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FAZ.NET-Frühkritik: Maischberger : Ein Zeitgeist namens Quotenorientierung

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„Eingliederungsbilanzen“ und „Aktivierungsquote“

Den Zweifel daran formulierten zwar die beiden anderen Gäste aus früheren Sendungen, die alleinerziehende Mutter von vier Töchtern, Silvia Schwab, sowie der heutige Bühnenbauer und ehemalige Hartz-IV-Empfänger Christo Großmann. Aber auch deren kritische Erfahrungsberichte gaben den Blick hinter die Kulissen der Arbeitsagentur nicht frei. Ihr Grundproblem ist nämlich mit den Verträgen der Moderatorin der Sendung durchaus vergleichbar. Zwar nannte Alt die Integration in den Arbeitsmarkt einen „Langstreckenlauf“. Er vergaß aber zu erwähnen, dass seine Mitarbeiter in der täglichen Arbeit völlig anders orientiert werden. Sie sollen Menschen möglichst schnell (und mit dem Druck des Leitsatzes „Fördern und Fordern“) in den Arbeitsmarkt hinein und damit aus der Statistik herausbekommen.

In den Agenturen vor Ort und bei den Sachbearbeitern gibt es dabei eine „Quotenorientierung“, die sich allerdings hinter solchen Begriffen wie „Eingliederungsbilanzen“ und „Aktivierungsquote“ verbirgt. Der Erfolg wird zudem nicht, wie bei Frau Maischberger und dem WDR, morgens von der „Gesellschaft für Konsumforschung“ als Einschaltquote mitgeteilt. Vielmehr verkündet Frank-Jürgen Weise die Zahlen der Bundesagentur zum Monatsanfang am Hauptsitz in Nürnberg.

Funktionslogik der „Bundesagentur für Arbeit“

Zwar bemühten sich die beiden Politiker in der Sendung, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der „Linken“ im Bundestag, Dietmar Bartsch, und der CDU-Politiker Oswald Metzger, um eine politische Bewertung der „Agenda 2010“. Nur kamen sie leider nicht dazu, die Funktionslogik der „Bundesagentur für Arbeit“ kritisch zu hinterfragen. Wahrscheinlich hatten sie sich zu wenig mit den Verträgen von Frau Maischberger beim WDR beschäftigt. So bemerkten sie auch nicht, wie Alt den Grundgedanken der „Agenda 2010“ in Frage stellte.

Er sei nämlich davon überzeugt, dass die meisten Menschen ein tiefes Bedürfnis nach einer befriedigenden Arbeit hätten, die ihnen die Teilhabe an unserer Arbeitsgesellschaft ermögliche. Brauchen wir dann wirklich eine Arbeitsmarktpolitik, die wie heute primär über verschärfte Zumutbarkeitsregelungen und der Androhung von Sanktionen funktioniert? Interessanterweise hat Alt zudem eingeräumt, dass man auf Dauer von Hartz IV nicht leben könne. Um allerdings später darauf hinzuweisen, dass es in der Statistik der über 6 Millionen Hartz IV Bezieher sehr viele Menschen gebe, die dauerhaft davon leben müssen. Die von Frau Schwab geschilderten finanziellen Engpässe sind bekanntlich kein Einzelfall.

Der Zeitgeist im Jahr 2003

So bieten Talk-Shows wie „Menschen bei Maischberger“ Chancen, nicht nur, weil Familie Weigl nach der Ausstrahlung der Sendung im Jahr 2009 von einem Millionär nach Österreich zu einem Urlaub eingeladen worden war. Die Bundesagentur hatte sogar darauf verzichtet, das den Weigls überwiesene Fahrgeld als Einkommen zu bewerten - und vom Regelsatz abzuziehen. Vergleichbares ist schon vorgekommen.

Am Dienstag Abend wurde aber vor allem deutlich, welcher Zeitgeist im Jahr 2003 die deutsche Gesellschaft bestimmte. Nämlich alle gesellschaftlichen Verhältnisse unter den Primat der Ökonomisierung zu stellen. Dann wird aus dem Arbeitslosen der berühmte Kunde und die „Bundesanstalt für Arbeit“ zu einer „Agentur für Arbeit“, die sich an „Eingliederungsbilanzen“ und „Aktivierungsquoten“ orientiert. Und der Journalismus bisweilen zu einem „quoten-orientierten“ Unterhaltungsformat, wo eine Frau Witt als Fachfrau für Ernährung fungieren darf. Es mag damals gute Gründe für diesen Umbau der Gesellschaft gegeben haben. Aber Heinrich Alt und Frau Maischberger dürfen, wie die Bundesagentur oder der WDR, über die Folgen nachdenken. Das geht übrigens nicht nur in Talk-Shows. Wer hätte das gedacht?

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