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Frühkritik: Günther Jauch : Ohne Jauch geht’s auch

  • -Aktualisiert am

Anwesend abwesend: Günther Jauch erlebte eine „lebendige Diskussion“ Bild: dpa

Günther Jauch wollte dem unentschlossenen Wähler letzte Entscheidungshilfe für den Wahltag geben. Klar war nach der Sendung nur, dass der Bürger sich selbst wird helfen müssen. Das galt auch für Jauchs Talkgäste.

          Die Demoskopen haben bei der Landtagswahl in Bayern eine Punktlandung hingelegt. Die Umfragen aller großen Institute vor dem Wahlsonntag sind dem späteren Ergebnis erstaunlich nahe gekommen. Das sollte man aus zwei Gründen erwähnen: Zum einen ist es Mode geworden, die Zunft unter den Pauschalverdacht fehlender Seriosität zu stellen. Zum anderen war das eigentlich ein guter Anlass, um für die Bundestagswahl am kommenden Sonntag einen spannenden Wahlabend zu prognostizieren.

          Die Institute sehen bekanntlich Regierung und Opposition fast gleich auf – und verweisen zudem auf die große Unbekannte „Alternative für Deutschland“ (AfD). Letztere hat in Bayern nicht kandidiert. Daher musste ihre Generalprobe ausfallen. Daraus hätte Günther Jauch in seiner Wahlsendung etwas machen können. Stattdessen probierte er es mit einem neuen Konzept: Funktioniert eine Talkshow auch ohne Moderator? Im Prinzip schon.

          „Eine lebendige Diskussion“

          Natürlich war sieben Tage vor einer Bundestagswahl von den eingeladenen Spitzenpolitikern nichts anderes als Wahlkampf zu erwarten. Jeder versuchte, das Beste in das bayerische Ergebnis hinein zu interpretieren. Jeder wollte dem Zuschauer noch einmal die eigenen Inhalte vermitteln und dem politischen Gegner seine Unglaubwürdigkeit nachweisen. Es wurde viel durcheinander gesprochen, die Protagonisten unterbrachen sich und alle forderten sich gegenseitig auf, „endlich einmal zuzuhören“, natürlich nur um möglichst viel von der knappen Redezeit zu ergattern. Jauch nannte das am Ende der Sendung „eine lebendige Diskussion“. Er wirkte während der Sendung verloren. Selbst kam er nur noch zu Wort, wenn er einen Einspieler ankündigte. Seine Show hätte auch gut ohne ihn ablaufen können. Das wäre übrigens eine gute Idee gewesen.Viel interessanter wäre es nämlich gewesen, wie die Politiker ihren Disput selbst organisiert hätten.

          Fand der unentschlossene Wähler in diesem Tohuwabohu Hilfe für seine Wahlentscheidung? Jauch bot dafür immerhin einige Themen an. So ging es wieder einmal um Mittelfinger und Amtsformat des SPD-Kanzlerkandidaten. Der FDP-Bundesminister Daniel Bahr verneinte das, während die Kollegin von der CDU, Ursula von der Leyen, Inhalt vor Form setzte. Sie hatte in dem bekannten Interview-Format der „Süddeutschen Zeitung“ eine mit Peer Steinbrück vergleichbare Gestik gewählt. Das legte ihr schon im eigenen Karriereinteresse Urteilsmilde nahe.

          Leiharbeiter wählen CDU

          So wechselte man schließlich von der Wahlkampf-Performance zum Wahlkampfinhalt. Nach dem Steuerthema, das selbst zur Überraschung der Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckhardt nur noch als ein Thema der Grünen diskutiert wird, war schließlich die Leiharbeit an der Reihe. Anlass war nicht die Relevanz des Themas für die Wahlentscheidung der Bürger, sondern eine Äußerung der Kanzlerin in einer anderen ARD-Sendung. Sie hatte dort versprochen, sich um das Thema zu kümmern, obgleich sie von Amts wegen schon seit acht Jahren dafür zuständig ist. Der Einspieler brachte ein interessantes Ergebnis zu Tage. Jauch ließ nämlich in Leipzig fünfzig Leiharbeiter nach ihren politischen Präferenzen befragen. Und was kam dabei heraus? Sie wollten mehrheitlich CDU wählen, obwohl die Union die sozial benachteiligende Leiharbeit für ein sinnvolles Instrument der Arbeitsmarktpolitik hält.

          Das Ergebnis löste Verwirrung aus, die aber lediglich der Unkenntnis geschuldet war. Der Stammwähler der SPD ist nämlich keineswegs der „Arbeiter“, genauso wenig wie bei der Union der Titular-Christ. Vielmehr ist es bei der SPD der gewerkschaftliche gebundene Arbeitnehmer und bei der Union der katholische Kirchgänger. Leiharbeiter sind dagegen zumeist nicht gewerkschaftlich organisiert und daher für die Sozialdemokratie schwer erreichbar. Zudem bestimmt eben nicht alleine die soziale Lage die Wahlentscheidung. Viele Arbeitnehmer haben durchaus konservative gesellschaftspolitische Vorstellungen. Dieses Potential zu nutzen, gehörte schon immer zu den klassischen Stärken der CSU, wie sich bei der Bayernwahl wieder gezeigt hatte. Horst Seehofer weiß, wovon die Rede ist – und wird die AfD mit ihren rechtspopulistischen Anklängen fürchten.

          Wer mit wem?

          So erfuhren die meisten Zuschauer inhaltlich nichts, was sie nicht schon wussten, wenn sie denn der Debatte überhaupt folgen konnten. Trotzdem wird es am kommenden Sonntag spannend werden. Denn die Wähler müssen sich nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der politischen Lager entscheiden. Die Zweitstimme für die FDP kann die Union schwächen, wenn es für die heutige Regierung nicht reichen sollte. Es fehlte allerdings in Zukunft der Koalitionspartner, wenn die Liberalen erstmals nicht im Bundestag vertreten wären.

          Die SPD hat das gleiche Problem, trotz der Warnungen von Ursula von der Leyen und Daniel Bahr vor einem Bündnis der heutigen Oppositionsparteien. „Herr Bahr, halten Sie die SPD nicht für mutiger als sie ist“, konterte Sahra Wagenknecht, die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag. Die Strategie ihrer Partei beruht ja darauf, dass Bahr recht haben sollte, aber nicht recht hat, und man daher die Linke wählen müsste. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hielt die Linke in der Außen- und Sicherheitspolitik dagegen für zu unzuverlässig, um mit ihr zu regieren. Die SPD „habe noch nie mit diesem Land gespielt“, so sein Argument gegen ein Bündnis mit Wagenknecht. Die Linke ist sich dabei in einer Frage mit den Regierungsparteien einig: Beide bezweifeln die Glaubwürdigkeit von SPD und Grünen, wenn auch mit einander ausschließenden Begründungen.

          Allerdings wird Gabriel niemand widersprechen, wenn er das Ergebnis am kommenden Sonntag von der Mobilisierungsfähigkeit der Parteien abhängig macht. Und die Wähler haben dabei das Problem, dass eine taktische Stimmabgabe innerhalb der beiden Lager unerwünschte Nebenwirkungen haben kann. Die sich daraus ergebende Konfusion wird die kommende Woche bestimmen. Immerhin bekam man davon bei Jauch schon einen guten Eindruck. Der Wähler wird also selber denken müssen. Bei Jauch wird am kommenden Sonntag über das Wahlergebnis ab 21:00 Uhr diskutiert werden. Vielleicht dann wieder mit Moderator.

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