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FAZ.NET-Frühkritik: Jauch : „Am Anfang Mensch, am Ende Akte“

  • -Aktualisiert am

„Viele haben den Eindruck, dass das Patientenwohl nicht mehr an erster Stelle steht“, konstatierte Günther Jauch - ein Eindruck, der stimmt? Bild: dpa

Basiswissen über das Gesundheitssystem: Das vermittelte Günther Jauch in seiner Sendung am Sonntagabend. Er bot auch Einblicke in Boni-Verträge von Chefärzten und den Weg, den der Arztberuf in den vergangenen zehn Jahren genommen hat.

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          Über Ärzte und ihre Rolle im Gesundheitssystem zu sprechen, ist Pflichtprogramm geworden in den deutschen Fernsehtalkrunden, und allzu viel Variation herrscht nicht auf den Gästelisten. Günther Jauch war in seiner Sendung „Patientenfalle Krankenhaus – unnötige OPs für satte Gewinne“  am Sonntagabend vergleichsweise breit aufgestellt. Er hatte neben Jens Spahn, dem gesundheitspolitischen Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, auch die Journalistin Sonia Seymour Mikich zu Gast, außerdem Andrea Grebe, die Geschäftsführerin des Klinikmanagements beim Vivantes-Krankenhauskonzern, Jürgen Graalmann, den Vorstandsvorsitzenden der AOK, und einen klinisch tätigen Arzt, den Anästhesisten Hendrik Schneider.

          Die Sendung konzentrierte sich, gemessen an anderen Fragen rund um Ärzte und die Medizin, auf ein vergleichsweise dankbares Thema: die hohen OP-Zahlen, mit denen Deutschland seit langem Schlagzeilen macht. Dankbar ist dieses Thema, weil es in der jüngeren Vergangenheit mehrfach investigativ aufgearbeitet wurde. Inzwischen hat ein Großteil der Deutschen von dieser Problematik gehört, auch dank Enthüllungsreportagen wie dem ARD-Film „Vorsicht Operation“, der im Januar gesendet wurde und für den nicht nur Boni-Verträge von Chefärzten heimlich abfotografiert worden waren, sondern der auch Insider wie den Gründer der kritischen Plattform „MedLeaks“ zu Wort kommen ließ.

          Das Vertrauensverhältnis vieler Menschen zum Gesundheitssystem ist gefährdet
          Das Vertrauensverhältnis vieler Menschen zum Gesundheitssystem ist gefährdet : Bild: dapd

          Zweifel sind also gesät. Der Talk am Sonntagabend griff sie auf – und machte daraus einen soliden und dabei doch ausführlichen Grundkurs in Sachen Gesundheitssystem. Das Basiswissen können nach dieser Sendung auch Laien beherrschen, die zuvor noch nie schmerzhafte Erfahrung mit Fallpauschalen und anderen Problemen der deutschen Krankenhäuser gemacht haben. Die Zahl derjenigen, die noch wenig aufgeklärt ist, scheint, nebenbei bemerkt, zu sinken. Anders ist die Plakatkampagne der Kassenärztlichen Bundesvereinigung in den Innenstädten nicht zu erklären, die das Image der Mediziner verbessern soll. „Ich bin Chirurg. Ich arbeite für Ihr Leben gern“, steht da beispielsweise neben dem Bild eines sportlichen Mannes, der kein Model im Kittel ist, sondern einer von 30 Ärzten bundesweit, die sich für die Imagekampagne haben ablichten lassen.

          Vertrauensverhältnis gefährdet

          Das aufrüttelnde Fallbeispiel, mit dem das Thema bei Günther Jauch eingeführt wurde, ließ allerdings sofort Zweifel daran entstehen, ob eine solche Imagekampagne überhaupt noch ausreicht – und zeitgemäß ist. Die ehemalige „Monitor“-Moderatorin Sonia Seymour Mikich, die im Jahr 2011 mit Verdacht auf Darmkrebs in eine Klinik aufgenommen und mehrfach operiert wurde, berichtete gleich zu Anfang der Sendung über ihre Erfahrungen. Nach der ersten OP erlitt sie eine schwere Bauchfellentzündung, nach der zweiten erwachte sie mit künstlichem Darmausgang. Später erklärten ihr unabhängige Ärzte, eigentlich hätte man erst medikamentös behandeln und dann eine Weile abwarten müssen. Mikich berichtete zunächst in der F.A.Z. über ihre Erfahrungen, dann veröffentlichte sie das Buch „Enteignet: Warum uns der Medizinbetrieb krank macht“. „Ich bin als Mensch ins Krankenhaus reingegangen“, sagte sie bei Günther Jauch. Danach sei sie als Organ, schließlich als Fall betrachtet worden. „Am Ende war ich eine Akte.“

          Der Fall Mikich sollte zum roten Faden der Sendung werden. Ganz früh sei von einer OP die Rede gewesen, gleich am Anfang wurde schon der Termin anvisiert, erinnerte sie sich. Hier lag die Kernaussage, an der Moderator und Podiumsgäste schließlich das System, das inzwischen viele misstrauisch macht, von Grund auf erklärten. Das fing an mit ganz simplen Fragen und Mutmaßungen: „Viele haben den Eindruck, dass das Patientenwohl nicht mehr an erster Stelle steht“, stellte Jauch fest und zeigte einen Einspieler, der dokumentierte, dass in Deutschland mehr chirurgische Eingriffe als in anderen europäischen Ländern vorgenommen werden, vor allem Bandscheibenoperationen, Hüft- und Knieprothesen. Doppelt so viele künstliche Knie wie in Schweden, fünf Mal so viele Bandscheiben-OPs wie in Frankreich – insgesamt kommt man in Deutschland auf 17 Millionen OPs jährlich. „Die Fachgesellschaften gestehen ein, dass es OPs gibt, die medizinisch nicht notwendig sind“, sagte AOK-Vorstandschef Graalmann klipp und klar. Das Vertrauensverhältnis von Patient zu Arzt sei gefährdet. Und er hatte auch Daten zu bieten: Vor allem die Zahl „planbarer OPs mit Ermessensspielraum“ steige, nicht die der Notfalloperationen.

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