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FAZ.NET-Frühkritik: Jauch : „Am Anfang Mensch, am Ende Akte“

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In deutschen Kliniken wird zu oft operiert - weil Ärzte für Fließbandarbeit bezahlt werden
In deutschen Kliniken wird zu oft operiert - weil Ärzte für Fließbandarbeit bezahlt werden : Bild: dpa

Jauchs Rolle war es, mit hartnäckigem Fragen seine Gäste die wichtigen Punkte abhaken zu lassen – wichtig für all jene, die dem Thema noch nicht in Form von investigativen Zeitungsartikeln oder Fernsehreportagen begegnet sind. Zuschauer also, die sich selbst schon mal beim Arztbesuch gewundert haben, oder jemanden im Umfeld kennen, der durch eine ärztliche Behandlung in Schwierigkeiten gebracht wurde wie Sonia Mikich. Neues wurde dabei nicht zutage gefördert – allerdings ist das Thema an sich für viele fast ebenso undurchdringlich wie eigentliche medizinische Fachfragen, so dass eine Sendung wie diese, die auf Vermittlung von Basiswissen ausgerichtet ist, jede Berechtigung hat.

Besonders undankbar war in dieser Situation die Rolle, die Andrea Grebe vom Vivantes-Klinikum zufiel: Sie saß auf dem Podium, um über die ökonomischen Interessen von Krankenhäusern zu sprechen, und versuchte recht erfolglos, die Ärzte zu entlasten. Die Patienten, sagte Grebe, seien heute sehr gut informiert durch das Internet und kämen schon mit Wünschen wie: „Ich hätte gern die und die Prothese.“ Das konnte nicht gut ankommen in einer Sendung, die Geldströme und Interessen aufdecken wollte und hinterfragte, ob Gesundheit als „Ware“ angesehen werden dürfe. „Entscheidet denn der Geschäftsführer?“ wollte Jauch wissen, und der Anästhesist in der Runde antwortete, natürlich erhielten die Ärzte von dort Druck. „Man muss sich nur die Organigramme in den Kliniken ansehen. Der kaufmännische Direktor steht über allen Chefärzten ganz oben.“

Hartnäckige Irrtümer über Ärzte

So fielen Stichworte, die wie aus einem Drehbuch immer weiter durch eine Sendung führten, die offenbar das Ziel hatte, wichtiges Verbraucherwissen einfach verständlich zu machen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Schnell erschien, als die Sprache auf Chefärzte kam, ein Einspieler, der deren Boni-Verträge zeigte: 20.000 Euro extra, wenn 3300 Dialysen erreicht werden – eine solche Zielvereinbarung ist nach wie vor erlaubt, die Kliniken müssen sie aber offenlegen.

Nebenbei räumte Jauchs Sendung am Sonntag auch mit ein paar hartnäckig sich haltenden Irrtümern über Ärzte auf: Jens Spahn erläuterte die „sehr starke Stellung der Ärzte“ in den Krankenhäusern, die daher rührt, dass die Ärzteschwemme von vor 15 Jahren in einen ausgeprägten Ärztemangel überging. Wer sich in den vergangenen zehn Jahren wenig mit dem Gesundheitssystem beschäftigt hat, wurde hier gründlich aufgeklärt und auf den neuesten Stand gebracht. So erklärte beispielsweise auch ein  weiterer Film das System der Fallpauschalen, das 2003 eingeführt wurde: Seitdem operieren die Kliniken wie am Fließband.

Wie man sich wappnen kann – durch Zweitmeinungen etwa –, durfte schließlich noch die Juristin Michaela Schwabe von der „Unabhängigen Patientenberatung Deutschland“ schildern. Die letzte Frage Günther Jauchs blieb dann allerdings doch ohne eine eindeutige Antwort. „Wenn ich den ökonomischen Druck rausnehme“, fragte er – sei das dann das ideale Gesundheitssystem? Ein System ohne ökonomische Anreize – dem mochte sich zwar keiner der Teilnehmer voll und ganz anschließen. Aber eins wurde trotzdem überdeutlich: Das Hauptproblem des bestehenden Systems ist, dass Ärzte nicht mehr dafür bezahlt werden, dass sie Ärzte sind. Sondern dafür, Fließbandarbeiter zu sein.

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