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FAZ.NET-Frühkritik : „Wir brauchen Platz für Wasser“

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Günther Jauch: Zeit für die wichtigen Fragen? Bild: dpa

Bürgerbeteiligung ist ein schönes Stichwort. Auch beim Hochwasserschutz. Bei „Günther Jauch“ geriet sie allerdings zur Idylle. Die Sendung wurde so unverhofft lehrreich.

          Die wichtigsten Erkenntnisse passen bisweilen in die Nussschale eines Satzes. So auch gestern Abend bei Günther Jauch. „Wir brauchen Platz für Wasser,“ so formulierte es Sven Plöger, Meteorologe und Moderator in der ARD. Es ging um das Thema: „Jahrhundertflut, die Zweite - haben wir denn nichts gelernt?“

          Nun sind unsere Medien heute so kurzatmig, dass wahrscheinlich noch nicht einmal im Prisma des amerikanischen Geheimdienst NSA auffällt, was dieser Satz von Plöger mit dem Thema der Sendung zu tun haben könnte. Tatsächlich haben wir nämlich in den vergangenen 30 Jahren genau das gelernt: „Wasser braucht Platz.“

          Auch ein Moderator darf eine Meinung haben

          Nun ist Jauch in seinen besseren Momenten konservativ genug, um dem rasenden Stillstand des Mediensystems etwas entgegenzusetzen. Also den schnellen Erklärungen, wie die vom Versagen der Politik in dieser Hochwasserkatastrophe, nicht zu glauben. Nur hindert ihn offenkundig sein Image als der deutschen Mütter liebster Schwiegersohn daran, Dinge auch einmal deutlich auszusprechen anstatt sie nur über umständliche Fragen aus seinen Gästen herauszukitzeln.

          Warum soll eigentlich der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) begründen, warum er mit seinen Besuchen in bayerischen Hochwassergebieten keinen Wahlkampf gemacht habe? Natürlich hat er damit Wahlkampf gemacht, weil Politiker jeden Tag Wahlkampf machen. Wenigstens wenn man unter Wahlkampf jenes demokratische Prinzip versteht, beim Bürger um die Legitimation für die eigenen Handlungen zu werben.

          Aber selbstredend hat Herrmann recht, wenn er sagt, dass es „für ihn und seine Arbeit wichtig ist, einen unmittelbaren Eindruck vom Ausmaß der Katastrophe zu gewinnen.“ Das gilt in gleicher Weise für Katrin Göring-Eckardt, Spitzenkandidatin der Grünen in der kommenden Bundestagswahl. Sie war in ihrer Thüringer Heimat mit dem gleichen Interesse wie der CSU-Politiker unterwegs. Nämlich um Wahlkampf zu machen und ein Gefühl für die Situation in den betroffenen Regionen zu bekommen.

          Dafür gibt es eine gute Begründung: Die Politik entscheidet am Ende darüber, wie in den kommenden Jahren in den Hochwasserschutz investiert werden wird. Jauch hält offenkundig die wohlfeile Politikerschelte über deren „Besuche in Gummistiefeln“ für überzogen. Er sollte das entsprechend deutlich machen. Soviel Meinung darf ein Moderator haben, selbst wenn sich danach Deutschlands Mütter einen anderen Schwiegersohn suchen sollten. Er hätte dann zudem Zeit für die wichtigen Fragen.

          Ein Mysterium namens parteipolitischer Proporz

          Plögers Satz ist nämlich keineswegs die Selbstverständlichkeit, die in den derzeitigen Debatten unterstellt wird. Die heutige Situation ist das Ergebnis einer Politik, die seit dem 19. Jahrhundert meinte, Flüsse hätten in betonierten Röhren mehr als genug Platz. Die Politik hat im Grunde erst nach dem Desaster des Jahres 2002 begonnen, diese Grundentscheidung früherer Zeiten zu revidieren. Das wird Folgen haben: Jede Investitionsentscheidung in „technischen“ oder „ökologischen“ Hochwasserschutz wird das Aussehen deutscher Flusslandschaften und Städte für Jahrzehnte bestimmen.

          Wie sinnvoll ist es dann, der Politik jetzt vorzurechnen, was sie seit 2002 alles versäumt hat, wie es auch bei Jauch in einem Einspieler passiert ist? Ist Herrmanns These, der Hochwasserschutz habe in diesen Tagen nicht versagt, wirklich das Gerede von Politikern?

          Nun wissen wir zwar nicht, warum der Brandenburger Ministerpräsident Matthias Platzeck in einem Interview zugeschaltet werden musste. Aber jenseits dieses journalistischen Mysteriums namens parteipolitischen Proporzdenkens wusste er immerhin Herrmann zu bestätigen. In einem Brandenburger Deichabschnitt habe man 2002 noch 1 Million Sandsäcke zur Stabilisierung gebraucht. Heute kommt man bei einem höheren Pegelstand ohne Sandsäcke aus.

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