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FAZ.NET TV-Kritik: Reinhold Beckmann : Einen Stuhl für „Xinhua“ beim NSU-Prozess!

  • -Aktualisiert am

Mehr, als ein Sitzplatz: Ein Stuhl im Gerichtssaal Bild: dpa

Helmut Schmidt und der Hamburger Sinologe Yu-Chien Kuan sprachen bei Beckmann über China und die Vergabe von Presseplätzen. Es war ein interessanter Abend.

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          Der Entwicklungsstand von Gesellschaften lässt sich zumeist an der Rolle der Alten erkennen. Traditionelle Gesellschaften werden von alten Männern regiert. Sie genießen den höchsten Respekt und garantieren gesellschaftliche Kontinuität. Allein die Tatsache, so alt geworden zu sein, ist schon eine Leistung, nämlich so lange überlebt zu haben. Kinder sind dagegen im Überfluss vorhanden. Die Geburtenrate ist hoch und die Kindersterblichkeit auch. In modernen Gesellschaften ändert sich das. Kinder werden mit der Geburtenplanung zu einem knappen Gut und alt zu werden ist keine Leistung mehr, sondern Normalität. Alte werden zu Pflegefällen und Kostenfaktoren. Der Respekt vor dem Alter ist zur Höflichkeit  geworden. Solche Gesellschaften leben von ihrer Dynamik und permanenter Veränderung. Die Welt der Alten ist sprichwörtlich von gestern.

          Mit China beschäftige sich gestern Abend bei Beckmann Helmut Schmidt. Ihn braucht man nicht mehr vorzustellen. Der ehemalige Bundeskanzler ist mit seinen 94 Jahren eine singuläre Figur, gewissermaßen die Antithese zur Rolle des Alters in modernen Gesellschaften. Ihm attestierte der Hamburger Sinologe Yu-Chien Kuan, ein seit 1969 in Deutschland lebender Chinese mit deutscher Staatsbürgerschaft, bei Beckmann ein „drittes Auge“. Er meinte damit Schmidts Fähigkeit, politische und ökonomische Entwicklungen in einen historischen Kontext einzuordnen. Das setzt dem politischen Gestaltungswillen Grenzen. Schmidt war schon immer einer jener sogenannten Realisten, die Außenpolitik in erster Linie als Interessenausgleich definierten.

          Talk-Trio: Altbundeskanzler Helmut Schmidt, Fernsehmoderator Reinhold Beckmann und der in China geborene Sinologieprofessor und Schriftsteller Yu-Chien Kuan

          Eine Ausnahme macht er lediglich in der Europapolitik. Die europäische Integration ist für ihn die Konsequenz des zweimal gescheiterten deutschen „Griffs nach der Weltmacht“, auch wenn er diesen Begriff gestern nicht benutzte. Die Forderungen nach der Übernahme einer europäischen Führungsrolle durch Deutschland begegnet er mit jener tiefsitzenden Skepsis, die sich fragt, warum beim dritten Versuch gelingen soll, was schon zweimal so desaströs gescheitert ist. Dass eine Führungsrolle nichts anderes bedeuten kann als für die Funktionsfähigkeit des europäischen Gesamtsystems sorgen zu müssen, also Lasten zu übernehmen, ist in Deutschland keine gern gehörte Erkenntnis.

          Schmidt  wies gestern noch einmal auf die riesigen deutschen Leistungsbilanzüberschüsse hin und fragte, was wir eigentlich damit anstellen wollen. Die Bundeskanzlerin könne deswegen ein Problem bekommen. Ob man damit nicht die Schulden der anderen Europäer bezahlen könnte, so fragte er laut. Solange sich nicht herum gesprochen hat, dass diese Überschüsse und die Schulden der anderen in einem direkten Zusammenhang stehen, wird diese Frage sicherlich nicht positiv beantwortet werden.

          Harmonie im Konfuzianismus

          Europa befinde sich, so Schmidt, in einer seit zehn Jahren andauernden Institutionenkrise. Der Integrationsprozess habe mit der Ausweitung der EU nicht Schritt gehalten. Er sieht die Möglichkeit des Scheiterns „nicht bei Null“. Was nichts anderes heißt, es einkalkulieren zu müssen. Angesichts dessen kann es kaum überraschen, wenn er den Anspruch des Westens, in China unsere Wertvorstellungen von einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft durchzusetzen, für überzogen hält. Sein Bild von China ist von einem Widerspruch geprägt. Einerseits hat er den historisch beispiellosen Modernisierungsprozess seit seinem ersten China-Besuch im Jahr 1975 erlebt.

          Sein Gesprächspartner Yu-Chien Kuan machte das an seiner Erfahrung deutlich, in China zwischen zwei Besuchen sprichwörtlich Straßen nicht mehr wiederzufinden. Andererseits ist Schmidts Blick auf China von jener 5.000 Jahre alten Kultur geprägt, die historisch weder die Reformation, noch die Aufklärung erlebt hat. Stattdessen sei China vom Konfuzianismus geprägt, der den Respekt vor den Eltern mit einem Harmoniebegriff verbindet, wo alles auf der Welt seinen festen Platz haben muss.

          Dem Anspruch auf die Gültigkeit universaler Menschenrechte fehlt in China die kulturelle Basis, so ist das zu verstehen. China sei zwar der missionarische Charakter des Westens fremd, aber es sei zugleich an anderen Kulturen völlig desinteressiert. Der 82 Jahre alte Yu-Chien Kuan sah interessanterweise in Schmidt den Menschen, der dem Emigranten sein Heimatland wieder nahe gebracht habe. Für Yu-Chien Kuan war Mao nicht nur der „Befreier der Frau“, sondern auch der Mann, der China von der Fremdherrschaft befreite. Und zugleich formulierte er jenes Trauma der Chinesen namens Bürgerkrieg. China wird ohne die konfuzianische Harmonie zum Albtraum. Die Generation von Yu-Chien Kuan erlebte ihn zuletzt vom „Großen Sprung“ Ende der 1950er Jahre bis zur Kulturrevolution, noch nicht einmal zehn Jahre später.

          Angst vor dem Konflikt konkurrierender Interessen

          Schmidt nannte den Kompromiss „das Herzstück der Demokratie“. Der funktioniert aber nur mit der Fähigkeit zum Konflikt. Insoweit sei der Konfuzianismus heute in China wohl tatsächlich nichts anderes „als die Harmonie mit der kommunistischen Partei“, so Schmidt. In China – und auch in dem von ihm so hoch geschätzten Singapur seines Freundes Lee Kuan Yew – wird es also nicht in erster Linie um abstrakte Menschenrechte gehen, sondern um die Frage, wie diese Gesellschaften das Misstrauen gegen sich selbst überwinden. Die Angst vor dem Konflikt konkurrierender Interessen hält diese Gesellschaften bis heute zusammen.

          Ist China eine moderne Gesellschaft? Oder hält das Land bis heute die Macht der alten Männer in der kommunistischen Partei zusammen? Beckmann fragte Schmidt auch nach dem Theater um die Vergabe der Presseplätze im NSU-Prozess. Die Richter seien wohl nicht auf die Idee gekommen, eine Videoübertragung in einen anderen Gerichtssaal zu ermöglichen, so Schmidts Antwort. In China wäre das kein Problem gewesen. Notfalls hätten sie wahrscheinlich ein neues Gerichtsgebäude inklusive eines unterirdischen Bahnhofs mit angeschlossenem Flughafen gebaut. Aber erst wenn sich dort Presse und Gerichte um solche Plätze streiten, hat der Rechtsstaat einen Sinn.

          Vielleicht sollte man für die chinesische Nachrichtenagentur „Xinhua“ beim Oberlandesgericht in München noch einen Stuhl aufstellen. Bei Beckmann konnten man aber schon lernen, warum man vor dem Machtverlust alter Männer in modernen Gesellschaften keine Angst haben muss. Sie haben trotzdem noch was zu sagen: Helmut Schmidt und Yu-Chien Kuan sind zwei Beispiele dafür.

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