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FAZ.NET-Frühkritik: Hart, aber fair : Suizid – eine Krankheit, die man heilen kann?

  • -Aktualisiert am

Hat jeder Mensch ein Anrecht darauf, den Zeitpunkt des eigenen Todes zu bestimmen? Bild: dpa

Tabus wurden in Frank Plasbergs „Hart aber fair“ Sendung über ärztlich unterstützten Suizid nicht gebrochen. Einige Statements ließen vielleicht das Publikum aufhorchen – aber nicht den viel zu routinierten Moderator.

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          Der Titel ließ Schlimmes befürchten: „Mut zur Menschlichkeit oder Mord – darf ein Arzt beim Sterben helfen?“  Dass Ärzte den Sterbeprozess begleiten, also beim Sterben helfen dürfen, ja sogar müssen, bestreitet schließlich niemand. Und die ärztliche Beihilfe zum Suizid – um die es in der Sendung, anders als der Titel nahelegte, ging – ist möglicherweise ein Verstoß gegen ärztliches Berufsrecht, aber unter keinem nur erdenklichen Gesichtspunkt als Mord anzusehen.

          Wenn die Fragestellung unter erheblichen Mängeln leidet, können auch die Antworten kaum überzeugen.  Die  entschlossene Routine, mit der Frank Plasberg Redebeiträge, die offenbar nicht in sein Konzept passten, unterbrach, tat ein Übriges, Zwischentöne zu verhindern und so dafür zu sorgen, dass man statt ein Gespräch verfolgen zu können, sich mit einer Ansammlung von Statements begnügen musste.

          Angesichts dessen war es einer der spannendsten Momente der Sendung, als der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf plötzlich Frank Plasberg überaus freundlich, aber doch bestimmt vorhielt, er trete hier auf, als wisse er alles über den Suizid, dabei sei doch im Einzelfall zumeist alles höchst unklar. „Suizid“, so der aus der aktiven Politik ausgeschiedene  SPD-Politiker, „ist eine Krankheit, die man heilen kann.“  Ein starker Satz, über den man sich in der Sendung hätte streiten können und vielleicht auch sollen, denn die Behandlung von Krankheiten erfordert die Mithilfe der Erkrankten. Wie ist aber mit Menschen umzugehen, die sich nicht heilen lassen wollen?

          Warum nicht die Rasierklinge?

          Von zwei solchen Menschen, die sich von ihrem Wunsch, aus dem Leben zu scheiden, nicht heilen lassen wollten, war in der Sendung die Rede. Der bei einem Motorradunfall verunglückte und seitdem im Halswirbelbereich querschnittgelähmte Informatiker Henning M.  bat den Arzt Arnold um Hilfe, damit er sterben könne. Und Arnold half ihm in den Tod, nachdem er sich versichert hatte, dass der schwer behinderte Mann eigentlich alles hatte, was er zum Weiterleben brauchte, liebevolle Eltern, ein sorgendes Umfeld – dass er aber trotz bester Unterstützung nicht mehr leben wollte.

          Die an Alzheimer erkrankte Frau des Schweizer Unternehmensberaters Bolinger, der ebenfalls in der Sendung zu Gast war, mochte ihre Erkrankung und die damit irgendwann verbundene Pflegeabhängigkeit nicht ertragen und ging deswegen mit Hilfe der Sterbehilfeorganisation „Exit“ geradezu heiter in den Tod. Ja, sie hatte, vertraut man der Wahrnehmung ihres Witwers, sogar noch dafür gesorgt, dass dieser seine zukünftige Ehefrau kennenlernte. „Warum sollte Ihre Frau den Suizid mit Hilfe eines Arztes machen? Warum haben Sie ihr nicht eine Rasierklinge besorgt, mit der sie sich die Pulsadern aufschneiden kann?“, wollte der bei  Plasberg bekenntnisstark gegen jede Form der Suizidbeihilfe auftretende Medienprofi und  Kapuzinermönch Bruder Paulus von Bolinger nicht gerade mitfühlend wissen. Eine Frage auf die der sonst selbstbewusste und betont unsentimentale Hinterbliebene überraschend stockend und ausweichend reagierte. Erst nach einem längeren Exkurs darüber, wie gut sich Sterbewillige bei „Exit“ aufgehoben und verstanden fühlten, fand er zu der Antwort, dass es eben ein schönerer Tod sei, etwas zu trinken als zu verbluten.

          Die Gefahr der Fallgeschichten

          Wozu aber überhaupt die Fallgeschichten in der Sendung dienen konnten und sollten, blieb offen. Im Mittelpunkt stand nämlich nicht die Individualität der beiden nicht mehr lebenswilligen Menschen, sondern allgemeine Merkmale, die ihren Suizid plausibel machen sollten: Querschnittslähmung, Schmerzen, Pflegebedürftigkeit, Würdeverlust, Demenz. Aber genau diese wie selbstverständlich funktionierende Verständigung in der Fernsehtalkshow - und in der Gesellschaft - darüber, wann der Todeswunsch eines Menschen als nachvollziehbar akzeptiert wird, ist das Problem dieser Debatte. Auch wenn stets betont wird, dass es in der Kontroverse um Sterbehilfe und den selbstgewählten Tod um freie Entscheidungen Einzelner gehen soll, wird die Debatte darüber doch von genauen Vorstellungen davon beherrscht, was ein würdevolles Leben sein soll und welchem Leben keine Qualität mehr zukommt. In „Hart aber fair“ hat Henning Scherf, versucht diesen Subtext der Debatte aufzudecken und zu hinterfragen, warum ein Leben, das von Hilfebedarf geprägt ist, nicht dennoch als würdevoll akzeptiert wird.

          „Ich bleibe dann da“

          Die Dresdner Palliativmedizinerin Barbara Schubert argumentierte an mehreren Stellen in der Sendung ähnlich. Von Plasberg befragt, was sie Henning M. auf seinen Suizidwunsch geantwortet hätte, versuchte sie dem Moderator zu erläutern, wieso es einen Unterschied macht und wie anders die Kommunikation verläuft, wenn nicht ein einzelner Sterbehelfer durch das Land reist  und Suizidwillige berät, sondern wenn ein interdisziplinäres Team eine soziale Situation herstellen kann. Menschen, so die Erfahrung der Palliativmedizinerin, sind in solchen Extremsituationen in ihrem Verhältnis zum Leben ambivalent, nicht eindeutig.

          Gerade in der letzten Phase, in der sie oftmals extrem hilfebedürftig sind, brauchen sie deswegen Ermutigung – auch dann, wenn sie zu den wenigen gehören, bei denen die Palliativmedizin nicht erreichen kann, was ihr Ziel ist: die erhebliche Linderung der Symptome. „Leiden gehört zum Leben dazu, auch wenn es nicht eine Hauptsache ist“, betonte Barbara Schubert, die ihre Aufgabe bei diesen Patienten nüchtern und einfach beschrieb: „Ich bleibe dann da.“

          Diese Antwort dürften weite Teile des Publikums, das sich fast unsiono für ein „selbstbestimmtes Sterben“ aussprach, als äußerst unmodern empfunden haben. Sie trifft aber möglicherweise den Kern der Debatte, die in der Plasberg-Sendung leider nicht entfaltet wurde, weil die moderne Talkshow ein bißchen wie ein Wahlkampf funktioniert. Auch er mag nur entschlossene Positionen, die wirkungsvolle Lösungen versprechen und keine offenen Fragen oder gar Unsicherheiten hinterlassen.

          Die Verfechter der ärztlichen Suizidbeihilfe möchten nicht akzeptieren, dass es Grenzen geben kann; sie sind überzeugt, dass die Entscheidung für einen Suizid lege artis nichts weiter ist als eine, wenn auch die letzte, medizinische Behandlungsentscheidung. Die Kritiker sehen im Leben und im Sterben etwas anderes und mehr als einen medizinisch zu steuernden Prozess. Suizid mag in ihren Augen eine akzeptable Entscheidung sein, ein medizinisch herbeigeführter Sterben bewirkt in dieser Sicht aber keinen guten Tod.

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