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FAZ.NET TV-Kritik: Reinhold Beckmann : Einen Stuhl für „Xinhua“ beim NSU-Prozess!

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Sein Gesprächspartner Yu-Chien Kuan machte das an seiner Erfahrung deutlich, in China zwischen zwei Besuchen sprichwörtlich Straßen nicht mehr wiederzufinden. Andererseits ist Schmidts Blick auf China von jener 5.000 Jahre alten Kultur geprägt, die historisch weder die Reformation, noch die Aufklärung erlebt hat. Stattdessen sei China vom Konfuzianismus geprägt, der den Respekt vor den Eltern mit einem Harmoniebegriff verbindet, wo alles auf der Welt seinen festen Platz haben muss.

Dem Anspruch auf die Gültigkeit universaler Menschenrechte fehlt in China die kulturelle Basis, so ist das zu verstehen. China sei zwar der missionarische Charakter des Westens fremd, aber es sei zugleich an anderen Kulturen völlig desinteressiert. Der 82 Jahre alte Yu-Chien Kuan sah interessanterweise in Schmidt den Menschen, der dem Emigranten sein Heimatland wieder nahe gebracht habe. Für Yu-Chien Kuan war Mao nicht nur der „Befreier der Frau“, sondern auch der Mann, der China von der Fremdherrschaft befreite. Und zugleich formulierte er jenes Trauma der Chinesen namens Bürgerkrieg. China wird ohne die konfuzianische Harmonie zum Albtraum. Die Generation von Yu-Chien Kuan erlebte ihn zuletzt vom „Großen Sprung“ Ende der 1950er Jahre bis zur Kulturrevolution, noch nicht einmal zehn Jahre später.

Angst vor dem Konflikt konkurrierender Interessen

Schmidt nannte den Kompromiss „das Herzstück der Demokratie“. Der funktioniert aber nur mit der Fähigkeit zum Konflikt. Insoweit sei der Konfuzianismus heute in China wohl tatsächlich nichts anderes „als die Harmonie mit der kommunistischen Partei“, so Schmidt. In China – und auch in dem von ihm so hoch geschätzten Singapur seines Freundes Lee Kuan Yew – wird es also nicht in erster Linie um abstrakte Menschenrechte gehen, sondern um die Frage, wie diese Gesellschaften das Misstrauen gegen sich selbst überwinden. Die Angst vor dem Konflikt konkurrierender Interessen hält diese Gesellschaften bis heute zusammen.

Ist China eine moderne Gesellschaft? Oder hält das Land bis heute die Macht der alten Männer in der kommunistischen Partei zusammen? Beckmann fragte Schmidt auch nach dem Theater um die Vergabe der Presseplätze im NSU-Prozess. Die Richter seien wohl nicht auf die Idee gekommen, eine Videoübertragung in einen anderen Gerichtssaal zu ermöglichen, so Schmidts Antwort. In China wäre das kein Problem gewesen. Notfalls hätten sie wahrscheinlich ein neues Gerichtsgebäude inklusive eines unterirdischen Bahnhofs mit angeschlossenem Flughafen gebaut. Aber erst wenn sich dort Presse und Gerichte um solche Plätze streiten, hat der Rechtsstaat einen Sinn.

Vielleicht sollte man für die chinesische Nachrichtenagentur „Xinhua“ beim Oberlandesgericht in München noch einen Stuhl aufstellen. Bei Beckmann konnten man aber schon lernen, warum man vor dem Machtverlust alter Männer in modernen Gesellschaften keine Angst haben muss. Sie haben trotzdem noch was zu sagen: Helmut Schmidt und Yu-Chien Kuan sind zwei Beispiele dafür.

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