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FAZ.NET-Frühkritik: Jauch : Was hilft gegen das Austrocknen?

  • -Aktualisiert am

Günther Jauch Bild: dapd

Günther Jauch hat sich in seiner Sendung mit Willy Brandt beschäftigt. Was bleibt heute von der Jahrhundertfigur? Tatsächlich hat man die historischen Umstände seines Handelns schon längst vergessen.

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          Als der junge Mann das erste Mal in den Bundestag gekommen war, hatte er ein Gespräch mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden. Er erklärte ihm seine Vorstellungen über Deutschland und die Welt, worauf dieser nur antwortete: „Ja, dann fang mal an. Aber pass auf, dass du nicht austrocknest.“ Das geschah im Jahr 1975. Der junge Mann war Franz Müntefering. Er kam als Nachrücker in den Bundestag und sprach mit Herbert Wehner.

          Müntefering erzählt diese Geschichte bis heute gerne. Nur wie wird seine Frau Michelle in diesen Tagen vom SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier empfangen? Sie ist seit dem 22. September direkt gewählte Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Bochum-Herne II. Auch mit dem Hinweis nicht auszutrocknen? Franz Müntefering musste noch die klassische Ochsentour in der Sozialdemokratie absolvieren. Seine spätere bundespolitische Karriere begann im Grunde erst 1992 mit der Übernahme des Vorsitzes im damals einflussreichen SPD-Bezirk „Westliches Westfalen“, also 17 Jahre nach seinem erstmaligen Einzug in den Bundestag. Seine Ehefrau, gerade einmal sechs Wochen im Bundestag, sitzt dafür schon bei Günther Jauch.

          Politikunternehmer in eigener Sache

          Jauchs Thema war „100 Jahre Willy Brandt - Ein Leben für Deutschland“. An den Karrieren von  Frau Müntefering und ihrem Mann kann man die strukturellen Veränderungen in der Organisation der Parteien erkennen, wie sie sich seit den Hochzeiten eines Willy Brandts verändert haben. Wo früher die Abgeordneten und Funktionäre zumeist nicht mehr waren als die Repräsentanten ihrer Milieus in Partei und Wählerschaft, wurden sie agile Politikunternehmer in eigener Sache. Das ist kein Vorwurf, sondern eine bloße Feststellung. Die heutige Politiker-Generation, und Frau Müntefering ist dafür durchaus repräsentativ, ist ein Produkt jenes gesellschaftlichen und sozialen Wandels, der Gesellschaft nur noch als Markt zu denken weiß. Was Frau Müntefering zu Willy Brandt zu sagen hat? Nichts.

          Sie ist im Jahr 1980 geboren. Da ist die Welt des Willy Brandt für sie so weit weg wie für den 1913 geborenen Brandt die des im gleichen Jahr gestorbenen August Bebel. Der verachtete übrigens in seinen Jugendjahren zunehmend die in der Ideenwelt des Kaiserreiches stecken gebliebene Sozialdemokratie der Weimarer Republik. Brandts Wechsel von der SPD zu den Sektierern der SAP war vor allem biographisch bedingt. Egon Bahr meinte diesen Hintergrund, als er von Brandts „unglaublicher Toleranz“ gegenüber den politischen (Irr)wegen von dessen ältestem Sohn, dem Historiker Peter Brandt, sprach. Das war allerdings noch die Erinnerung an alte Zeiten.

          Was bleibt von Willy Brandt? Unter anderem die Sonderbriefmarke zu seinem 100. Geburtstag

          Aus den Berichten von Peter Brandt wurde nämlich auch eins deutlich. Sein Vater war in seiner Zeit als (West-)Berliner Oberbürgermeister schon als der moderne Politikertypus aufgebaut worden, der  den altbackenen Funktionär der SPD ablösen sollte, um die Partei endlich mehrheitsfähig zu machen. Im Image des „Kennedy von der Spree“ und in den in der Sendung erwähnten Homestorys vom glücklichen Familienleben wurde das deutlich. Das geschah übrigens zu der Zeit mit der Unterstützung von Axel Springers Berliner Monopolpresse, wird aber heute gerne vergessen. Brandt stand für den Wandel der SPD von der überholten marxistischen Arbeiterpartei zur modernen Volkspartei mit verwaschenem politischen Profil. Eine Folge waren die Proteste der 1968er Generation eines Peter Brandt. Und sein Vater betrachtete das als einen Hinweis, was der Partei auf ihrem Weg zur Volkspartei verloren zu gehen drohte. Helmut Schmidt konnte damit nie etwas anfangen – und Herbert Wehner betrachtete es als Bedrohung.

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