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FAZ.NET-Frühkritik. Sandra Maischberger : Auf ihre Stars kann sich die Politik verlassen

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Politiker gingen, sie blieb: Uschi Glas wirbt sei Jahrzehnten treu für die Christdemokraten Bild: dpa

Bei Maischberger gab altgediente Prominenz von Uschi Glas bis Didi Hallervorden ihr politisches Votum ab. Die Politik hat sich geändert, ihre prominenten Unterstützer sind die gleichen geblieben.

          „Ihr Star an der Strippe!“, so hieß eine Aktion der „Bild“ bevor Kai Diekmann nach Kalifornien reiste, um das Twittern zu lernen. „Um an der Popularität der Film-Darstellerin Uschi Glas zu partizipieren,“ so lesen wir im „Spiegel“, rief der „CDU/CSU-Fraktionschef vorletzten Freitag bei Uschi Glas an der Bild-Strippe an und „sprach Banales: „Ich wollte doch die Gelegenheit nehmen, auf diesem Wege Ihnen Guten Tag zu sagen.“ Und: „Mir geht es gut, bisschen erkältet.“

          Nun wissen wir nicht, ob Nikolaus Blome (noch Bild) jetzt bei seinem neuen Arbeitgeber (bald Spiegel) die Aktion „Ihr Star am Smartphone!“ gründet, um als ersten Gast Kai Diekmann einzuladen. Vielleicht ruft Philipp Rösler an, um auf diesem Weg ebenfalls Guten Tag zu sagen. Seit der herzlichen Umarmung in Kalifornien hat er ihn ja unter Umständen noch nicht wiedergesehen. Banales zu sagen, sollte beiden auch nicht schwerfallen. Allerdings war der CDU/CSU-Fraktionschef nicht Volker Kauder, sondern Rainer Barzel. Diekmann könnte bei Helmut Kohl nachfragen, wer das gewesen ist, wenn sein Smartphone defekt sein sollte, um in der Wikipedia nachzuschlagen. Aber eine ist geblieben: Uschi Glas. Sie war 1971 bei „Bild“ an der Strippe und gestern Abend zusammen mit Blome bei Frau Maischberger zu Gast. Das Thema lautete: „Die Wahljury: Welche Partei kann mich überzeugen?“

          Es fehlte: Hans-Joachim Kulenkampff

          Frau Glas ist der Günther Grass der CDU. In jedem Wahlkampf seit 1972 ist sie dabei gewesen. Die CDU/CSU-Fraktionschefs haben gewechselt: Sie ist geblieben. Nur hat Grass immerhin noch über seine Wahlkampferfahrungen für die „EsPeDe“ Bücher geschrieben. Und damit ist auch schon das Problem dieser Sendung skizziert, das am Prägnantesten in den Einspielern zum Ausdruck kam. Dort wurden die vergangenen Wahlkampfeinsätze der Gäste geschildert. So hat der Film-Darsteller (welch putziger Begriff) Dieter Hallervorden, immerhin auch schon 78 Jahre alt, schon 1983 eine Zweitstimmen-Kampagne zugunsten der FDP gemacht, um nicht „schwarz zu sehen“. So hieß das damals und passt wohl zufällig ganz gut in die derzeitige Gemütslage des FDP-Vorsitzenden Rösler.

          Der Comedian Ingo Appelt war mit 46 Jahren der Benjamin in dieser Runde. Er war schon 2003 für Sigmar Gabriel aktiv gewesen. Franz Alt, Journalist und Autor, ist mittlerweile 78 Jahre alt und plädiert in diesem Wahlkampf für die Grünen – und von kommenden Montag an für eine schwarz-grüne Koalition. Das war immerhin originell. Der Schauspieler und Kabarettist Uwe Steimle (50) engagiert sich zugunsten der Linken und sieht wegen des fehlenden „Weltfriedens“ den „inneren Frieden“ in Gefahr.

          Es fehlte in der Runde eigentlich nur noch der allerdings 1998 verstorbene Hans-Joachim Kulenkampff. Er wäre heute 92 Jahre alt und zusammen mit Helmut Schmidt (95) sicherlich ein interessanter Gast für Frau Maischberger gewesen. Der legendäre Showmaster hatte für die SPD Wahlwerbung gemacht und bekam 1969 deshalb sogar Morddrohungen. „Rotes Schwein“ war in anonymen Briefen zu lesen gewesen.

          Wer wohl wen um den Finger gewickelt hätte?

          Von solchen Beschimpfungen berichtete auch Appelt.Vergleichbare Erfahrungen werden viele Prominente gemacht haben, die sich politisch engagieren. Das ist aber keineswegs ein neues Phänomen, wie Kulenkampff zeigt. Der Unterschied zu früher ist nicht die Reaktion des Publikums auf politische Aktivitäten, sondern der Unwille vieler Menschen, sich überhaupt noch zu positionieren. Bis Sonntag findet man auf den entsprechenden Internetseiten der politischen Parteien lauter alte Bekannte wie Frau Glas oder Grass. Man wird heute eher Menschen finden, die sich als Nicht-Wähler kenntlich machen als solche, die sich für eine Partei engagieren.

          In der Sendung ging es fast gar nicht um die kontroversen Inhalte dieses Wahlkampfes, man rätselte lieber, warum dieser Wahlkampf keiner gewesen ist. Frau Glas formulierte eine interessante Erklärung. Sie empfand die von Appelt vermisste Streitkultur früherer Zeiten als einen Fortschritt. Frau Merkel greife in ihren Reden niemanden an und spreche nur über ihr Programm. Sie nannte deren „Charme und ihre Weiblichkeit“ als herausragende Eigenschaften. Tatsächlich wäre ein Interview von Kulenkampff mit der Bundeskanzlerin spannend gewesen. Wer wohl wen um den Finger gewickelt hätte? Wobei der Showmaster einen feministischen Aufschrei nicht hätte fürchten müssen: Alice Schwarzers „Emma“ hatte ihm auch schon den Titel „Pascha des Jahres“ verliehen.

          So konnte man gestern Abend bei Frau Maischberger in Erinnerungen schwelgen. Aber wer weiß? Vielleicht überzeugt sogar ein Argument Hallervordens. Die FDP habe bei allen wichtigen Richtungsentscheidungen in der Nachkriegszeit Verantwortung getragen. Von der Westintegration bis zur „Neuen Ostpolitik“ der sozialliberalen Koalition, wo die FDP sogar „ihre Existenz“ riskierte. Immerhin ein inhaltliches Argument, wenn man von der FDP-Zweitstimme als „Merkel-Stimme“ noch nicht überzeugt sein sollte.

          Für die nächste Sendung hat Frau Maischberger schon zwei Gäste angekündigt. Kulenkampff ist aus den bekannten Gründen verhindert. Dafür sollen Hans-Dietrich Genscher (87) und Klaus von Dohnanyi (85) kommen. Sie können vielleicht einen Abstecher in das Jahr 1965 machen. Damals gab es auch eine Bundestagswahl. Genscher war schon damals der liberale Strippenzieher und Dohnanyi galt als eines der hoffnungsvollen technokratischen Nachwuchstalente der SPD. Rainer Barzel kannten sie noch persönlich.

          Was fehlt? Nikolaus Blome. Er feierte am vergangenen Montag seinen fünfzigsten Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch. Und viel Glück in der neuen Funktion beim „Spiegel“. Bisweilen lohnt ein Blick in deren Archiv.

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