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FAZ.NET-Frühkritik: Maybrit Illner : Sankt Martin und der Euro

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Wenn aktuelle Themen diskutiert werden, ist sie zur Stelle: Maybrit Illner Bild: dapd

„Zieht uns Italien in den Abgrund?“, so fragte gestern Abend Maybrit Illner. Aber wie soll man eine richtige Antwort auf eine falsche Frage finden?

          Seit dem Jahr 2010 gab es in allen Eurodebatten immer das gleiche Thema: Wie reagieren die Finanzmärkte? Was müssen die Europäer tun, um das Vertrauen in die Solidität europäischer Staatsanleihen wiederzugewinnen? Diese Debatte ist im Sommer vergangenen Jahres mit der faktischen Patronatserklärung zugunsten europäischer Staatsanleihen durch den EZB-Präsidenten Mario Draghi beendet worden. Seine Ankündigung, notfalls auch unbegrenzt in den Markt zu intervenieren, hat jenes Misstrauen beseitigt, das sich so zusammenfassen lässt: Nämlich eines Abends mit dem Euro ins Bett zu gehen, um am nächsten Morgen mit der Lira, dem Franc oder der Pesete wieder aufzuwachen.

          Man muss schon ein deutscher Professor der Volkswirtschaftslehre, ein Journalist oder ein Politiker sein, um eine solche Ungewissheit den ominösen Finanzmärkten vorzuwerfen. Oder sich darüber zu wundern, dass einige Leute mit dieser Ungewissheit umzugehen wissen, sprich Geld verdienen. Solche Situationen sind nämlich das Lebenselixier der Spekulation: Aus Ungewissheit kalkulierbare Risiken zu machen. Die europäische Politik hat mehr als zwei Jahre gebraucht, um ihrer Zentralbank diese simple Botschaft aussprechen zu lassen: Ihr bekommt euer Geld wieder. Aber niemand sollte klagen: Knapp zwei Jahre sind in den Mühlen der europäischen Politik selbst für so eine eher einfache Erkenntnis ein höllisches Tempo.

          „Gauner und Ganoven“

          So spielten die Finanzmärkte gestern Abend bei Maybrit Illner kaum noch eine Rolle, wenn man von der obligatorische Bankenschelte einmal absieht. Dort waren sich fast alle einig in jener Aussage des ehemaligen Parteivorsitzenden der Linken, Oskar Lafontaine, der von „Gaunern und Ganoven“ sprach. Wohlgemerkt sprachen sie bei Illner von der ödesten Anlageklasse, die die Weltfinanzmärkte bis 2009 zu bieten hatten: Europäische Staatsanleihen. Sie galten als praktisch risikolos und boten daher vergleichsweise geringe Renditen. Nicht zu vergleichen mit dem Kreditmüll, den die Wall Street mit Vorliebe etwa deutschen Landesbanken (oder auch der verblichenen Dresdner Bank) anzudrehen vermochte.

          Es ist ein Spezifikum der deutschen Debatte, den Finanzmärkten mittlerweile selbst eine konservative Anlagepolitik vorzuwerfen. Und gleichzeitig zu vertuschen, dass eine unselige Allianz von links bis rechts in Deutschland das Eingreifen der EZB bis zum Sommer 2012 verhindert hatte. Dabei wollten die „Gauner und Ganoven“ nur eins: Ihr Geld zurück. Leider erwies sich der Luxemburger Außenminister Jean Asselborn bei Frau Illner als der wirtschaftspolitische Laie, der er zu sein vorgab. Er konnte diesen simplen Tatbestand der europäischen Vertrauenskrise nämlich auch nicht erklären. Dabei handelt es sich um eine jener „ökonomischen Gesetzmäßigkeiten“, von denen Lafontaine in einem anderen Zusammenhang sprach. 

          Laterne-Basteln im Kindergarten

          Aber dieser Schnee von gestern ist im kommenden Frühling schon längst vergessen. „Chaos, Clowns und Euro-Krise - zieht uns Italien in den Abgrund?“, so hieß das Thema. Europa hat nun wirklich genügend Sorgen. Die Wichtigste sprach der Börsenexperte Dirk Müller in einem Nebensatz an: Wie schafft man ein Klima für Unternehmer und Verbraucher, damit im dritten Jahr der Krise im Euroraum endlich wieder investiert wird? So waren sich, mit Ausnahme des am kommenden Samstag auf dem FDP-Bundesparteitag zu kürenden Spitzenkandidaten Rainer Brüderle, alle Gäste in einem Punkt einig. Mit der bisherigen Strategie, die Einkommen zu kürzen, die Steuern zu erhöhen und die Staatsausgaben zu senken, wird das nicht gelingen. Müller nannte diese Politik im Lichte der bisherigen Erfahrungen mit guten Gründen „Wahnsinn“.

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