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FAZ.NET-Frühkritik: Hart, aber fair : Suizid – eine Krankheit, die man heilen kann?

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Die Gefahr der Fallgeschichten

Wozu aber überhaupt die Fallgeschichten in der Sendung dienen konnten und sollten, blieb offen. Im Mittelpunkt stand nämlich nicht die Individualität der beiden nicht mehr lebenswilligen Menschen, sondern allgemeine Merkmale, die ihren Suizid plausibel machen sollten: Querschnittslähmung, Schmerzen, Pflegebedürftigkeit, Würdeverlust, Demenz. Aber genau diese wie selbstverständlich funktionierende Verständigung in der Fernsehtalkshow - und in der Gesellschaft - darüber, wann der Todeswunsch eines Menschen als nachvollziehbar akzeptiert wird, ist das Problem dieser Debatte. Auch wenn stets betont wird, dass es in der Kontroverse um Sterbehilfe und den selbstgewählten Tod um freie Entscheidungen Einzelner gehen soll, wird die Debatte darüber doch von genauen Vorstellungen davon beherrscht, was ein würdevolles Leben sein soll und welchem Leben keine Qualität mehr zukommt. In „Hart aber fair“ hat Henning Scherf, versucht diesen Subtext der Debatte aufzudecken und zu hinterfragen, warum ein Leben, das von Hilfebedarf geprägt ist, nicht dennoch als würdevoll akzeptiert wird.

„Ich bleibe dann da“

Die Dresdner Palliativmedizinerin Barbara Schubert argumentierte an mehreren Stellen in der Sendung ähnlich. Von Plasberg befragt, was sie Henning M. auf seinen Suizidwunsch geantwortet hätte, versuchte sie dem Moderator zu erläutern, wieso es einen Unterschied macht und wie anders die Kommunikation verläuft, wenn nicht ein einzelner Sterbehelfer durch das Land reist  und Suizidwillige berät, sondern wenn ein interdisziplinäres Team eine soziale Situation herstellen kann. Menschen, so die Erfahrung der Palliativmedizinerin, sind in solchen Extremsituationen in ihrem Verhältnis zum Leben ambivalent, nicht eindeutig.

Gerade in der letzten Phase, in der sie oftmals extrem hilfebedürftig sind, brauchen sie deswegen Ermutigung – auch dann, wenn sie zu den wenigen gehören, bei denen die Palliativmedizin nicht erreichen kann, was ihr Ziel ist: die erhebliche Linderung der Symptome. „Leiden gehört zum Leben dazu, auch wenn es nicht eine Hauptsache ist“, betonte Barbara Schubert, die ihre Aufgabe bei diesen Patienten nüchtern und einfach beschrieb: „Ich bleibe dann da.“

Diese Antwort dürften weite Teile des Publikums, das sich fast unsiono für ein „selbstbestimmtes Sterben“ aussprach, als äußerst unmodern empfunden haben. Sie trifft aber möglicherweise den Kern der Debatte, die in der Plasberg-Sendung leider nicht entfaltet wurde, weil die moderne Talkshow ein bißchen wie ein Wahlkampf funktioniert. Auch er mag nur entschlossene Positionen, die wirkungsvolle Lösungen versprechen und keine offenen Fragen oder gar Unsicherheiten hinterlassen.

Die Verfechter der ärztlichen Suizidbeihilfe möchten nicht akzeptieren, dass es Grenzen geben kann; sie sind überzeugt, dass die Entscheidung für einen Suizid lege artis nichts weiter ist als eine, wenn auch die letzte, medizinische Behandlungsentscheidung. Die Kritiker sehen im Leben und im Sterben etwas anderes und mehr als einen medizinisch zu steuernden Prozess. Suizid mag in ihren Augen eine akzeptable Entscheidung sein, ein medizinisch herbeigeführter Sterben bewirkt in dieser Sicht aber keinen guten Tod.

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