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FAZ.NET-Frühkritik: „Precht“ : Werdet endlich perfekt!

Richard David Precht Bild: dpa

Zeit für die Unsterblichkeit: Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Körperoptimierung zur Obsession geworden ist. Der Weg, den wir eingeschlagen haben, ist gefährlich.

          2 Min.

          Wenn die Schriftstellerin Juli Zeh Recht hat, dann befinden wir uns gerade in einer Übergangsphase – und zwar von einer Welt des Geistes in eine, in der der Körper unser Sein fest im Griff hat. Dummerweise sieht es ganz so aus, als würde Juli Zeh Recht haben, mehr noch: Wahrscheinlich sind wir auf diesem Weg schon viel weiter vorangeschritten, als wir selbst es glauben. Über den um sich greifenden Optimierungswahn, dem schon  Kleinkinder unterworfen werden, und dessen Gefahren muss man reden. Das hat sich auch der Lifestyle-Philosoph Richard David Precht gedacht und seiner Sendung mit Juli Zeh den Titel verpasst: „Der getunte Mensch – wie perfekt wollen wir sein?“

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wir leben in einer kompetitiven Gesellschaft, zu deren Grundmustern fortwährender Leistungsdruck zählt, wir vergleichen uns bewusst oder unbewusst ständig mit anderen. Sieht xy besser aus als ich? Ist xy fitter? Flexibler? Mobiler? Und arbeitet härter? Warum bin ich nicht perfekt? Und wie werde ich es? Dass dieser Wettbewerbsirrsinn das Leben in eine unverhältnismäßig anstrengende Angelegenheit verwandelt, wissen wir. Wir spüren es tagtäglich. Das Glücksgefühl, von dem wir annehmen, es stelle sich schon ein, wenn wir nur hart genug arbeiten, bleibt aus. Stattdessen wächst die Unzufriedenheit.

          Das Chaos im Sein

          Den Körperkult interpretiert Juli Zeh als logische Folge eines radikalen Kapitalismus. Erst fiel ihm die Liebe zum Opfer, jetzt der Körper. Precht stimmt ihr zu. Wo er Juli Zeh (die er stets Juli nennt) glücklicherweise nicht zustimmt, sind deren merkwürdige Sichtweisen auf das Marathon-Laufen im Allgemeinen, das sie als stupide Zeitverschwendung verdammt. Warum in derselben Zeit nicht Bücher lesen? Oder Gespräche führen? Den Geist schärfen, anstatt den Körper zu quälen? Solche Fragen sind freilich unsinnig. Gut, dass sie schnell wieder vom Tisch sind. Denn die Sendung hat viele gute Momente. Zum Beispiel jene Gedanken zum Thema Glück, dessen Bedeutung in Optimierungszeiten auf ungute Weise aufgeladen ist. Glück, sagt Juli Zeh, stoße einem zu, auf einmal sei es da, wie aus heiterem Himmel, dieses kurze, intensive Gefühl. Wir alle wissen, dass es sich nicht beliebig reproduzieren lässt und versuchen es trotzdem, anstatt das Chaos im Sein als Normalzustand zu akzeptieren. Die Ratgeberliteratur, zu der wir deshalb greifen, führt uns in Wahrheit auf die schiefe Bahn.

          Wie es sich für eine Philosophie-Sendung gehört, bleibt natürlich auch der Körperkult im antiken Griechenland nicht unerwähnt. Der Name Sartre fällt, dieser Anti-Körperoptimierer, der rauchte und trank, als existierte kein Morgen. Precht erwähnt Christoph Wilhelm Hufelands Werk „Makrobiotik oder die Kunst das menschliche Leben zu verlängern“, entstanden 1796. Das alles ist nicht mehr als hübsches Hintergrundrauschen.

          Mensch und Maschine verwachsen

          Besonders interessant wird das Gespräch immer dann, wenn es um Obsessionen geht. Precht verweist auf die Quantified-Self-Bewegung, die das Verwachsen von Mensch und Maschine mit aller Macht vorantreibt. Mittlerweile gibt es mehrere hundert Smartphone-Apps und Tools, die unser Ich quantifizieren: Sie messen unseren Puls, unsere Lungen- und Herzfunktion, den Blutzuckerspiegel, wie viele Kalorien wir verbraucht haben und so weiter. Das Ziel ist die absolute Beherrschung des Körpers. „Self Knowledge Through Numbers“ nennt man das, Selbsterkenntnis durch Zahlen. Körpermanipulation und Gesundheitsdiktatur sind Juli Zehs Spezialgebiet - 2009 hat sie dazu den düsteren Roman „Corpus Delicti“ veröffentlicht.

          Dass Precht sie nach ihrem Horrorszenario fragt, liegt auf der Hand. Und das geht so: Die Körperüberwachung der Quantified-Self-Bewegung wird zur Normalität. Das Verhalten des Einzelnen ist immer stärker einem Vorschriftenkatalog unterworfen. Wer sich an dessen Vorgaben hält, wird belohnt, zum Beispiel durch geringere Krankenkassen-Beiträge. Wer Fehler macht, wird bestraft. Der Kitt einer Gesellschaft löst sich zwangsläufig auf. Das ist das Ende von Solidarität. Dass es sich hierbei um eine Negativ-Utopie handelt, heißt nicht, dass wir uns nicht ernsthafte Sorgen machen müssten. Denn genau das sollten wir tun.

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