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Fernsehfilm „Eltern“ : Ein Hausmann auf Freigang

  • -Aktualisiert am

In Robert Thalheims Film „Eltern“ spielt Charly Hübner einen Vorzeigevater. Doch als der wieder arbeiten gehen will, gerät die Familienharmonie sofort ins Wanken.

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          In dieser Familie ist irgendwie alles zu schön, um wahr zu sein. Bleibt es aber nicht. Hausmann Konrad (Charly Hübner) ist auf den ersten, zweiten und dritten Blick ein Traumpartner für jede ernsthaft berufstätige Frau. Klinikärztin Christine (Christiane Paul) weiß nicht erst, seit andere Mütter künstlich lächelnd um ihren Mann herumschleichen, dass sein Einfallsreichtum, seine Kochkünste, sein Organisations- und Erziehungstalent einem Lottovolltreffer gleichen. Konrad ist romantisch und sensibel, literarisch gebildet und herrlich anarchisch im Umgang mit Kindern wie Großkopferten. Er hält Christine den Rücken frei, sie kommt auch spätabends stets an den gedeckten Tisch. Ein Familienmanager wie aus der Fernsehwerbung, mitten in einem modernen Idyll (Kamera Henner Besuch).

          Doch Stopp, Vorspultaste: Ein bis zwei Störfaktoren, und das Familienvorzeigekartenhaus fällt in sich zusammen. Konrad erhält sein erstes Regisseursengagement seit Jahren und will sich vor seiner diskussionsfreudigen Schauspielerschar beweisen. Mit Hebbels Theaterstück „Die Nibelungen“ wird ihm ein Familiendrama von Verrat, Mord und Totschlag zum Prüfstein seiner beruflichen Autorität. Isabella (Clara Lago), das Au-pair-Mädchen aus Argentinien, das zu Hause nun alles wuppen soll, kommt blass und schwanger an und verschwindet speiend im Bad. Tochter Käthe stemmt sich, schon pubertierend und um die Liebe des Vaters fürchtend, gegen alles. Emma zeigt kreatives Sozialverhalten.

          Am Rande des Nervenzusammenbruchs

          Christine soll nun auch einmal zurückstecken. Bühnenbildnerin Julie (Maren Eggert) baggert Konrad an, Christine hat eine amouröse Nebensache mit dem Krankenhauskollegen laufen. Wie das Chaos nach und nach perfekt wird, das zeigt der Film von Robert Thalheim (Buch und Regie) und Jane Ainscough (Buch) mit der Art von Humor, bei dem einem das Lachen im Hals steckenbleibt. Auch leisere Töne, die Wehmut über verpasste und auf Kosten des Partners realisierte Träume, verkneift er sich nicht.

          Dabei hat das vermeintliche Idyll so wenig mit der Wirklichkeit zu tun wie Familienfilme der fünfziger Jahre unter umgekehrten Geschlechtervorzeichen. Charly Hübner und Christiane Paul spielen Eltern am Rande des Nerven- und Familienzusammenbruchs hinreißend individuell wie typisierend allgemeingültig. Die beiden Kinder, Emilia Pieske als Emma und vor allem Paraschiva Dragus als ältere Tochter Käthe, geben eindrucksvolle Vorstellungen ab.

          Angstschweiß und erhellende Momente

          Wenn Familie nicht mehr vorrangig als Wirtschaftsgemeinschaft in Alleinverdienerkonstellation definiert wird, als was dann? Als Herkulesaufgabe, in der jeder aufs Neue Selbst- und Allgemeinverwirklichung unter einen Hut zu bringen hat? Als Dauerüberforderung? Als simpler Energieerhaltungssatz? Als Ort innerer Emigration? Wer Familie mit Kindern hat, dem dürfte in diesem Film an mehreren Stellen entweder der kalte Angstschweiß ausbrechen oder die Lichter gleich in der vorteilhaften Großpackung aufgehen. Schon am dritten Tag schreien sich die zuvor ach so gut harmonierenden Familienhäupter an wie die Kesselflicker. Sie rechnen Arbeit gegen Arbeit auf, die Nöte aus Fremdbestimmung durch Arbeitgeber und Kinder kommen hinzu – und plötzlich machen Eltern, die vorher mit den Kindern alles lang und breit ausdiskutierten, lautstark autoritäre Ansagen.

          Das Ende beschönigt nicht, lässt aber Platz für Hoffnung und Entwicklung. Sowohl Christine als auch Konrad sind in einem Prozess der Veränderung, die Rollen verschieben sich. „Eltern“ zeigt zugespitzt die modernen Konfliktlinien und Ansätze zu Auswegen. Eine Standortbestimmung, die man besser mit redefreudigen Partnern gemeinsam schaut.

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