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FAZ.NET-Frühkritik: Maischberger : Aus Easy Riders werden Jugendbanden

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Rocker in NRW Bild: dpa

Am Ende nutzte sogar der Sprecher des Rocker-Clubs „Hells Angels“ für einzelne Entwicklungen im eigenen Umfeld das Wort Irrsinn. Vorher aber sagten die Rocker, sie würden pauschal verdammt und ließen sich nicht von einer Fülle von Vorwürfen beirren.

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          Wie vielschichtig die Motorradclubs sind, machte mit einem Einschub der baden-württembergische Innenminister Reinhold Gall (SPD) klar, der kurz nach seinem Amtsantritt die Hells Angels in Pforzheim verbot. Der Präsident der Stuttgarter Hells Angels, Lutz Schelhorn, saß nicht nur neben ihm auf dem Sofa – er sei auch im wirklichen Leben fast sein Nachbar und als Fotograf und Person in Stuttgart angesehen. Ein Verbot der Stuttgarter Rocker wäre ebenso wenig geboten wie rechtlich durchsetzbar.

          Während Gall darauf wies, ein Gesamtverbot aller Rockerclubs in Baden-Württemberg sei daher weder gangbar noch rechtlich möglich, wollte ein Kämpfer gegen organisierte Kriminalität, Jürgen Roth, diese europaweit verboten sehen. Ein Verbot nur in Deutschland reiche nicht gegen diese kriminelle Vereinigung, die zumindest in Deutschland gefährlicher und brutaler vorgehe als die italienische Mafia.

          Wege der Einschüchterung

          Der Innenminister, der Fachmann, eine Wirtin, ein Polizist wiesen auf zahllose schwere Anwürfe – Schutzgelderpressung, Bandenunwesen, primitive kriminelle Gewalt, Einschüchterung von Zeugen. Die beiden Rockersprecher entgegneten, das seien Phrasen und pauschale Diffamierungen, die sich nur auf (sie unterließen das Wort: bedauerliche) Einzelfälle begründeten. Versuche Sandra Maischbergers, ihnen eine klare Distanzierung von Gewalt zu entlocken, blieben ungehört. Ob dieser unversöhnlichen Gegensätze gingen einige verräterische Sätze der Rocker fast unter.

          Als Roth argumentierte, hielt ihm „Django“ – der Sprecher der Hells Angels heißt im bürgerlichen Leben Rudolf Triller – entgegen, er recherchiere ja nur vor dem Bildschirm, es sei (angeblich) das erste Mal, dass er mit Rockern debattiere: „Das wissen wir.“ Als eine Wirtin aus Flensburg schilderte, wie sie unter dem Druck von Schutzgelderpressungen von Türstehern aus dem Rockermilieu insolvent und vor der Aufgabe ihrer (in Brand gesteckten) Kneipe zur Polizei ging, versuchte Django, sie mit Details aus ihrem Leben zu diffamieren. Sie aber war die einzige in der Runde, die mit einem pragmatischen Vorschlag einen Ausweg zumindest bei einer der Geldquellen der Kriminellen im Rockermilieu wies: Der Staat solle bei der Konzessionierung von Gaststätten Sorge tragen, dass nur Türsteher beschäftigt werden dürften, die staatlich überprüft und „sauber“ seien.

          Nicht nur „primitive Gewalt“

          Dass es nicht nur um „primitive Gewalt“ geht, sondern auch um Einschüchterung von Zeugen und Kritikern, wurde hinreichend deutlich. „Das wissen wir“ kann vieles heißen. Bemerkenswert war jedenfalls die couragierte Bereitschaft aller Beteiligten zur Debatte – auch der beiden Rocker. Ungewöhnlich war nicht nur das Thema, sondern auch, dass keiner der üblichen Talkshowredner kam, sondern nur Gäste, die etwas zu sagen hatten oder zumindest hätten sagen können – der Polizeigewerkschafter schwieg weitgehend oder kam nicht zu Wort.

          Nicht nur er: Drei der vier rockerkritischen Gesprächsteilnehmer bei Sandra Maischberger zum Thema „Wie gefährlich sind die Rockerclubs“ waren stiller als zu erwarten. Dagegen glänzte Innenminister Gall mit Faktenkenntnis. Mehrfach konnte er Behauptungen von Triller und Schelhorn widerlegen. Beirren lässt er sich offenkundig nicht im Bestreben, die Hoheit des Staates und der Polizei über die Straßen nicht autonomen Gruppen wie den Motorradclubs zu überlassen.

          Als Triller ein Strategiepapier der Innenminister zur Rockerkriminalität als eine Verletzung der Menschenrechte der Rocker einstufte, nannte Gall das noch sanft „starken Tobak“. Den „Friedensschluss“ von zwei Rockerbanden in einer hannoverschen Rechtsanwaltskanzlei, den Triller als sorgfältig vorbereitet und ernsthaft schilderte, nannte Gall eine reine Showveranstaltung. Schelhorn als „der Gute“ unter den Rockern sei nur, sagte er, ein Feigenblatt.

          Konkurrierende Rockerbanden in Duisburg

          Regional konzentrierte sich das Gespräch auf Hannover, mehr aber noch auf Duisburg. Duisburg als Ort gewaltsamer Zusammenstöße ist Grenzstadt zwischen dem Rheinland und dem Ruhrgebiet mit konkurrierenden Rockerbanden. Das trägt bei zu den Auseinandersetzungen, die die Kritiker einen Rockerkrieg nannten, die beiden Rocker einen sozial nachvollziehbaren Konflikt enttäuschter Jugendlicher.

          Einprägsam war die Debatte vor allem, wenn es um Verschiebungen im Rockermilieu der letzten Jahre ging. Da zeigten sogar die beiden Rockersprecher Momente der Besinnung und Sorge. Sie gehören beide zur älteren Generation, die noch vom Mythos des Films „Easy Rider“ und der vermeintlichen unendlichen Freiheit geprägt sein mögen. Schelhorn nennt die Rocker seine Familie, für Django/Triller sind sie seine Lebenserfüllung. Als Roth aber den Rockern vorwirft, sie seien ja nur „Kleinbürger“, reagiert Triller gereizt.

          Immer mehr Jugendliche aus Migrantenfamilien

          In sozialen Brennpunkten wie in Duisburg schließen sich immer mehr Jugendliche – zunehmend, das verschwieg keine der beiden Seiten, aus Migrantenfamilien – den Clubs an. Sie interessiert nicht der Mythos des Gefühls, anders zu sein als die anderen, sondern das schnelle Geld. Ehrenkodex, Rituale, Achtung vor Älteren würden nicht mehr wie früher geachtet, anders als früher gebe es immer wieder Überläufer zwischen den Clubs.

          Mehrfach, so wurde berichtet, habe bei Razzien in Rockerclubs kein einziger der Überprüften ein Motorrad besessen oder auch nur einen Führerschein. Angelockt würden sie, behaupteten die beiden Rocker keck, durch Medienberichte, die Rocker („natürlich falsch“) mit schnellem Geld durch Prostitution, Schutzgeld und Waffenhandel in Verbindung brächten. In Gegenden wie Duisburg sieht auch Triller eine Verflechtung von Rockerclubs und gewaltbereiten Jugendbanden – das erfülle ihn mit Sorge, das werde auf Dauer nicht gut gehen. Diese überraschende Selbsterkenntnis aber sah „Django“ nicht als Grund für die Besorgtheit der Politik, der Polizei und der Medien, Rockerclubs aufmerksam zu beobachten und zu kontrollieren.

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