https://www.faz.net/-gsb-7ipc8

Fernsehkritik: „Maischberger“ : Gekonnt am Kitsch vorbei

Bild: dpa

Sandra Maischberger hört ihren Gästen zu, das zeigt sich auch beim Thema „Politik und Krankenkassen“. Dadurch kommt sie ihren Gästen nahe und entlockt ihnen Intimes. Die peinliche Seelenschau der Pseudo-Psychologen hat sie nicht nötig.

          3 Min.

          Talkshows sind manchmal so besetzt, dass sie Gefahr laufen, zum Tribunal zu werden. Vier oder fünf Ankläger stehen einem Angeklagten gegenüber, der sich nur schwer gegen die geballten Vorwürfe wehren kann. Auch die jüngste Ausgabe von „Menschen bei Maischberger“ war von der Redaktion so zusammengesetzt. Drei Betroffene mit schweren Erkrankungen oder ihre Angehörigen berichteten von ihren unangenehmen und kräftezehrenden Scherereien mit ihrer Krankenkasse. Unterstützt wurden sie von einer Vertreterin des Sozialverbands VdK, die als Kronzeugin auftrat, um die angebliche Systematik solcher Fälle zu beschreiben. Ihnen stand als Repräsentant der Krankenkassen der Sprecher des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenversicherung Florian Lanz gegenüber. Allein auf weiter Flur.

          Bleibt man im juristischen Bild, braucht ein solches Aufeinandertreffen einen fairen Richter, damit der „Prozess“ nicht zum „Tribunal“ ausartet. In dieser Rolle trat Moderatorin Sandra Maischberger auf. Ihr erster Vorzug: Sie gibt ihren Gästen die Zeit, ihre eigene Geschichte zu entwickeln. Besonders deutlich wird das an ihrem ersten Fallbeispiel: der sechsjährigen Romy, die an einer Zwerchfelllähmung leidet. Ihre Pflegeeltern nahmen sie im ersten Lebensjahr bei sich auf und mussten die Prognose akzeptieren, dass sie möglicherweise nur ein Jahr überleben könne. Inzwischen steht sie kurz vor dem Wechsel vom Kindergarten in die Schule – auch mithilfe moderner Beatmungstechniken.

          Allerdings, so beschreiben es ihre Pflegeeltern Simone und Ingo Köhler, hätten sie allzu oft um notwendige Leistungen mit ihrer Kasse kämpfen müssen. Exemplarisch dafür steht die Aussage einer Kassenmitarbeiterin, die anzweifelte, dass man Romys Beatmungsschlauch regelmäßig wechseln müsse.

          Maischberger hört zu, nicht wie Kollege Jauch

          20 Minuten nimmt sich Maischberger Zeit, den Fall zu verstehen. Es gelingt ihr, das kleine Mädchen nicht vorzuführen, sondern sich mit sensiblen Fragen an sie heranzutasten. Kurz bevor Romy die Bühne verlässt, um ins Bett zu gehen, verrät sie in einem angenehm unkitschigen Moment, dass sie davon träumt, Balletttänzerin zu werden. Ohne auf die Tränendrüse zu drücken, wird unmittelbar deutlich, wie sehr sich der unermüdliche Einsatz der Pflegeeltern für das Kind lohnt. Als sie von diesem zähen Ringen erzählen, hört die Moderatorin genau zu und hakt da ein, wo der Zuschauer ohne weitere Informationen den Fall nicht verstehen würde.

          Maischbergers zweiter Vorzug: Sie ist in der Lage, von der sehr persönlichen Tonlage der Einzelfälle auf die Ebene der abstrakten sozialpolitischen Diskussion zu wechseln. Diese Fähigkeit des Codewechsels haben beileibe nicht alle Talkshow-Gastgeber im deutschen Fernsehen – oder sie können sie wegen des oft starren Zeitrahmens nicht zeigen.

          Erst nach einer Stunde greift der gesundheitspolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion Jens Spahn in die Diskussion ein. Er ist darum bemüht, den Unterschied zwischen politischen Rahmenbedingungen und kultureller Rückständigkeit einzelner Krankenversicherungen herauszuarbeiten. Den Vorwurf der Studiogäste, deutsche Kassen zahlten systematisch zu viel Geld für Medikamente, kann er mit dem Hinweis auf die Reform des Arzneimittelgesetzes und die seither sinkenden Preise abwehren. Dem Ansinnen, Überschüsse der Krankenversicherungen an die Mitglieder auszuschütten, tritt er mit der Forderung entgegen, man müsse über Rücklagen verfügen.

          Die drei Fälle nehmen den größten Raum in der Sendung ein. Das ist auch angemessen. Versteht man eine solche Sendung als Angebot an den Zuschauer, ein Thema später weiterzudiskutieren, liefern diese Fälle anschauliche Beispiele dafür, was schief gehen kann. Der ARD-Korrespondent Rolf-Dieter Krause etwa erzählt vom Kampf seiner inzwischen verstorbenen Frau, die nach mehreren Chemotherapien durch intensive Recherche auf ein alternatives Heilverfahren gegen Krebs stieß. Als letzten Strohhalm wollte sie es ausprobieren – doch die Kasse stellte sich quer. Ähnlich bedrückend ist der Fall des muskelkranken Michael Juhnke, dessen Krankenkasse nach zehn Jahren seinen elektrischen Rollstuhl zurückverlangte, um ihn durch ein ungeeignetes Modell zu ersetzen. Zwischenzeitlich musste er sich von der Kasse anhören, man würde auf ihn wegen der hohen Kosten, die er verursacht, lieber als Mitglied verzichten.

          Dass man als Zuschauer am Ende das Gefühl hat, einen Gewinn aus der Sendung gezogen zu haben, hat sehr viel mit ihrer Machart zu tun. Statt sofort alle Gäste einzuspannen, zwingt Maischberger sie dazu, sich auf die Geschichten der anderen einzulassen. Wechselt sie auf die abstrakte Ebene, reichen oft einige knappe Statements, um die politische Dimension des Themas zu erörtern. Anders als ihr Kollege Jauch unterbindet sie die Diskussion nicht, sobald es um etwas komplexere politische Sachverhalte geht. Dass dies alles in einem unterhaltsamen scheinbaren Plauderton daherkommt, erleichtert es zudem, bis kurz nach Mitternacht am Ball zu bleiben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson in 10 Downing Street

          Doch wieder Brexit-Gespräche : Sie verhandeln auf der roten Linie

          London und Brüssel verhandeln nun doch weiter über eine künftige Partnerschaft. Aber reichen drei Wochen mehr Zeit aus, um die Gräben zu überwinden? Fest steht: EU-Chefunterhändler Michel Barnier hat wenig Spielraum.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.