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FAZ.NET-Frühkritik „Jauch“ : Vergesst Precht!

Die eingeblendeten Sitzenbleiber-Statistiken blieben, wohl mangels Aussagekraft, unerörtert. Was soll man auch dazu sagen, dass man in Island kaum sitzen bleibt, in Deutschland umso mehr, besonders in Bayern? Die sind doch immer ganz vorn, die Bayern? Aber über so was wird an diesem Abend schon gar nicht geredet. Dafür durfte der großartige Berliner Schulleiter Jens Großpietsch seine ganz andere (staatliche) Schule vorstellen. Etwas zu knapp, aber wer wollte, konnte verstehen, dass eine Schule wie seine, ohne Noten und Sitzenbleiber, nur so gut ist und beliebt ist, weil Großpietsch für seine Ideen ein hochmotiviertes Kollegium herangezogen hat, diese Berliner Schule also ein Ort ist, von dem viele Lehrer nur träumen können. Wie das geht oder was diese leidenschaftliche, erfolgreiche Pädagogik zur Ausnahme macht, wäre eine eigene Sendung wert. Aber das Talkshowtempo ist höllisch.

Alles eine Frage der Perspektive

Und irgendwie muss ja noch Prechts System besprochen werden. Richtig vorgestellt wird es trotzdem nicht. Das jahrgangsübergreifende Lernen wird gepriesen; unerwähnt bleibt, dass es gerade abgewählt wird von den Eltern und Lehrern, wo immer das geht. Dafür wird ein Film eingespielt, ein kurzer Blick in eine  private Jenaplan-Schule, auch dort kein Druck, kein Gram nirgends. Herr Precht legt nun los: Noten und Sitzenbleiben, das sei doch alles nur eine Frage der Perspektive und des Systems. Das heutige deutsche brauche halt Noten und dergleichen, sei aber aus der Vorzeit. Er will ja eine andere Schule. Jetzt kommt Skandinavien ins Spiel, dort gäbe es das alles nicht, und niemanden wundert's. Trocken bemerkt Melda Akbas, dort würde durchaus über Noten und Sitzenbleiben diskutiert, nur unter anderen Vorzeichen: Sie fehlten vielen Eltern. Und ihre sanft erzogenen Kommilitonen von den Waldorf-Schulen hätten an der Universität einige Schwierigkeiten. Warum könne es eigentlich nicht beides geben?

Aber Richard David Precht hat für solche Halbheiten kein Ohr. Er schwärmt von Kreativität – was er damit meint, bleibt schwammig - und von seinen Projekten im Brustton eines Erfinders, der nicht bemerkt hat, wie andere ihm längst zuvorgekommen sind. Herr Precht verlangt, dass statt der Noten alle an einem „Projekt“ beteiligten Lehrer Gutachten abgeben sollten, die dann die ganze Persönlichkeit des Schülers erfassten. Das ist der Lehrerin Ursula Sarrazin suspekt. Sie beurteile die Leistung der Schüler, nicht ihre Persönlichkeit, das stehe einem Lehrer nicht zu.

Die übervollen Lehrpläne werden erwähnt, aber Precht geht es, so sagt er jedenfalls, um etwas anderes. Die Art, wie gelernt werde, sei nicht mehr zeitgemäß. Irritierend, dass er das mit den Schulen an sich begründet, die ja aus einer Zeit stammten, so Precht, in der Kinderpsychologie noch keine Rolle gespielt habe. Meint er das Kaiserreich? Humboldt? Das ist im bengalischen Feuer der Prechtschen Revolution nicht zu erkennen. Zu erkennen ist jedoch, dass Richard David Precht nicht allzu viel weiß über die heutige Schule und ihre Schüler, wahrscheinlich nicht mal viel über frühere Bildungssysteme. Und das ist vielleicht gut so. Solche Emanzipationsbewegungen (wie seine) könne man nicht aufhalten, ruft er zum Schluss. Da tat er einem fast schon leid.

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