https://www.faz.net/-gsb-7h6oz

Frühkritik : Auf der Hinterbank könnte mehr los sein

  • -Aktualisiert am

Wahlplakate bei Hannover Bild: dpa

Das TV-Duell war der Höhepunkt des politischen Fernsehens. Aufschlussreicher sind aber andere Formate wie der zweiteilige Reportagen-Polittalk „Wie geht`s, Deutschland?“ Das ZDF hat Mut bewiesen, nun sollten Politiker das Angebot ebenso mutig nutzen.

          4 Min.

          Wahlkampf ist die Zeit, in der es als problematisch gilt, wenn sich niemand wirklich für Politik interessiert. Wahlkampf ist jedoch auch die Zeit, in der es Millionen von Menschen dann doch genau wissen wollen. Rechnerisch hat jeder vierte Wahlberechtigte das TV-Duell der Kanzlerkandidaten gesehen. Nur noch jeder 15. Wähler sah am Folgetag beim „TV-Dreikampf“ den drei Vertretern der kleinen Bundestagsparteien zu.

          Am Dienstagabend lud das ZDF zu einer weiteren außerordentlichen Polit-Talkshow. Zwar kamen zu „Wie geht`s, Deutschland?“ ein Mitglied der Bundesregierung, ein Partei- und ein Fraktionsvorsitzender. In der Logik des politischen Fernsehens ist die Regierungsbank jedoch schon die erste Hinterbank. Vielleicht war den Verantwortlichen des Programms genau das bewusst – in den Mittelpunkt ihrer Sendung stellten sie Volksvertreter, die ihrem Titel gerecht wurden.

          Bevor nämlich diskutiert wurde, ging es 45 Minuten um Hamburger Familien, nordrhein-westfälische Zeitarbeiter, Münchner Rentner, Berliner Unternehmensgründer, Ärzteehepaare, Schichtarbeiter, alleinerziehende Scheidungsverlierer und Wohnungssuchende. Die Moderatorin Marietta Slomka war durch die Republik gereist, um gewöhnliche Menschen zu treffen, sie in Kurzfilmen zu porträtieren und als Repräsentanten alltäglicher Probleme den Politikern gegenüberzusetzen. „Die Protagonisten“ bildeten die erste Reihe des in vielen politischen Gesprächssendungen anwesenden, aber ansonsten stets anonymen Publikums und gaben da Orientierung, wo sich Politiker im Fernsehen üblicherweise an Studien und Expertenmeinungen halten.

          Ein Arbeitsmarkt für Rentner

          Dadurch konnte über ein Land diskutiert werden, das es tatsächlich gibt – wenn auch nur in Ausschnitten. Die allerdings waren eindrücklich. So ging es beispielsweise um vierköpfige Familien, die in die Einkommensgruppe der oberen zehn Prozent gezählt werden, plötzlich anfallende Ausgaben von 320 Euro aber aufschieben müssen, selbst wenn sie zur Instandhaltung der Wohnung eigentlich notwendig sind. Sven Schmidt-Overbeck, der Vater einer solchen Familie, sagte: „Wir gehören nicht zu den Besserverdienenden, es gibt keinen Bereich, in dem wir entlastet werden.“

          Wer würde glauben, dass in Deutschlands reichster Großstadt  München jeder vierte Einwohner über 60 Jahren an Altersarmut leidet? Marietta Slomka besuchte in der bayerischen Landeshauptstadt Eva Dittrich, die als „Seniorenjobvermittlerin“ einer Siebzigjährigen dabei half, eine Halbtagsstelle in einer Bäckerei zu ergattern. Ihr Konkurrent um den Posten war achtzig.

          Mit Frau Haunschild, die in ihrem hohen Alter nun wieder arbeitet, leitete die Sendung von der Dokumentation in die Talkshow über, begleitet von der guten Nachricht, dass Frau Haunschild die Anstellung bekommen hatte. Sekunden zuvor hatte sie im Film noch darüber gesprochen, dass ihr in normalen Monaten nur 2,95 Euro im Monat bleiben, sofern ihre Planung mit der Realität übereinstimmt. Dass es diesen Menschen der Nachkriegsgeneration, die ihr Leben lang an mehr beteiligt waren als bloß an der Gestaltung ihrer Biographie, schwerfällt, sich 200 Euro von Freunden zu leihen, versteht sich von selbst. Ohne die Hilfe ihrer Freunde oder den Job in der Bäckerei „ist es im Grunde genommen aus für mich“, lauteten die letzten Worte des Films.

          Eine Familie in der „Zeitarbeitsfalle“

          Mit kleinen Spielchen lockerte Co-Moderator Mitri Sirin die Stimmung im Studio auf. Das sah nach Frühstücksfernsehen aus und wirkte albern, war aber wohl notwendig. Zumindest wurde mit den kurzen Quiz-Spielchen weniger Zeit verschwendet als durch den kalkulierten Zank, den man aus anderen Polittalkshows gewohnt ist, wenn keine Ablenkung für Auflockerung sorgt. Und das, obwohl es in mehr als zwei Stunden ausschließlich um den zweifelhaften Zustand des Sozialstaats ging. Gregor Gysi sprach über das Elend in der Zeitarbeit. Nur 6 Prozent der Zeitarbeiter seien vor ihrem Einsatz als Leiharbeiter tatsächlich arbeitslos gewesen. Den Weg zurück in die Festanstellung bietet die Zeitarbeit allerdings nur für 20 Prozent der Betroffenen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Die Milliardenvermögen dieser Welt beruhen doch auch auf Enteignung“, sagt Janine Wissler.

          Janine Wissler : Die sozialistische Versuchung

          Janine Wissler soll künftig „Die Linke“ führen. Sogar ihre politischen Gegner loben ihr Talent. Da könnte man fast vergessen, dass sie den Umsturz will.
          Vorher-Nachher-Bilder auf Instagram sollen zeigen, dass es nur aufs richtige Posieren ankommt.

          „Same body, different pose“ : Dieser Trend ist kein Empowerment!

          Frauen posten Fotos von sich in zwei verschiedenen Posen, um zu illustrieren, dass alle Körper „normschön“ sein können, wenn man sie nur richtig fotografiert. Das bewirkt viel, aber sicher kein Empowerment.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.