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FAZ.NET-Frühkritik : Lassen Sie‘s einfach stecken

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Der Bundestagswahlkampf verläuft schleppend - da hilft es auch nichts, dass Politiker mittlerweile zu fast allem bereit sind. Selbst zu einer Sendung wie am Montagabend in der ARD Bild: dpa

Mit „Überzeugt uns“ wollte die ARD junge Menschen für Politik und Fernsehen begeistern. Die Sendung ist gründlich misslungen, auch, weil es „Twitterminister“ Peter Altmaier mit dem Cool-Sein übertrieben hat.

          Offenbar rennen den öffentlich-rechtlichen Fernsehprogrammen die Jugendlichen schneller davon, als die Senderverantwortlichen nachforschen können, wer die Flüchtigen überhaupt sind. In der ARD-Sendung „Überzeugt uns“ stellten am Montagabend drei junge Moderatoren (Ingo Zamperoni, Katrin Bauerfeind und Richard Gutjahr) stellvertretend für das junge Publikum Fragen an etablierte Politiker. Dabei wurden zwei Dinge deutlich: Politiker sind zu fast allem bereit, wenn der Wahltermin nah ist - und die ARD versucht schon gar nicht mehr herauszufinden, wer ihr junges Publikum sein könnte, sondern denkt sich einfach eins aus.

          Die Jugend von heute, so die offensichtliche Erkenntnis der Verantwortlichen, ist lässig und will mit „Du“ angesprochen werden. Sie braucht auch alle zwanzig Minuten eine Pause, um laut Musik zu hören. Und selbst existenziellen Fragen widmet sich kein Heranwachsender länger als 15 Sekunden. Es muss alles bunt und illuminiert sein, modern aussehen, aber auch ein bisschen „used“. Weil es Abend ist, darf auch Bier nicht verboten werden. Dass drei Bundesminister im Studio waren, sollte da keinen Unterschied machen. Höflichkeit, fanden die Programmplaner offenbar heraus, sei eine Tugend von gestern.

          „Sydney, der Verkäufer“ eingeladen und ignoriert

          Darüber, dass die technologisch bestentwickelte und wirtschaftlich reichste Gesellschaft der Geschichte ihren jungen Mitgliedern weder Perspektiven noch Stabilität in Aussicht stellt, dass gerade das Alter als kollektive Gefahr betrachtet wird und die Freiheit des Denkens und Handelns in Trümmern liegt – darüber durfte dann nicht allzu deutlich geredet werden. Die Welt dreht sich ja noch und nicht alle Menschen unter fünfunddreißig Jahren sind erzwungener Maßen planlos, sondern nur 52 Prozent von ihnen. Diese Zahl nannte Gregor Gysi von der Linkspartei nach 23 Minuten.

          Schon 1998 kannte sich Gregor Gysi, damals noch mit mehr Haaren und anderer (Vorläufer-)Partei, mit bemühter Jugendlichkeit im Wahlkampf aus. Am Montagabend saß er in der ARD-Sendung „Überzeugt uns!“ - was ihm noch am ehesten gelang

          Man hätte mit ein wenig Mut die Sendung von diesem Punkt an vom Kopf auf die Füße stellen müssen. Barack Obama und John McCain waren in einem Fernsehduell vor fünf Jahren einmal so mutig. Anstatt weiter Wählermeinungen, politische Stichworte und trainierte Floskeln auszutauschen, redeten sie über ein einzelnes konkretes Problem, in dem alle Themen steckten: Das Leben von „Joe, dem Klempner“. In der ARD hätte es gestern um „Sidney, den Verkäufer“ gehen können, eigentlich gehen müssen, denn er war da. In einem Einspielfilm wurde er dem Publikum vorgestellt, danach saß er im Publikum.

          Sydney ist 22 Jahre alt, kommt aus Leipzig und arbeitet in einem Supermarkt. Die Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann ließ ihn sein Ausbildungsbetrieb trotz Bestnote im Zwischenzeugnis nicht abschließen. Er arbeitet heute Vollzeit, wird allerdings spontan heimgeschickt, wenn es keine Arbeit zu erledigen gibt. In arbeitsreichen Stunden wird er ebenso eilig herbei telefoniert. „Zwangsteilzeit“ nennt er das, Arbeit auf Abruf. Jeden vierten Tag spendet er Blutplasma. Sydneys Wünsche sind einfach: Er möchte Arbeiten, ohne zugleich Bittsteller beim Amt sein zu müssen. Er würde sich gerne das Essen kaufen können, auf das er spontan Lust hat. Er möchte mehr verdienen als 711 Euro, „auch wenn das erst einmal nach viel klingt“.

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