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FAZ.NET-Frühkritik: Sandra Maischberger : Wo Gesetze an ihre Grenzen stoßen

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Das spricht zwar nicht gegen deren Erfahrungen, aber der „Rächer der Betrogenen“ könnte einem ähnlichen Mechanismus wie die Berufsbetreuer ausgesetzt sein. Hiltrud Boldt-Schiffer, ehrenamtlich engagiert in „Handeln statt Misshandeln - Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter“, schilderte das Problem bei den Berufsbetreuern. Man habe es hier häufig mit vermögenden Menschen zu tun. Dieser Markt habe ein Volumen von 40 Mrd. Euro, so ihr als Analyse artikuliertes Misstrauen. Nun sind den Zugriffsmöglichkeiten von Berufsbetreuern auf das Vermögen ihrer Klienten zwar vom Gesetzgeber rechtliche Schranken gesetzt worden, aber diese bleiben in der Praxis häufig wirkungslos. Das wurde ohne Zweifel deutlich. Nur: Ist Thieler der richtige Ansprechpartner, um über diese zumeist familiären Konflikte Auskunft zu geben? Oder ist er nicht in Wirklichkeit der Interessenvertreter der Gruppen, die in dem Streit um die Vormundschaft über entmündigte Menschen vor Gericht den Kürzeren gezogen haben?

Berufsbetreuer mit Heiligenschein

Es war also nicht ohne Pikanterie, dass Thieler unwidersprochen Förter-Vondrey einen „Heiligenschein“ als seriöser Berufsbetreuer aussprechen durfte. Dieser wehrte sich zwar gegen den von Thieler mit Vehemenz ausgesprochenen Generalverdacht gegen seine Berufsgruppe. Nur ist die Lage der Berufsbetreuer tatsächlich untragbar geworden, weil die vom Gesetzgeber beabsichtigten Schranken zu deren Kontrolle nicht funktionieren. Die zuständigen Richter haben schlicht nicht die Zeit, um den Machtmissbrauch von Betreuern wirksam zu verhindern. Dazu kommt die mittlerweile eingerissene Praxis, die Betreuung zu schnell anzuordnen.

Das Betreuungsgesetz kommt unter die Räder, wenn es von Familienangehörigen als Instrument zur Lösung innerfamiliärer Streitigkeiten – etwa im Streit um das Erbe – ausgenutzt wird. Und Juristen wenden für solche Konflikte die Verfahren an, die ihnen der Gesetzgeber zur Verfügung gestellt hat. Sie entscheiden nach Aktenlage und unter Hinzuziehung der Leute, die mit der Umsetzung betraut sind. Das sind dann genau die Betreuer, deren Auswahl bis heute ohne jedes Qualifikationsprofil stattfindet. Es ist somit dem Zufall überlassen, an welchen Betreuer man in der Praxis gerät. Und Angehörige geraten unter Umständen in eine Maschinerie, die nicht nur den Betroffenen selbst, sondern auch die nächsten Angehörigen der Willkür eines vom Amt bestellten Dritten aussetzt.

Eine unheimliche Vollmacht

Mit der rechtzeitigen Ausstellung einer Vertretungsvollmacht lässt sich das Betreuungsverfahren verhindern. Die Bestellung solcher ehrenamtlichen Betreuer hat allerdings eine Voraussetzung: die Bereitschaft, das eigene Leben sprichwörtlich anderen Menschen anzuvertrauen. Förter-Vondrey hat eine solche Vollmacht nicht ausgestellt, weil sie „ihm unheimlich vorkommt.“ Nun steckt dahinter auch das von Frau Boldt-Schiffer ausgesprochene Interesse des Berufsbetreuers an der „Existenzsicherung“. Ehrenamtliche Betreuer sind in dieser Perspektive schlecht für die eigene Branche. So war das gemeint. Aber was Förter-Vondrey wohl nicht gemerkt hat: Er bekam vom Gericht genau diese Vollmachten ausgestellt, wenn auch nicht in eigener Sache. Unheimlich ist ihm das nicht vorgekommen.

So bietet die Sendung ernüchternde Erkenntnisse: Der „Rächer der Betrogenen“ ist keiner. Der Berufsbetreuer mit dem „Heiligenschein“ traut sich selbst nicht. Und der Gesetzgeber bietet am Ende auch keine Lösung für zerrüttete Familienverhältnisse. Nur gibt es einen Trost. Armut schützt zwar nicht vor Gleichgültigkeit, aber vor missgünstigen Erben und raffgierigen Betreuern. Langweilig war es ansonsten nur für den Zuschauer, der solche Sendungen als Unterhaltungsformat begreift. Immerhin auch eine Erkenntnis.

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