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FAZ.NET-Frühkritik: Hart aber fair : Nach dem Spiel ist vor der Talkshow

Bayerisches „Mia san Mia“ gegen westfälisches „Wir“ Bild: dpa

Moderator Frank Plasberg schickt Bayern und Dortmund in den Wettstreit um die größeren Sympathiewerte. Man beschwört traditionelle Gegensätze, um viele Gemeinsamkeiten zu finden.

          3 Min.

          Das Spiel ist vorbei, Europa verneigt sich. „Gewonnen hat der Fußball. Gewonnen hat Deutschland. Alle Spieler, alle, hätten auf Schultern vom Platz getragen werden müssen“, schrieb die spanische Zeitschrift „Sport“. Bayern und Dortmund erwiesen sich in Erfolg und Scheitern als exzellente Botschafter des Landes. Was will man mehr? Plasberg wollte mehr. Er rief die Finalgegner am Montagabend zum Image-Duell in die Nachspielzeit. Wer von ihnen das bessere gesellschaftliche Vorbild abgebe, so das Motto der Sendung, ist keine Frage, auf die man unbedingt eine Antwort gesucht hatte.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Man hätte es bei der lakonischen Replik belassen können, dass hier beide auf ihre Art überzeugen – Dortmund mit einem finanziell solide unterkellerten Arbeiterethos und München mit einem von bayerischem Lebensgenuss veredelten Erfolgsdenken-, und die Sendung das sein lassen können, was sie eigentlich war: ein schöner Anlass, das Feiern noch etwas auszudehnen, ohne angestrengte Transferversuche ins Gesellschaftspolitische.  Es wollte auch nicht ins Bild der allgemeinen internationalen Anerkennung passen, dass man nun zwei Stile gegeneinander auszuspielen versuchte: Münchner Erfolgsdenken gegen Dortmunder Leidenschaft, reich gegen arm, westfälisches Wir gegen bayerisches mia san mia.

          Wirtschaftspolitische Lektionen des Sports

          Es passte auch nicht ganz zu den Realitäten. Etwas zu deutlich war das Bemühen, das Duell zum Kulturkampf und Klassengegensatz zu stilisieren. Die Plasberg-Redaktion schickte die Talkrunde mit dem Sendungsuntertitel „Echte Leidenschaft gegen Festgeldkonto“ auf den Weg und bediente dabei im Grund nur ein überholtes Klischee. Dortmund ist nach seiner finanziellen Rosskur auch ein umsatzstarker, ökonomisch potenter Verein. Und München hat erst mit gelockerter Festgeldpolitik den zwischenzeitlichen Rückstand auf die europäische Spitze kompensiert. Zwei Vereine, die zwischen Verschwendung und Austerität die goldene Mitte gefunden haben und jetzt den Lohn dafür einfuhren: zwei leuchtende Vorbilder für Schuldeneuropa. Der wirtschaftspolitische Lehrwert des Fußballs wurde aber nicht weiter thematisiert. Nach dem Sockelsturz des Münchner Wirtschaftsweisen Uli Hoeneß ist man mit der Direktübertragung fußballökonomischer Erfolgsrezepte wohl vorsichtiger geworden. 

          Auch vom Spiel war bald nur noch wenig die Rede. Am letztlich verdienten Sieg der Bayern rüttelte auch keiner der Dortmund-Fans unter den Talkgästen. Stattdessen prüfte man wacker raus die Klischees. Dass Dortmund über den Börsengang  Authentizität und Arbeiterstolz nicht verloren hat, davon legte ihr unbekümmerter Auftritt im Wembley-Stadion das beste Zeugnis ab. „Echte Liebe“ ist zwar inzwischen ein Markenslogan. Aber auch ein Faktum auf dem Platz. Dass der Verein deshalb nicht von Arbeitern geführt wird und die Dortmunder Spieler nicht rund um den Borsigplatz ihre Wohnungen bezogen haben, war für den umsichtig argumentierenden SPD-Bundestagsabgeordneten Dieter Wiefelspütz kein Widerspruch, sondern eine von niemandem in Abrede gestellte und deshalb akzeptable Realität. Jürgen Klopp  darf also ruhig weiter Opel bewerben, Porsche fahren und nebenbei die Tugenden des Arbeitervereines beschwören, ohne eine Neiddebatte fürchten zu müssen. 

          Es lebt sich gut mit dem schlechten Ruf

          Der Nord-Süd-Konflikt gewann erst an Fahrt, als Wiefelspütz sich doch nicht des Versuchs enthalten konnte, westfälische Einfachheit gegen bayerischen Snobismus auszuspielen. Mit dem Schauspieler und CDU-Politiker Charles Huber war auf der Gegenseite ein Gast geladen, der sich offenbar unter den Beweisdruck gesetzt hatte, alles am Klischee der bayerischen Selbstzufriedenheit durch den eigenen Auftritt als Wahrheit zu erweisen. Der Leidensdruck am schlechten Ruf ist in München  offenbar nicht so groß, dass man sich um eine Korrektur bemühen würde. Der FC Bayern habe die Koketterie mit der eigenen Arroganz zu einer bewussten Strategie erhoben, berichtete Huber. Die CSU-Politikern Monika Hohlmeier korrigierte mit dem Hinweis auf die Münchner Eigengewächse Schweinsteiger und Müller das Image des anonymen Großstadtklubs. Dass die  aktuelle Bayern-Mannschaft keine Ansammlung von Unsympathen ist, milderte weiter den beschworenen Gegensatz.

          Die Redaktion unternahm noch einen letzten Versuch, die Bayern in den Sumpf der CSU-Vetternwirtschaft hineinzuziehen. Die  Causa Hoeness lässt die Wogen weiter hoch schlagen, am Erkenntnisstand hat sich aber wenig geändert. Dass der Steuersünder nach den Worten von Wiefelspütz in Dortmund längst kein Aufsichtsrat mehr wäre, war letztlich der signifikanteste Unterschied zwischen den Vereinen, zumindest der Behauptung nach. Insgesamt überwog der Wille zur Harmonie. Nach dem alle selbst aufgestellten Stangen umdribbelt waren, lobte man einträchtig den Erfolg zweier guter Haushälter, die sich auf dem verzerrten europäischen Fußballmarkt gegen Oligarchenmacht und Schuldenwirtschaft durchgesetzt hatten und sah der Einführung der Schuldenbremse in der Champions League in der Erwartung kommender Triumphe hoffnungsvoll entgegen.

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