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Fernsehkritik: „Die Thorsten Havener Show“ : Winke-Winke!

  • -Aktualisiert am

Thorsten Havener Bild: Rosenkranz, Henner

Was möchten uns Menschen bloß sagen, die sich von uns wegdrehen? RTL enthüllt vermeintliche „Geheimnisse der Körpersprache“, erkundet aber vor allem neue Dimensionen der Langeweile.

          3 Min.

          Es kam dann, nach zweieinhalb Stunden, der Moment, an dem der RTL-Tanzjuror Joachim Llambi beweisen sollte, was er gelernt hatte an diesem Abend über die „Geheimnisse der Körpersprache“. Eine kleine Gastronomieszene war im Studio aufgebaut. Eine dunkelhaarige Frau saß an einem Tisch weggedreht von ihm, eine blonde an der Bar war ihm zugewandt und warf sich gelegentlich die Haare nach hinten und entblößte ihren Nacken. Llambi sollte sagen, bei welcher er wohl Chancen hätte, wenn er sie anspräche.

          Es wäre nicht viel weniger subtil gewesen, wenn über der Blonden eine Leuchtreklame mit einem großen blinkenden Pfeil und der Aufschrift „Nimm mich!“ gehangen hätte und über der Dunkelhaarigen ein rotes X. Llambi tendierte trotzdem zu der Dunkelhaarigen, auch nachdem ihm der Moderator aufgezählt hatte, dass deren Fußspitzen, Beine, Hände, alles von ihm abgewandt seien. Es wirkte fast wie eine Trotzreaktion, ein winziger Akt der Rebellion gegen diese Show und ihren Moderator Thorsten Havener, der die banalsten Offenkundigkeiten wie kostbare Einsichten in eine Geheimwissenschaft verkaufte.

          „Ganz besondere Experimente“

          Das faszinierende Mysterium dieses Abends war nicht, was unsere Mimik und Gestik ohne Worte über uns verrät. Das faszinierende Mysterium war, was die Verantwortlichen sich bei dieser Sendung gedacht hatten. Geheimnisse des Fernsehmachens.

          Havener hat sich einen Namen als „Gedankenleser“ gemacht. Er erkennt kleinste, für andere unmerkliche Reaktionen des Körpers. Das ist, entsprechend inszeniert, faszinierend wie ein guter Zaubertrick.

          Doch aus irgendwelchen, womöglich sogar gut gemeinten Gründen entschied sich RTL, daraus eine große, nein: lange Schulfernsehshow zu machen. Mit vier prominenten Gästen machte Havener kleine Ratespiele und guckte sich Filme an, die er als „ganz besondere Experimente“ bezeichnete und mit Körpersprache teilweise nicht das Geringste zu tun hatten. Er zeigte, dass eine Mutter und ein Vater ihr Neugeborenes schon nach 48 Stunden aus zwei Neugeborenen erkennen. Er demonstrierte einem jungen Mann, dass er nicht so unscheinbar oder unansehnlich ist, wie er glaubt, indem er ihn mit dem Urteil von Passantinnen über ihn konfrontierte. Er testete, ob Verkäufer in einer Bäckerei mehr Plätzchen von einem Sonderaktionstisch verkaufen, wenn sie zu den Kunden dorthin gehen, als wenn sie nur von hinter der Theke darauf zeigen (sensationelles Ergebnis: Ja).

          Dröhnende Langeweile

          Gelegentlich ergab sich aus dem Gefälle zwischen Getue und Erkenntnis wenigstens eine Art unfreiwillige Komik. Doch selbst die kam letztlich nicht an gegen die alles überdeckende, dröhnende Langeweile.

          Es schien, als ob die Show selbst das eigentliche „ganz besondere Experiment“ wäre, eine Übung in Ausdauer und Unbehaglichkeit. Und die Körpersprache der Protagonisten auf dem Bildschirm war dabei durchaus nicht uninteressant: Die Steifheit Haveners, der in keiner Minute ausstrahlte, dass er sich wohlfühlte in seiner Show, und die zunehmend bemühten Versuche seiner Gäste auf dem Sofa, wach, interessiert und vergnügt zu wirken. „Eure Körper sagen mir: ’Ich fühl mich wohl’“, sagte Havener an einer Stelle zu ihnen. In Wahrheit riefen die Körper von Joachim Llamby, Sonja Zietlow, Fernanda Brandao und Atze Schröder an dieser Stelle vernehmlich: „Geht das noch lange?“, „Was mache ich hier eigentlich?“, „Ich muss nachher aber mal ein Wörtchen mit meinem Management sprechen“  und: „Düdelüdelüüüd.“

          Noch interessanter wäre freilich die Körpersprache der Zuschauer zuhause gewesen und die Frage, wie viele von ihnen der Show den Finger zeigten (und sei es den auf der Fernbedienung).

          Großes Bohei

          Man konnte beim Zusehen lernen, wie man diese kleinen, aber ungemein ungemütlichen Momente der Stille produziert, wenn alle das Gefühl haben, im falschen Film zu sein. Erstaunlicherweise war es dem Sender nicht gelungen, die im Nachhinein herauszuschneiden, obwohl es dafür nicht an Zeit mangelte: Die Sendung war bereits im Dezember vergangenen Jahres aufgezeichnet worden. Das, immerhin, war dann aber doch eine nachvollziehbare Entscheidung des Senders: Dass er es nicht eilig hatte, sie auszustrahlen.

          Mit größtem Bohei kündigte Havener an, eine einzelne Frau in Berlin vom Hubschrauber aus aufzuspüren, die sich an einem ihm unbekannten Ort inmitten der Millionen anderen Menschen aufhält: mithilfe einer anderen Frau, die aber nicht spricht, sondern nur die Hand auf seinen Arm legt. Es klang wie ein David-Copperfield-hafter Großzaubertrick. Es entpuppte sich als Variante von Haveners Gedankenlesetechnik: Den Ort erriet er am Tisch vor einem Stadtplan. Das wäre immer noch eindrucksvoll, wenn man danach nicht noch sinnlos mit dem Hubschrauber durch die Stadt flöge, um sie beim Neptunbrunnen neben dem Fernsehturm winkend zu sehen. Das muss man auch erst einmal schaffen: Durch die ganze Inszenierung einen Trick nicht groß und eindrucksvoll wirken zu lassen, sondern klein und aufgebauscht.

          Das RTL-Telekolleg endete damit, dass Havener sagte: „Und damit haben wir alle so viel über Körpersprache gelernt, da reicht wahrscheinlich eine Geste, um Ihnen zu zeigen, an welchem Punkt der Sendung wir gerade sind.“ Dann winkte er. Der Abschied fiel leicht.

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