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Frühkritik: „Becker gegen Pocher – Der Showdown“ bei RTL : Bis dem Morgen graut

  • -Aktualisiert am

Boris Becker bei der Pocher-Show Bild: dpa

Erst haben sie sich auf Twitter gezofft, dann bei RTL duelliert: Für Boris Becker baute Oliver Pocher seine Show „Alle auf den Kleinen“ eigens zum „Showdown“ um. Der Ehrrettung half’s wenig. Die mehr als dreistündige Sendung war vor allem eine Aufeinanderfolge spielerischer Spaß-Blamagen.

          Früher wurden bei Ehrenstreitigkeiten in Duellen nicht nur Beleidigungen aus der Welt geschafft, sondern in vielen Fällen auch gleich die beteiligten Kontrahenten. Dieses Schicksal ist Boris Becker und Oliver Pocher am Freitagabend erspart geblieben, als die beiden in der RTL-Show „Alle auf den Kleinen“ aufeinandertrafen, um sich – nun ja: zu duellieren. Nicht im Morgengrauen, aber fast bis dahin. Dreieinviertel Stunden dauerte der zurechtgekürzte „Showdown“, in dem keine Schusswaffen oder Säbel von Nöten waren, um einander Schaden zuzufügen, sondern lediglich die Bereitschaft, sich in diversen Spielen mal richtig zum Affen zu machen.

          Das liegt den Duellpartnern auch im normalen Leben nicht ganz fern, schließlich stammt dorther der Anlass für die aktuelle Begegnung – wenn man den mitternächtlichen Bosheitsaustausch, in den sich Becker und Pocher kürzlich auf Twitter verstrickten, denn „normal“ nennen mag.

          Quotenanschub für die Pocher-Show

          Pocher witterte seine Chance, diesen von der Boulevardpresse dankbar in Szene gesetzten Zoff für den benötigten Quotenanschub seiner Show zu nutzen, und warf Becker deshalb einen Fehdetweet in die Timeline. Für die televisionäre Fortsetzung der Online-Blamage musste sich der Herausgeforderte nicht lange bitten lassen. Also trafen sich der ehemalige Tennisprofi und die ehemalige Nachwuchsmoderatoren-Hoffnung in dieser Woche, um einander erst tief in die Augen zu sehen – und anschließend von Tomaten beschossen zu werden, zur Dezibelmessung abwechselnd in Gartenschläuche und Auspuffe zu tröten, Tischfußball mit Fliegenklatschenmützen zu spielen und im Finale durch einen fünfkammerigen Riesenkäfig mit Tennisnetzen und Torfeinlage zu klettern. Was man halt heute so unter Boulevardpersonal als „Duell“ bezeichnet.

          Üblicherweise tritt Pocher in der Show gegen normale Menschen an, die Geld gewinnen können und über deren Privatleben nicht das ganze Land Bescheid weiß. Diesmal machte RTL, schon aus Kostengründen, eine Ausnahme.

          Becker durfte sogar seine Frau Lilly mitbringen. „Sprunggelenke, Hüften, Ellenbogen – soll ich weitermachen?“, zählte der Gatte zu Beginn der Sendung seine kaputten Körperteile auf und erklärte damit, warum er Unterstützung in den aktionsreicheren Spielen benötigte. „Ich bin körperlich ein bisschen angeschlagen.“

          Minimal modifiziertes Kindergeburtstagsspiel

          Womöglich muss Becker angerechnet werden, dass er sich um den Quatsch nicht gedrückt und Pocher damit einen ziemlich großen Gefallen getan hat, weil der die Aufmerksamkeit gerade dringend gebrauchen kann. Heikel ist es allerdings, die Wiederherstellung verloren gegangener Ehre dadurch bezwecken zu wollen, dass man sich in einen Wettstreit begibt, der zunächst einmal sämtliche Restehre gnadenlos eliminiert.

          Und so kam es dazu, dass Becker an diesem Abend für ein von der Produktionsfirma minimal modifiziertes Kindergeburtstagsspiel mit verbundenen Augen und halb gebückt ins Leere tastend einen Stuhl im Studio suchen musste, auf den er sich draufzusetzen hatte, während im Hintergrund jemand abwechselnd „heiß“ und „kalt“ rief und ein so genannter Kommentator dabei zynisch daran erinnerte: „Den Centrecourt in Wimbledon hat er beherrscht wie kein zweiter.“

          Nun ist die deutsche Fernsehindustrie in Köln-Ossendorf zwar nur rund 600 Kilometer von dem bekannten Londoner Stadtteil entfernt, gefühlt aber doch eher eine halbe Galaxie. Deshalb war es einer der traurigsten Momente dieses Abends, einem Sportler, den viele für einen Helden hielten, dabei zusehen zu müssen, wie er im Watschelgang Topfschlagen spielte, um damit seinen guten Ruf wiederherstellen zu wollen. An Grausamkeit hat das Duellritual jedenfalls nicht verloren, als es von taunassen Wiesen an abgelegenen Orten in die LED-illuminierten Begegnungsstätten des Privatfernsehens verlegt wurde.

          Sympathie für Lilly

          Womöglich ist es egal, dass Pocher zum Schluss mit kleinem Vorsprung gewann – zumal es leicht gewesen wäre, mit ziemlich großem Vorsprung zu gewinnen, hätte der Herausforderer nicht zwischenzeitlich entschieden, sich aus Höflichkeit vor dem Kontrahenten auch mal etwas zurückzunehmen.

          Pochers Ex-Frau Alessandra, über die Becker in seinem Buch gelästert hatte, sie sei mit ihm vor allem zusammengewesen, um im Rampenlicht zu stehen, hatte sich dazu entschlossen, der Veranstaltung nicht beizuwohnen – nachdem sie in vorherigen Shows als Pocher-Unterstützung dabei war.

          Und so schien die Sympathie des Studiopublikums vor allem Beckers Frau Lilly zu gehören, die ihren Mann nicht nur wie ein koffeinvollgepumpter Berserker mit dem knackigen Schlachtruf „Come on, Schatzilein“ anfeuerte, sondern auch bereit war, für ihn an diesem Abend in einem Schwammkostüm dreckige Autos abzuschubbern und in einem gepolsterten „Fatsuit“ über Turngeräte zu purzeln, um Quizfragen zu beantworten. Einen größeren Liebesbeweis kann man seinem Partner vermutlich nicht erbringen.

          „Hoffentlich danach ist das vorbei“, hatte Lilly Becker in niederländischem Akzent bereits am Anfang der Unternehmung ihre Hoffnung zum Ausdruck gebracht, bitteschön bald ihre Ruhe vor dem Gezanke haben zu wollen.

          Andernfalls müsste vielleicht doch noch mal über die altmodische Variante nachgedacht werden, die Sache aus der Welt zu schaffen.

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