https://www.faz.net/-gsb-7j2k4

FAZ.NET-Frühkritik: Jauch : Was hilft gegen das Austrocknen?

  • -Aktualisiert am

Günther Jauch Bild: dapd

Günther Jauch hat sich in seiner Sendung mit Willy Brandt beschäftigt. Was bleibt heute von der Jahrhundertfigur? Tatsächlich hat man die historischen Umstände seines Handelns schon längst vergessen.

          4 Min.

          Als der junge Mann das erste Mal in den Bundestag gekommen war, hatte er ein Gespräch mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden. Er erklärte ihm seine Vorstellungen über Deutschland und die Welt, worauf dieser nur antwortete: „Ja, dann fang mal an. Aber pass auf, dass du nicht austrocknest.“ Das geschah im Jahr 1975. Der junge Mann war Franz Müntefering. Er kam als Nachrücker in den Bundestag und sprach mit Herbert Wehner.

          Müntefering erzählt diese Geschichte bis heute gerne. Nur wie wird seine Frau Michelle in diesen Tagen vom SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier empfangen? Sie ist seit dem 22. September direkt gewählte Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Bochum-Herne II. Auch mit dem Hinweis nicht auszutrocknen? Franz Müntefering musste noch die klassische Ochsentour in der Sozialdemokratie absolvieren. Seine spätere bundespolitische Karriere begann im Grunde erst 1992 mit der Übernahme des Vorsitzes im damals einflussreichen SPD-Bezirk „Westliches Westfalen“, also 17 Jahre nach seinem erstmaligen Einzug in den Bundestag. Seine Ehefrau, gerade einmal sechs Wochen im Bundestag, sitzt dafür schon bei Günther Jauch.

          Politikunternehmer in eigener Sache

          Jauchs Thema war „100 Jahre Willy Brandt - Ein Leben für Deutschland“. An den Karrieren von  Frau Müntefering und ihrem Mann kann man die strukturellen Veränderungen in der Organisation der Parteien erkennen, wie sie sich seit den Hochzeiten eines Willy Brandts verändert haben. Wo früher die Abgeordneten und Funktionäre zumeist nicht mehr waren als die Repräsentanten ihrer Milieus in Partei und Wählerschaft, wurden sie agile Politikunternehmer in eigener Sache. Das ist kein Vorwurf, sondern eine bloße Feststellung. Die heutige Politiker-Generation, und Frau Müntefering ist dafür durchaus repräsentativ, ist ein Produkt jenes gesellschaftlichen und sozialen Wandels, der Gesellschaft nur noch als Markt zu denken weiß. Was Frau Müntefering zu Willy Brandt zu sagen hat? Nichts.

          Sie ist im Jahr 1980 geboren. Da ist die Welt des Willy Brandt für sie so weit weg wie für den 1913 geborenen Brandt die des im gleichen Jahr gestorbenen August Bebel. Der verachtete übrigens in seinen Jugendjahren zunehmend die in der Ideenwelt des Kaiserreiches stecken gebliebene Sozialdemokratie der Weimarer Republik. Brandts Wechsel von der SPD zu den Sektierern der SAP war vor allem biographisch bedingt. Egon Bahr meinte diesen Hintergrund, als er von Brandts „unglaublicher Toleranz“ gegenüber den politischen (Irr)wegen von dessen ältestem Sohn, dem Historiker Peter Brandt, sprach. Das war allerdings noch die Erinnerung an alte Zeiten.

          Was bleibt von Willy Brandt? Unter anderem die Sonderbriefmarke zu seinem 100. Geburtstag

          Aus den Berichten von Peter Brandt wurde nämlich auch eins deutlich. Sein Vater war in seiner Zeit als (West-)Berliner Oberbürgermeister schon als der moderne Politikertypus aufgebaut worden, der  den altbackenen Funktionär der SPD ablösen sollte, um die Partei endlich mehrheitsfähig zu machen. Im Image des „Kennedy von der Spree“ und in den in der Sendung erwähnten Homestorys vom glücklichen Familienleben wurde das deutlich. Das geschah übrigens zu der Zeit mit der Unterstützung von Axel Springers Berliner Monopolpresse, wird aber heute gerne vergessen. Brandt stand für den Wandel der SPD von der überholten marxistischen Arbeiterpartei zur modernen Volkspartei mit verwaschenem politischen Profil. Eine Folge waren die Proteste der 1968er Generation eines Peter Brandt. Und sein Vater betrachtete das als einen Hinweis, was der Partei auf ihrem Weg zur Volkspartei verloren zu gehen drohte. Helmut Schmidt konnte damit nie etwas anfangen – und Herbert Wehner betrachtete es als Bedrohung.

          Brandt wird zu einer Heiligenfigur

          In den besten Momenten der Sendung kam das durchaus zum Ausdruck, vor allem, wenn sich die beiden großen alten Männer der früheren Volksparteien CDU und SPD, Heiner Geißler und Egon Bahr, unterhielten. Geißler warnte vor einer Renaissance der These von den „großen Männern“, die die Geschichte bestimmten. Brandt werde zu einer Heiligenfigur, die tatsächlich nur noch der Seligsprechung bedarf. Das schmälert keineswegs dessen Verdienste – und ändert nichts an den Verletzungen, die er im Laufe seines politischen Lebens von seinen Gegnern erleiden musste. Etwa der niederträchtige Hinweis auf die uneheliche Abstammung oder der Vorwurf, 1933 ins Exil gegangen zu sein, anstatt sich in den Konzentrationslagern der Nazis die Knochen kaputtschlagen zu lassen.

          Aber Geißler beharrte auf dem Vorrang der Ideen, die die Geschichte bestimmten – und eben nicht die Willenskraft der großen Männer. Brandts (und Bahrs) Idee war nicht einfach nur die Ostpolitik. Es war die Einsicht, aufgeben zu müssen, was die Nazis unwiderruflich verloren hatten: Den deutschen Osten. Es bedeutete die Anerkennung der deutschen Nachkriegsgrenzen. Das war der schwerste Moment bei der Unterzeichnung der Ostverträge. Eine Ostpreußin wie die Gräfin Dönhoff, die damalige Chefredakteurin der „Zeit“, wusste, warum sie 1970 die Einladung nach Warschau zur Vertragsunterzeichnung ablehnte, obwohl sie zu den entschiedensten Unterstützern von Brandts Ostpolitik gehörte. Ihr war nicht nach Feiern zumute, wenn der endgültige Verlust ihrer alten Heimat besiegelt werden sollte.  

          Dafür wurde Brandt als Symbolfigur von den deutschen Konservativen gehasst. Erst jetzt kam es zum Bruch mit Axel Springer. Deswegen verlor seine Regierung durch Überläufer auch bis 1972 die Mehrheit im Bundestag – und konnte es überhaupt zum konstruktiven Misstrauensvotum kommen. Das, was heute als Selbstverständlichkeit erscheint, musste erst einmal begriffen werden: den Krieg als Nation mit allen Konsequenzen verloren zu haben. Geißler weiß das natürlich alles. Es ist schlichte Polemik, wenn er meint, kein führender Unionspolitiker habe zu der Zeit Brandt einen „Vaterlandsverräter“ genannt. Das stimmt: Sie haben ihn aber in diese Ecke gestellt. Den üblen Satz von „Brandt an die Wand“ überließ man dann gerne den alten Nazis.

          Rivalität zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04?

          Frau Müntefering meinte nun diese Geschichte den Nachgeborenen ihrer Generation mit der heutigen Rivalität zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 im Ruhrgebiet erklären zu müssen. Es ist nicht sicher, ob sie weiß, wovon sie redet. Wie auch? Weder Bahr, noch Geißler haben es ihr bei Jauch erklärt. Der Verlust des deutschen Ostens spielt heute keine Rolle mehr – und beide neigen nicht dazu, schlafende Hunde aufzuwecken.

          So bleiben die Bilder vom ehemaligen Bundeskanzler im Bewusstsein der Menschen. Der Kniefall in Warschau oder die Fassungslosigkeit Brandts als er 1971 im Bundestag die Nachricht von der Verleihung des Friedensnobelpreises bekommt. Die damalige Opposition schwieg. Es kam ihr wie Hohn vor.

          Und was bleibt von Willy Brandt heute? Geißlers Erkenntnis, dass nicht Männer, sondern Ideen die Welt verändern. Das gilt nicht nur für Frau Müntefering. Es ist auch das beste Mittel gegen das Austrocknen: Eine Idee zu haben. Darin wären sich übrigens sogar Brandt, Schmidt und Wehner einig gewesen. Wir werden sehen, ob in der heutigen Sozialdemokratie noch jemand weiß, was damit gemeint ist.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Boris Johnson am Donnerstag in Brüssel.

          Brexit-Streit : Noch viel Überzeugungsarbeit für Boris Johnson

          Mit den EU-Partnern hat sich Großbritanniens Regierungschef auf eine neuen Entwurf des Brexit-Vertrags geeinigt. Doch im britischen Unterhaus muss Boris Johnson weiter um jede Stimme dafür kämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.