https://www.faz.net/-gsb-7qgki

Filmkritik: „Master of the Universe“ : Ein Banker packt aus

„Es ist wie im Krieg“, sagt der ehemalige Investmentbanker Voss über den Druck in der Branche. Bild: © HR/bauderfilm

Ganze Volkswirtschaften am Abgrund, endlose Kettenreaktionen auf den Finanzmärkten: Die exzellente Dokumentation „Master of the Universe“ zeigt, wie Finanzjongleure mit unserem Schicksal spielen

          2 Min.

          Die Sakralmusik ist treffend gewählt, auch wenn die Kamera durch eine profane Betonkathedrale schwebt: Einen Bankenturm, er steht in Frankfurt und steht leer, ein einzelner Mann wandert durch ausgebeinte Hallen, ein Mensch ohne Macht und ohne Amt, der vermeintlich gottgleiche Mächte stürzt - mit seinen Worten.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dieses ganze Gerede von „den Finanzmärkten“ und „den Banken“, Rainer Voss wischt es beiseite. Voss war ein führender Investmentbanker, er handelte mit Beträgen, bei denen anderen der kalte Schweiß ausbräche, bis zu dem Tag, an dem die Krise auch ihn traf und er entlassen wurde. Er weiß, wie es zugeht, wenn Hedgefonds sich Staatsanleihen unter den Nagel reißen und Länder erpressen, bis ganze Volkswirtschaften ins Rutschen geraten.

          Dass quasi überweltweltliche Kräfte Länder in den Abgrund rissen, den Euro zu sprengen drohten und Regierungen als Geiseln nähmen? Unfug! Aber da sind wir schon wieder bei der verschleiernden Rede. In Wahrheit, sagt Voss, ist es ganz einfach: „Das sind Menschen, die da entscheiden. Und wenn man denen sagt, hört auf damit, dann hören sie auf damit.“ In der Stille danach hallt unausgesprochen: Es wird ihnen keiner sagen. Weil keiner „man“ sein will. Griechenland, Portugal, Italien, welcher Staat gerät als nächster in den Schuldenstrudel? „Frankreich.“ Und dann? „Game over.“ Hinter Voss sinken Schneeflocken Richtung Asphalt.

          Biographie eines Desillusionierten

          Graue Haare, Wachsjacke, Wollschal um den Hals: Rainer Voss war wer in der Finanzbranche und ist doch irgendwer. Dass überhaupt einer der vielen unsichtbaren Entscheider aus der Finanzwelt vor die Kamera tritt und schier Unglaubliches ausspricht, ist das herausragende Verdienst von Marc Bauders Dokumentation „Master of the Universe“, die im vergangenen Jahr beim Filmfestival in Locarno ausgezeichnet wurde und für den Deutschen Filmpreis nominiert ist.

          Der ehemalige Investmentbanker Rainer Voss, der für „Master of the Universe“ befragt wurde
          Der ehemalige Investmentbanker Rainer Voss, der für „Master of the Universe“ befragt wurde : Bild: HR/bauderfilm

          Bauder inszeniert in exzellenten Bildern (Bildgestaltung: Börres Weiffenbach) nur diesen einen Mann und gibt seinen Worten Raum. Die Perspektiven wechseln, die Orte ebenso, Tiefgarage, Aufzüge, Gänge, das Außen ist sichtbar und unerreichbar. So ist das in der hermetisch abgeschlossenen Bankenwelt. Voss wirkt mal verloren im Grau wie der Mönch am Meer, mal klein wie ein enttarnter Zauberer von Oz.

          Er ist ein Desillusionierter, ein Kronzeuge, vor allem aber Anthropologe seiner selbst. Monate nach seinem Rückzug aus dem Berufsleben beginnt er seinen früheren Lebensraum wie das Habitat einer Spezies zu betrachten, der er nicht mehr angehört. Und nur von seiner Biographie aus erklärt sich, was mit den internationalen Finanzmärkten geschehen ist.

          Menschen hinter den Systemen

          Die Geschichte von Voss ähnelt der zahlloser Banker: ein Junge aus der Provinz, erste Stelle, sofort so viel Geld, Fremdsprachen schwirren über den Flur. Er lernt schnell, Business-Englisch, Zigarrenmarken, er will dazugehören. Deutschland ist da noch ein „kuscheliger Kapitalmarktzoo“, dann kommt die Deregulierung, die Computerisierung. Amerikaner mit breitgestreiften Hemden erklären, wie es läuft, die Dotcom-Blase bläht sich, für junge Banker wird die Welt ein gigantischer Finanzspielplatz. Es ist ein Rausch.

          Die Firma ist Familienersatz oder eher Sekte, der trading floor das „Allerheiligste“. Vor sich ein Halbrund aus Bildschirmen, um sich herum Hunderte andere Banker, hatte Voss das Gefühl, per Knopfdruck die Welt zu verändern. Und tat es. Ist es kriminell, wenn Banken Kommunen Wetten auf Zinsentwicklungen andrehen? Die Kamera schaltet schwarz. Als Voss wieder im Bild ist, sagt er: Nein. Er malt Formeln auf die Fensterscheiben und erklärt, wie das geht, mit den Anleihen, erzählt vom Druck, immer mehr, immer schneller Geld zu machen, egal wie. Es sei wie im Krieg. Er schweigt auf die Frage, ob er ein guter Vater war. Das System, sagt er, läuft unverändert weiter.

          Da könnte einen die große Depression packen. Wenn nicht die anderthalb Stunden mit Rainer Voss daran erinnern würden, dass hinter Systemen Menschen stecken. Und dass Menschen das alles möglich machen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) stürmen in Calw während einer Übung in eine Tür (Archivbild).

          Wehrbeauftragte Eva Högl : „Es wäre falsch, das KSK aufzulösen“

          Das Kommando Spezialkräfte wird grundlegend reformiert, um rechtsextreme Umtriebe künftig unmöglich zu machen. Die Wehrbeauftragte war bei der „Höllenwoche“ des Verbands dabei. Ein Gespräch über ihre Eindrücke.
          SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach

          SPD-Gesundheitsexperte warnt : Lockdown möglicherweise schon in wenigen Wochen

          Die jetzigen Einschränkungen reichten nicht aus, um einen deutlichen Anstieg der Todeszahlen zu verhindern, sagt Karl Lauterbach laut einem Bericht. Er fordert mehr Homeoffice und eine Aufteilung von Schulklassen. Auch der Außenhandelsverband warnt vor einem neuen Lockdown.

          Verbannung beim FC Arsenal : Warum Mesut Özil polarisiert und spaltet

          Mesut Özil wird beim FC Arsenal nicht mehr gebraucht. Sein Verhalten auf und neben dem Platz wirft Fragen auf, auf die es keine Antworten gibt. Denn Politik lässt sich nicht mit Fußballschuhen vermessen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.