https://www.faz.net/-gsb-7ius0

Frühkritik: Günther Jauch : Mit Gewinn am Thema vorbei

  • -Aktualisiert am

Engagierter Einsatz für die Freiheitsrechte: Juli Zeh Bild: dpa

Die NSA-Abhöraffäre geht weit über traditionelle Spionagegeschichten hinaus. Es geht um einen digital-industriellen Komplex, der in unser aller Leben eingreift. Das wurde gestern Abend bei Günther Jauch deutlich.

          Bisweilen ist der wichtigste Moment der Augenblick, wenn man das Thema verfehlt. So passierte es gestern Abend der Schriftstellerin Juli Zeh bei Günther Jauch. Der Talkmaster beschäftigte sich mit dem „Handy-Alarm im Kanzleramt“ und fragte „Machtlos gegen Amerikas Spitzel?“ Der „Spiegel“ hatte bekanntlich mit einer Anfrage an das Kanzleramt eine Entwicklung ausgelöst, deren Konsequenzen für das westliche Bündnis - und für unseren Umgang mit digitalisierten Lebenswelten - unabsehbar sind. Für Frau Zeh ging die Debatte aber bisher „komplett an der Sache vorbei“, weil das „und“ bisher kaum eine Rolle spielt. Wir befinden uns noch in jener Vorstellungswelt, die man mit dem zweitältesten Gewerbe der Welt verbindet. Der NSA-Skandal wird nämlich immer noch im Modus einer Spionagegeschichte erzählt.

          Dafür gibt es Gründe. Der „Spiegel“-Redakteur Marcel Rosenbach beschrieb die Verdachtsmomente gegen die amerikanische Botschaft am Pariser Platz 2, die offenkundig mehr ausspähen kann als nur das Handy der Kanzlerin. Der frühere amerikanische Botschafter John Kornblum bestritt dann auch erst gar nicht die Presseberichte über die Aktivitäten von amerikanischen Geheimdiensten, sondern berief sich auf seine lebenslange Verschwiegenheitspflicht über die in seiner Amtszeit als Diplomat gesammelten Erkenntnisse. Über die heutigen Aktivitäten in der amerikanischen Botschaft wisse er nichts. Kornblum war zwischen 1997 und 2001 Botschafter gewesen. Er war der letzte amerikanische Diplomat, der noch in Bonn akkreditiert wurde. Kornblum machte seine diplomatische Karriere zu einer Zeit, die noch nicht über die heutigen technologischen Möglichkeiten verfügte, sondern der Welt eines John le Carré entsprach.

          Das Interessante an Kornblum war daher auch nicht seine (kaum überraschende) Bewertung von Edward Snowden als Verräter, sondern die ihm deutlich anzumerkende Verunsicherung über das, was zur Zeit passiert. Den gestern in einigen Medien geäußerten Verdacht, Präsident Obama könnte von der Abhöraffäre gewusst haben, wies der frühere Botschafter zurück. Für ihn handelt es sich vielmehr um einen Kontrollverlust der Politik, die bis heute auf die Digitalisierung weder in den Vereinigten Staaten, noch in Europa eine Antwort gefunden habe. Die Reaktion der Europäer beschrieb er als Ausdruck der Hilflosigkeit. In dem Vorschlag des CDU-Innenpolitikers Wolfgang Bosbach, als „vertrauensbildende Maßnahme“ die Obergeschosse der amerikanischen Botschaft auf verdächtige Antennen zu untersuchen, kam das prägnant zum Ausdruck. Kornblum ging darauf übrigens nicht ein, obwohl er sich als ehemaliger amerikanischer Botschafter bei der KSZE-Konferenz mit dieser Materie auskennen müsste.

          Kontrollverlust über das eigene Leben

          Aber Hilflosigkeit war das richtige Stichwort. Wir wirken tatsächlich hilflos. So ist uns immer noch nicht bewusst, was Digitalisierung eigentlich heißt. Juli Zeh brachte es in ihrem Kommentar auf  den Punkt: Es ist jene neue Welt, in der „der Einzelne völlig schutzlos einer Technologie ausgeliefert“ ist, die „Gefahr läuft, das innerste Wesen des Menschen“, nämlich seine Intimsphäre, „preiszugeben.“ Was Frau Zeh damit meinte, wurde in einem Experiment anschaulich gemacht. Jauchs Redaktion hatte den IT-Sicherheitsexperten Sebastian Schreiber gebeten, das Handy seines Gastes Ranga Yogeshwar für einen Tag zu überwachen. Wie einfach das mittlerweile geht, braucht man nicht mehr zu erwähnen.

          Spannender war die Reaktion des Wissenschaftsjournalisten auf die Überwachung, obwohl sie mit seinem Einverständnis erfolgte. Er empfand ein „Gefühl der Schuld“, und gleichzeitig wurde ihm erst bei der Lektüre des Überwachungsprotokolls klar, was das eigentlich für Folgen hat. „Dinge wurden aufgeschrieben“, so Yogeshwar, „die ich schon selbst vergessen hatte.“ Wenn Dinge protokolliert werden, deren Interpretation letztlich demjenigen überlassen bleibt, der protokolliert, bedeutet das einen tiefgreifenden Kontrollverlust über das eigene Leben. Das ist eine fundamental neue Erfahrung. Die Aktivitäten amerikanischer Geheimdienste sind hier nur die eine Seite der Medaille.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wie weiter mit dem Brexit? : Das britische System liegt in Trümmern

          Womöglich kann das britische Parlament einen „No Deal“ nach der Europawahl nicht mehr verhindern. Dann müsste die EU sich auch an die eigene Nase fassen – sie hat zur Polarisierung der Politik im Vereinigten Königreich beigetragen.

          Deutschland beim ESC : S!sters am Ende

          Der deutsche Beitrag beim ESC landet mal wieder auf einem der letzten Plätze. Was haben die S!sters falsch gemacht? Und warum suchen sie die Fehler bei anderen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.