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FAZ.NET-Frühkritik : Verschleierte Toleranz

Toleriert mich, dann toleriere ich Euch auch? Bild: dpa

Wie verhindert man, dass noch mehr junge Muslime radikalisiert werden? Bei Anne Will war sich nur eine vollverschleierte Schweizerin ganz sicher, dass der Mangel an Toleranz an allem schuld ist. In der Politik hingegen scheint vor allem große Ratlosigkeit zu herrschen.

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          Anne Will hatte die Soziologin Necla Kelek, den Politologen und Dokumentarfilmer Asiem El Defraoui, den bayrischen Innenminister Joachim Herrmann (CSU), den Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann und die Schweizerin Nora Illi eingeladen. Frau Illi, die einmal Punkerin war, ist heute die Frauenbeauftragte des Islamischen Zentralrates der Schweiz. Sie ließ keinen Zweifel daran, dass die fehlende Akzeptanz der Vollverschleierung der muslimischen Frau ein  ernsthaftes Hindernis für diese ist, sich toleriert und angenommen zu fühlen. Sie selbst ist vollverschleiert, nach eigener Aussage das Ergebnis einer „intensiven“ Auseinandersetzung, auch mit der Rolle der Frau: „Dann gab es für mich nur noch diese Option“. Obwohl im Laufe des Abends noch viel von Frau Illis verqueren Ansichten zu Toleranz und Ausgrenzung (immer werden natürlich Muslime ausgegrenzt) zu hören war, ging es doch eigentlich um etwas anderes: Wie kann es gelingen, die Radikalisierung junger Muslime zu stoppen und müssten auch darum Hassprediger konsequenter ausgewiesen werden?

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Da in wenigen Monaten Bundestagswahl ist, musste Herr Oppermann, bevor er etwas zur Sache sagte, erst einmal einen wahlkämpferischen Schlagabtausch mit dem Innenminister von der Gegenseite inszenieren. Warum, fragte also Oppermann, legt der Bundesinnenminister denn jetzt, kurz vor der Wahl, einen Gesetzentwurf zur Ausweisung von Hasspredigern vor und nicht schon früher? Wie erwartet machte Joachim Herrmann die SPD-Landesminister als daran schuldig aus. Wenig hilfreich also. Zumal, das wussten alle, viele radikale Islamideologen keine „Gäste“ in diesem Land sind, sondern Deutsche. Der Einwurf, solche Leute müsste man hier einsperren, erhielt zwar Beifall, doch wie schwierig und fragwürdig es ist, jemanden für seine Gesinnung zu verurteilen, es sei denn, er riefe tatsächlich zu Mord und Krieg auf, erfuhr keine Vertiefung.

          Wer verweist Muslime an den Rand?

          Asiem El Defraoul, der in radikalen Moscheevereinen recherchierte, glaubt, nur koordinierte Prävention könne verhindern, dass diese „Rattenfänger“ noch mehr Zulauf bekommen. Auch verstärke die Polarisierung das Gefühl der Ausgrenzung. Aber wie man sich das vorstellen darf, ließ er leider offen. Zu oft werde über Muslime nur im Zusammenhang mit Terror gesprochen, beklagte Thomas Oppermann, das verweise sie an den Rand. Also drängt die Mehrheitsgesellschaft junge Muslime in die Radikalität? Und allen Ernstes empfiehlt der SPD-Politiker mehr Aufklärung, es müsse viel mehr über den Islam geredet werden. Sieht er nie Talkshows, liest er keine Zeitung, hat er all die Debatten und Konferenzen darüber verpasst?

          Necla Kelek versuchte vergeblich, die Diskussion auf die Ideologie zu lenken, die hinter diesen Gewaltausbrüchen steht, das andere Menschenbild, die Verachtung der offenen Gesellschaft des Westens und die Missachtung der Frau. Man könne diese Gefahr nicht herunterrechnen auf ein paar tausend Salafisten. „Und warum gehen die Islamverbände nicht auf die Straße, wenn so etwas Furchtbares wie in London geschieht?“

          Frau Illi, darauf angesprochen, dass auf ihrer Website zwar allerlei Ratschläge für Muslime zu lesen sind, wie sie sich vor eventuellen Übergriffen empörter Mitbürger nach dem brutalen Mord in London schützen könnten, jedoch kein Wort der Trauer, weiß auch darauf eine Antwort: „Wir haben eine klare Haltung zu Gewalt“. Erst als sie routiniert abspult, was alles verboten ist im Islam und dass eigentlich die Muslime die Opfer seien, fällt ihr Asiem El Defraoui ins Wort. Das sei nun tatsächlich die dschihadistische Standardrhetorik. Es gelingt Anne Will auch an diesem Abend nicht, Nora Illi aus der Reserve zu locken, ob es zur Sexualaufklärung oder zur Homosexualität ist, die Frau hinter dem Schamtuch hat die immergleiche Antwort: Das würde sie halt tolerieren, aber vor allem müsse man endlich sie tolerieren. Der zaghafte Einwand von Joachim Herrmann, ums Tolerieren ginge es nun mal nicht nur, verhallt. Die fromme Muslimin stellt sich unser Zusammenleben offenbar als trautes Nebeneinander vor, zu dem dann wohl auch gehören würde, eine Lehrerin oder eine Beamtin ohne Gesicht zu ertragen.

          Religionsunterricht soll es richten

          Zum Schluss geht es um Deutschland und seine Toleranz gegenüber dem Islam. Was bedeutet es, wenn auf eine Bertelsmann-Umfrage nach dem Islam als Bereicherung die Hälfte aller Befragten mit Nein antwortet? Der Politologe sieht die Ursache in allgemeiner Unkenntnis, was wohlfeil und eine schwammige Unterstellung ist. Auch die Kämpfe zwischen Populisten und Islamisten, die er anführte, haben ja vor allem auf einer Seite, nämlich jener der Islamisten zu gefährlichen Übergriffen geführt. Thomas Oppermann wartet auf muslimische Richter und Polizisten, auf die Aufsteiger aus dem Migrantenmilieu, so wie in den Vereinigten Staaten, als könnten sie Extremismus und Terror verhindern. Einzig Necla Kelek versuchte, die andere Perspektive einzunehmen: Warum empfinden so viele Deutsche den Islam und viele Muslime als fremd? Weil sie Parallelgesellschaften erleben, deren Wertvorstellungen und Frauenbild uns tatsächlich sehr fremd geworden sind, so Kelek. Und weil es den säkularen, liberalen Muslimen nicht gelungen sei, den orthodoxen Islamverbänden die Deutungshoheit über muslimisches Leben hierzulande zu entreißen. Warum das so ist und welche Rolle Politiker dabei spielen, die ihre „Ansprechpartner“ immer nur bei den Orthodoxen suchen, wäre eine eigene Talkshow wert.

          Eine fruchtlose Diskussion, wieder einmal. Sie mündete schließlich in artige, ja fromme Wünsche. Der Sozialdemokrat Oppermann rief nicht etwa dazu auf, diesen verführten Jungen, deren Verführtwerden auch an diesem Abend weitgehend im Dunkeln bleiben sollte, die Freiheit des Westens näher zu bringen. Er empfiehlt Religionsunterricht und bessere Imame. Na denn. Warten wir auf die nächste Bertelsmann-Umfrage.

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