafür, auch er, Trittin. Wirklich interessant wäre es aber gewesen, wenn Plasberg Trittin genötigt hätte, ein paar andere Fragen ausführlich zu beantworten. Zum Beispiel, warum er nicht von sich aus auf seine Verantwortung hingewiesen hat, sondern erst auf den Bericht reagierte, der ihm keine andere Wahl ließ.

          Gelegenheit, sich mit dem Thema zu beschäftigen, hatte Trittin genug, die Debatte wird seit Monaten geführt. Hierzu sagte er Plasberg nur lapidar, er habe sich zwar an seine Unterschrift unter das Programm erinnern können, aber nicht mehr genau daran, was eigentlich drin stand. Hatte er es denn damals gewusst? Und wenn ja, wie war seine Haltung dazu gewesen? Und wenn die Partei heute eine Verantwortung empfindet, warum gibt es dann keinen Aufruf an die Opfer von sexuellem Kindesmissbrauch, sich zu melden, und keine Anlaufstelle für sie?

          Zurück zu Eiche und Bambus

          Dazu sagte Trittin nichts. Er gesellte sich wieder zu den anderen Gästen mit der Bemerkung, 1989 habe man auf Bundesebene die „falsche Position korrigiert“. Die „Konsequenzen“ seien also gezogen worden. Im Übrigen sei das nun schon fast 25 Jahre her.

          Es war regelrecht bizarr, wie Plasberg nach diesen beklemmenden Minuten wieder in seinen Plauderton verfiel und den Rest von „Hart aber fair“ damit füllte, 15-Sekunden-Antworten auf alberne Fragen zu verlangen. Kauder sollte etwas Nettes über die FDP sagen, und Brüderle antwortete allen Ernstes ernsthaft auf „Bambus oder deutsche Eiche – aus welchem Holz sind die besseren Wahlkämpfer geschnitzt?“ Thema verschenkt.

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