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FAZ.NET Frühkritik: Günther Jauch : Von der Kartoffel- zur Gulaschsuppe

  • -Aktualisiert am

Günther Jauch Bild: dapd

Die Polit-Talkshow als Probierküche: Günther Jauch beschäftigt sich abermals mit dem Weg zur Regierungsbildung in Berlin. Er vermittelt ungeahnte historische Einsichten.

          3 Min.

          Bernhard Bueb war 1965 27 Jahre alt und studierte Philosophie und katholische Theologie. Es ist nicht bekannt, ob er in dieser bewegten Zeit die Debatten in der damals in Deutschland noch jungen Disziplin Politikwissenschaft verfolgte. Ansonsten müsste ihm der Name Otto Kirchheimer ein Begriff sein. Dieser schrieb damals einen Aufsatz, der sich mit dem Wandel der Parteien zu sogenannten „catch all partys“ beschäftigte. Gerade am Beispiel der SPD schilderte Kirchheimer eine Veränderung der sogenannten Volksparteien zu Allerweltsparteien: Ideologische Unterschiede gebe es faktisch nicht mehr.

          An deren Stelle tretei die Strategie der Stimmenmaximierung. Personalisierung und Marketingüberlegungen bestimmten den Parteienwettbewerb, schrieb Kirchheimer. Er umriss damit zugleich einen Zeitgeist, der in den außerparlamentarischen Widerstand gegen die erste Großen Koalition mündete. Bernhard Bueb ist heute 75 Jahre alt. Er vertrat bei Günther Jauch ernsthaft die These, früher sei die Politik anders gewesen als heute, da sich „CDU und SPD nur noch unterscheiden wie Esso und Aral.“ Früher habe man noch gewusst, wofür die Politik eingetreten sei. Bueb nannte unter anderem Herbert Wehner, damals stellvertretender SPD-Parteivorsitzender. Der war allerdings genau jener Strippenzieher, den Kirchheimer im Blick hatte, als er von der SPD als „Allerweltspartei“ sprach.

          Ehrlichkeit des Bonner Spitzenpersonals

          Dem früheren CSU-Vorsitzenden Theo Waigel ist zuzustimmen, wenn er Bueb vor einem nostalgischen Rückblick auf frühere Politiker-Generationen warnte. So erwähnte er unter anderem Franz-Josef Strauß, der zu „gerne in Bonn mitmischen wollte.“ In einer der nächsten Sendungen darf Waigel dann von den Bemühungen des gerne privat pilotierenden bayerischen Ministerpräsidenten berichten, eine Steuerbefreiung auf Flugbenzin für Privatflieger durchzusetzen. Das waren halt noch Zeiten, als Bueb hochachtungsvoll auf die Ehrlichkeit des Bonner Spitzenpersonals blicken durfte. Waigel war auch ansonsten ein Lichtblick in der Sendung. Dank ihm wissen wir jetzt, dass Horst Seehofer schon seit 1983 nicht mehr jede Sachfrage als Gewissensentscheidung deklariert. Wer hätte das gedacht?

          „Je mehr Lügen, je lebendiger das Kabarett“

          Nun erinnern wir uns leider nicht, wie Waigel im Jahr 1986 das Handeln des Bayerischen Rundfunks beurteilt hatte. Damals blendete sich der der Sender aus dem „Scheibenwischer“ des Kabarettisten Dieter Hildebrandt aus. Laut Bueb wirkte das Kabarett als eine Art Seismograph des Vertrauens der Bürgers in die Politik: „Je mehr Lügen, je lebendiger das Kabarett.“ Fehlte es Hildebrandt damals an Lebendigkeit? Oder wurde weniger gelogen? Bueb nannte als aktuelle Beispiele für seine originelle These die „heute show“ und „Neues aus der Anstalt“, beides im ZDF. Wahrscheinlich muss man wie Bueb Philosophie studiert haben, um die Stichhaltigkeit dieser These nachzuvollziehen. Aber Oliver Welke könnte Hildebrandt einladen, um das im Rahmen eines wissenschaftlichen Symposiums zu klären. Bueb beklagte auch das zunehmende Desinteresse der Jugend an der Politik. Angesichts seiner Einlassungen bei Jauch könnte man das sogar verstehen. Allerdings spricht die demographische Zusammensetzung des Publikums von Jauch gegen die Annahme, Bueb könne mit diesem Desinteresse etwas zu tun haben. Die Jugend wird unter Umständen auch erst durch die „heute show“ von der Sendung gestern Abend erfahren.

          „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“

          Dort parlierten ansonsten noch die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft, und der noch amtierende  Bundesumweltminister, Peter Altmaier. Das Thema der Sendung lautete: „Deutschland auf Stand-by - wie läuft das Spiel um die Macht?“ Hannelore Kraft hob die Bedeutung von Inhalten in den weiteren Verhandlungen zur Regierungsbildung hervor. Altmaiers Auftritt erinnerte an die Ausführungen eines bekannten Politologen der Disney-Studios: „Probier’s mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit vertreibst du deinen ganzen Sorgenkram. Und wenn du stets gemütlich bist und etwas appetitlich ist, dann nimm es dir, egal woher es kam.“ Wahrscheinlich bat Jauch deshalb auch den Publizisten Michael Jürgs, das Spiel um die Macht am Beispiel des Gulasch-Kochens deutlich zu machen. Woher das Gulasch kam? Aus Österreich oder Ungarn, aber nicht aus Österreich-Ungarn. Das wäre nun ganz sicher die falsche Symbolik gewesen.

          Allerdings ist es ein Rätsel, warum man einem klugen Kopf wie Jürgs so eine Frage stellen kann. Er sagte nämlich gegen Ende der Sendung noch etwas Bedenkenswertes. Wir erlebten zum letzten Mal eine Konstellation, wie wir sie aus den Zeiten der alten Bundesrepublik kannten. Jürgs nannte als Beispiel die künftige Rolle der Linken ohne den „Gottseibeiuns der Sozialdemokraten“, Oskar Lafontaine, und ohne die personelle Verstrickung junger linker Politiker in die SED-Vergangenheit. Bueb wird dann wohl nicht mehr Gast in Talkshows sein. Ansonsten könnte Hannelore Kraft den Bundesumweltminister wenigstens kulinarisch an den zweiten Sondierungsgesprächen am 14. Oktober beteiligen. Nach der Kartoffelsuppe könnte es zur Kräftigung von Leib und Seele Gulaschsuppe geben. Die Symbolik wäre nicht zu unterschätzen, wenn die Ministerpräsidentin mit einem Henkelmann für Altmaier erschiene. Bekanntlich muss man in einer Großen Koalition die Suppe auslöffeln, die man sich gemeinsam eingebrockt hat.

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