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FAZ.NET-Frühkritik: Jauch : Was hilft gegen das Austrocknen?

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Brandt wird zu einer Heiligenfigur

In den besten Momenten der Sendung kam das durchaus zum Ausdruck, vor allem, wenn sich die beiden großen alten Männer der früheren Volksparteien CDU und SPD, Heiner Geißler und Egon Bahr, unterhielten. Geißler warnte vor einer Renaissance der These von den „großen Männern“, die die Geschichte bestimmten. Brandt werde zu einer Heiligenfigur, die tatsächlich nur noch der Seligsprechung bedarf. Das schmälert keineswegs dessen Verdienste – und ändert nichts an den Verletzungen, die er im Laufe seines politischen Lebens von seinen Gegnern erleiden musste. Etwa der niederträchtige Hinweis auf die uneheliche Abstammung oder der Vorwurf, 1933 ins Exil gegangen zu sein, anstatt sich in den Konzentrationslagern der Nazis die Knochen kaputtschlagen zu lassen.

Aber Geißler beharrte auf dem Vorrang der Ideen, die die Geschichte bestimmten – und eben nicht die Willenskraft der großen Männer. Brandts (und Bahrs) Idee war nicht einfach nur die Ostpolitik. Es war die Einsicht, aufgeben zu müssen, was die Nazis unwiderruflich verloren hatten: Den deutschen Osten. Es bedeutete die Anerkennung der deutschen Nachkriegsgrenzen. Das war der schwerste Moment bei der Unterzeichnung der Ostverträge. Eine Ostpreußin wie die Gräfin Dönhoff, die damalige Chefredakteurin der „Zeit“, wusste, warum sie 1970 die Einladung nach Warschau zur Vertragsunterzeichnung ablehnte, obwohl sie zu den entschiedensten Unterstützern von Brandts Ostpolitik gehörte. Ihr war nicht nach Feiern zumute, wenn der endgültige Verlust ihrer alten Heimat besiegelt werden sollte.  

Dafür wurde Brandt als Symbolfigur von den deutschen Konservativen gehasst. Erst jetzt kam es zum Bruch mit Axel Springer. Deswegen verlor seine Regierung durch Überläufer auch bis 1972 die Mehrheit im Bundestag – und konnte es überhaupt zum konstruktiven Misstrauensvotum kommen. Das, was heute als Selbstverständlichkeit erscheint, musste erst einmal begriffen werden: den Krieg als Nation mit allen Konsequenzen verloren zu haben. Geißler weiß das natürlich alles. Es ist schlichte Polemik, wenn er meint, kein führender Unionspolitiker habe zu der Zeit Brandt einen „Vaterlandsverräter“ genannt. Das stimmt: Sie haben ihn aber in diese Ecke gestellt. Den üblen Satz von „Brandt an die Wand“ überließ man dann gerne den alten Nazis.

Rivalität zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04?

Frau Müntefering meinte nun diese Geschichte den Nachgeborenen ihrer Generation mit der heutigen Rivalität zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 im Ruhrgebiet erklären zu müssen. Es ist nicht sicher, ob sie weiß, wovon sie redet. Wie auch? Weder Bahr, noch Geißler haben es ihr bei Jauch erklärt. Der Verlust des deutschen Ostens spielt heute keine Rolle mehr – und beide neigen nicht dazu, schlafende Hunde aufzuwecken.

So bleiben die Bilder vom ehemaligen Bundeskanzler im Bewusstsein der Menschen. Der Kniefall in Warschau oder die Fassungslosigkeit Brandts als er 1971 im Bundestag die Nachricht von der Verleihung des Friedensnobelpreises bekommt. Die damalige Opposition schwieg. Es kam ihr wie Hohn vor.

Und was bleibt von Willy Brandt heute? Geißlers Erkenntnis, dass nicht Männer, sondern Ideen die Welt verändern. Das gilt nicht nur für Frau Müntefering. Es ist auch das beste Mittel gegen das Austrocknen: Eine Idee zu haben. Darin wären sich übrigens sogar Brandt, Schmidt und Wehner einig gewesen. Wir werden sehen, ob in der heutigen Sozialdemokratie noch jemand weiß, was damit gemeint ist.

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