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TV-Kritik: „3 nach 9“ : Früher war’s besser

  • -Aktualisiert am

Schauspielerin Maria Furtwängler (r) verstärkte Judith Rakers und Giovanni di Lorenzo Bild: dpa

Die älteste deutsche Talkshow wird 40. Die Jubiläumsausgabe von „3 nach 9“ wollte das Chaos der Anfangsjahre nachbilden, setzte dabei aber auf Kurzweil und Promi-Anekdoten. Das machte den Abstand schmerzhaft deutlich.

          6 Min.

          Der aus der Annales-Schule stammende Fachbegriff der „Longue durée“, der die langsame, Strukturen schaffende Entwicklungsebene im Geschichtsprozess bezeichnet, lässt sich nur selten sinnvoll auf das Fernsehen anwenden, das von schnell verpuffenden Ereignissen geprägt ist und allenfalls Konjunkturen mittlerer Dauer kennt. Wenn eine Sendung aber ohne großartige Veränderungen vierzig deutsche Fernsehjahre übersteht, zwei Drittel der Gesamtlebensdauer dieses Mediums, dann ist „Longue durée“ als Kategorie wohl angemessen.

          Außerdem hat sich „3 nach 9“, die 1974 von Dieter Ertel, dem Programmdirektor von Radio Bremen, erfundene Talkshow, fürwahr als strukturbildend erwiesen. Auf dieser Grundlage entstand das moderne Talkfernsehen mit seinen zahlreichen Auswüchsen, das freilich nie wieder die aufregende Radikalität der frühen „III nach 9“-Jahre erreicht hat.

          Zu den großen Momenten gehört es, wie Kommunarde Fritz Teufel 1982 eine Wasserpistole zog und Bundesfinanzminister Hans Matthöfer (SPD) mit Tinte bespritzte. Dass es sich um Zaubertinte handelte, deren Flecken wieder verschwinden, konnte Matthöfer nicht wissen, weshalb seine Rotwein-Revanche gerechtfertigt war. Gerne gedacht wird auch der Weinattacke auf einen Bordellbesitzer durch die Feministin Gerlinde Schilcher oder eines sehr offenherzigen Gesprächs mit Beate Uhse über Vibratoren und Kondome. Das Irrste aber war eigentlich das Normalprogramm: Echte Menschen, echte Fragen, echte Auseinandersetzungen.

          Avantgardistische Anfänge

          Allein der Beginn der allerersten Ausgabe vom 19. November 1974 ist sagenhaft. Es wurde einfach in die bereits laufende Talkshow hineingeschaltet. Man hatte tatsächlich begonnen, während der Fernsehzuschauer noch anderes sah. Alles wirkte chaotisch, Anrufe wurden in die laufende Sendung durchgestellt, die Redaktion saß mit auf der Bühne. Wann der Abspann fällig war, wurde einfach spontan entschieden. Es war den Machern, darunter mit Wolfgang Menge der wohl größte Avantgardist der deutschen Fernsehgeschichte, in erster Linie darum zu tun, das Medium zu entmystifizieren, den schönen Schein zu durchbrechen. Die Bedingungen der Produktion sollten mit ausgestellt werden. Das war volles Risiko, Inkaufnahme des Scheiterns und größtmögliche Transparenz. Hach, was gäbe man heute für eine solche Sendung!

          Auch dabei: Der Musiker Max Raabe (links), Piratenpolitikerin Marina Weisband und Sänger Campino von den „Toten Hosen“

          Unter all den öffentlich-rechtlichen Quatschbuden-Veranstaltungen der Gegenwart steht „3 nach 9“ – seit 1989 moderiert von Giovanni di Lorenzo, den seit 2010 Judith Rakers verstärkt – immer noch ziemlich gut da, auch wenn es produktionsästhetisch gefälliger wurde. Mit der zweitältesten Redesendung im deutschen Fernsehen, der „NDR-Talkshow“, teilt sich „3 nach 9“ jedoch den wohlverdienten Nimbus einer von echtem Interesse befeuerten Sendung, die sich Zeit nimmt für ihre Gäste.

          Die Talkshow als Werbefernsehen

          Die Jubiläumsausgabe war sogar noch ein wenig länger als sonst, zweieinhalb Stunden, nur eines hatte sie nicht: Zeit für die Gäste. Es waren einfach viel zu viele eingeladen. Zu mehr als kurzem Geplänkel reichte es in kaum einem Fall. Bei den meisten der eingeladenen Gäste wäre aber vielmehr vielleicht auch nicht zu holen. Kurzweil war hier das Ziel, nicht Tiefgang. Außerdem sollte wohl ein wenig die chaotische Atmosphäre der Anfangsjahre nachgebildet werden. Als Gastmoderatorin fungierte Maria Furtwängler, was sie ganz passabel machte. Natürlich gab es viele historische Einspieler, doch hatte man sich für ziemlich seltsame Aus- und Zusammenschnitte entschieden. Vielleicht sollte die große alte Zeit die Gegenwart nicht allzu sehr düpieren.

          Los ging es in großer Moderatorenrunde, in der unter anderem Kurt Krömer und Johannes B. Kerner saßen, mit einer milden Form von Selbstreflexion: Hat man als Moderator hier und da eine Grenze überschritten? Müsste man sich bei manchen Gästen entschuldigen? Niemand aber hatte etwas zu bedauern. Kerner nannte den Eva Herman-Rauswurf von 2007 zwar „wenig charmant“, aber das gehe für ihn in Ordnung. Krömer nahm noch einmal Stellung zur juristischen Posse mit Matthias Matussek, den er in seiner Sendung „hinterfotziges Arschloch“ und „Puffgänger“ genannt hatte. Man erfuhr, dass Krömer Matusseks Versuch, die Ausstrahlung zu verhindern, lächerlich fand. Keine wahnsinnig neue Information. Mehr hatte Krömer tatsächlich nicht zu sagen, sondern verstummte für die restlichen zweieinhalb Stunden. Dafür hätte er eigentlich nicht nach Bremen reisen müssen.

          Im Duo noch schöner: Musiker Ja Delay und selbsternannter Modezar Harald Glööckler

          Ein bisschen frech wollte man zur Feier des Tages schon werden, einige Marktkonformitäten unterlaufen. So riss Judith Rakers den – unvermeidlichen? – „Promo-Teil“ betont lieblos herunter, zählte in wenigen Sekunden alle CDs und Bücher ihrer Gäste auf. Wolfgang Menge zu Ehren darüber nachzudenken, wie sehr diese Promo-Gepflogenheit zur Austreibung der Inhalte aus Talkshows beigetragen und diese zu Dauerwerbesendungen degradiert hat, wagte man aber so wenig wie sich von ihr zu verabschieden.

          Kerners Fuß und Campinos Grab

          Gerne wüsste man auch, welche kapitalistische Verkettung dazu geführt hat, dass urplötzlich und ohne jeden Zusammenhang die italienische „The Voice“-Nonne Sister Cristina mit ihrer Cover-Version von Alicia Keys‘ „No One“ durch die Kulisse zu jauchzen hatte. Campino und Max Raabe konnten bei dem angestrengten Gehampel ein Grinsen nicht unterdrücken, Jan Delay würde die Promi-Ordensschwester nicht einmal in seinen Background-Chor aufnehmen. Damit war alles gesagt, die Nonne ward nicht mehr gesehen.

          Ein weiterer schiefgegangener Sonder-Gag der Jubiläumssendung waren witzig gemeinte Untertitelungen durch den langjährigen Chef-Untertiteler der Sendung. Auch wenn sich das auf ein lustig anarchisches Geblödel aus den Anfangsjahren bezog, welches kurz eingespielt wurde, wirkte es hier wie unbeholfenes Getwitter: „Di Lorenzo schweigt nicht, er sendet parasprachliche Signale“.

          Blass blieben aber vor allem die meisten der gehetzten Gespräche: viele Worte, wenig Inhalt. Jan Delay verachtet intolerante „‘Bild‘-Deutsche“. Johannes B. Kerner hält sich durch Laufen fit, hat sich aber jüngst den Fuß gebrochen. Extremsportlerin Natascha Badmann stellt sich bei ihren Triathlon-Einsätzen gerne einen Adler vor, das gebe ihr Kraft. Campino von den Toten Hosen wünscht sich ein Garagentor mit „Opel-Gang“-Aufschrift als Grabstein. Max Raabe fand es großartig, von Westfalen nach Berlin zu ziehen. Ein bunter Anekdoten-Salat.

          Modekaspar Harald Glööckler vertickt neuerdings auch opulent verkitschte Fertigschlösser für Möchtegernprinzessinnen, was man in der Werbeeinlage wohl zu erwähnen vergessen hatte, weshalb es im Gespräch nachgeholt wurde. Bei seinem Anblick hyperventilierende Teenager erklärte der Designer damit, dass er sie akzeptiere wie sie seien, nicht mit einem hemmungslos gewordenen Markenfetischismus. Maria Furtwängler bohrte nach, warum er selbst dann sein Antlitz in ein Werk der Kunst verwandelt habe statt es in seiner natürlichen Form zu akzeptieren. Die Antwort klang so pfiffig wie eingeübt: „Nur weil Sie ein Haus lieben, lassen Sie doch auch nicht den Putz runterfallen.“

          Das alles war nicht nur nicht interessant, sondern auch völlig heterogen, ein Sammelsurium von unzusammenhängenden Promi-Statements, das sich auch auf den Klatschseiten der Regenbogenpresse gut machen würde. Der größte Teil dieser Jubiläumsausgabe wurde von den wenige Sekunden dauernden Ausschnitten der frühen Sendungen locker überstrahlt.

          Die Wende zum Ende

          Gute, also echte Gespräche gab es aber doch. Dafür verantwortlich war etwa Marianne Koch, neben Menge und Gert von Paczensky „3 nach 9“-Moderatorin der ersten Stunde. Heute ist sie über achtzig Jahre alt, aber in jeder Hinsicht fitter als Kerners Turnschuh. Sie sprach mit der ebenfalls betagten und ebenfalls jugendfrisch wirkenden Schauspielerin Christiane Hörbiger über das Heilbleiben im Leben und über das Furchterregende am Wiener Burgtheater.

          Den ehemaligen Bremer Bürgermeister Henning Scherf (SPD), auf den Koch bereits in der ersten Sendung getroffen war, befragte sie zur Bedeutung des Rebellentums für sein Leben. Gerne hätte er in den Siebzigern zu den wilden Linken gezählt, sagte Scherf, aber für diese stand er auf der anderen Seite: „Meine institutionelle Rolle hat mich ganz schön auf Distanz gehalten.“ Man erfuhr noch, dass Scherf nach wie vor stolz auf sein „Oma-Knutscher“-Image ist („Ich mache das auch außerhalb Bremens“), aber schon schlug die Regie zu: Die Sendezeit sei begrenzt. Und es waren noch so viele Standardsätze von Standardgästen abzurufen.


          Der hochrangigste Gast der Sendung war die Verteidigungsministerin, deren Terminkalender offenbar immer noch genug Lücken aufweist, um Termine wie diesen wahrzunehmen. In einem ersten Gespräch mit Giovanni di Lorenzo gab sie sich staatsmännisch. Natürlich mache auch sie Fehler, sagte von der Leyen, dann folge zur Strafe eine Art Schleudergang, aber das müsse man eben ertragen. Es sei wichtig, durch dieses Tal zu gehen. Di Lorenzo packte die Gelegenheit beim Schopfe und wollte wissen, ob die „Top Gun“-Inszenierung mithilfe des bekannten Fotos im Morgengrauen vor Transall-Maschine im vergangenen August ein solcher Fehler gewesen sei.

          Ursula von der Leyen ist natürlich Profi genug, um in solchen Momenten nicht einzuknicken: Sie erzählte noch einmal, dass sie sich an jenem Morgen einfach die Jacke ihrer Tochter geschnappt hatte und alles andere reiner Zufall gewesen sei. Sie wusste aber natürlich bereits, dass sich ein zweites Gespräch anschließen würde, in dem sie sich von der menschlichen Seite zeigen konnte.

          Dieses Gespräch führte Maria Furtwängler. Sie ist mit Ursula von der Leyen befreundet, duzte die Ministerin und befragte sie zu ihrem Umgang mit der Demenzerkrankung ihres Vaters Ernst Albrecht, ehemaliger Ministerpräsident von Niedersachsen. Der Rollenwechsel von der beschützten Tochter zur beschützenden Tochter sei ihr schwer gefallen, sagte die Ministerin, vor allem, weil sich der bewunderte Übervater dabei auflöste. Heute lebe er glücklich in seiner eigenen Welt: „Wenn er mich sieht, sagt er: ‚ Wo ist Ursula?‘ Dann sage ich: ‚Ich bin Ursula‘. Dann guckt er mich an und freut sich, aber ich glaube eher, weil ich zu ihm rede, weil er weiß, wir gehören zueinander und ich bin etwas Warmes, Gutes und Bekanntes für ihn.“

          Das mag alles wohlkalkuliert gewesen sein, aber es klang trotzdem ehrlich. Und interessanter als alle einstudierten Pointen zuvor. Eine zweieinhalbstündige Sendung zum Thema Demenz ohne all die professionellen Talkshow-Dauergäste wäre vielleicht eine würdigere Jubiläumsausgabe geworden.

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