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FAZ.NET Frühkritik: Günther Jauch : Vom Nutzen alter Bücher

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Oh, wie schön ist die Steuerflucht: Auf einem reizenden Refugium wie dem Sandstrand von Aitutaki auf den Cook Inseln lässt es sich gut leben - genügend Geld hat man dann dafür Bild: dpa

Günther Jauch bemühte sich in seiner Sendung, die Geheimnisse um die Steueroasen zu lüften. Bisweilen hilft aber auch ein Blick in die Literatur.

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          „Es bewegt sich etwas“, konstatierte Günther Jauch am Sonntagabend in seinem Schlusswort zur Sendung über die „Geldverstecke der Reichen – Steuerflucht auf unsere Kosten.“ Darin ging um die Erkenntnisse aus jenen Dokumenten der globalen Steuervermeidungsindustrie, die unter dem Namen „Offshore leaks“ seit einigen Tagen die Berichterstattung in der Weltpresse dominiert. Weil die schiere Menge jeden einzelnen Journalisten überfordern muss, versucht ein Konsortium internationaler Medienakteure dieses Konvolut in einer gemeinsamen Anstrengung zu entschlüsseln. In Deutschland verfügen der NDR und die Süddeutsche Zeitung exklusiv über das Material. Es ist tatsächlich eine mühevolle Kleinarbeit, die Konstruktion einer Finanzindustrie zu entschlüsseln, die den Kern des globalisierten Kapitalismus darstellt. Die Entschlüsselung ist in der Talkrunde von Jauch zwar nur begrenzt gelungen. Aber für mehr als 95 Prozent der Wohnbevölkerung in allen Industriestaaten sind solche Informationen auch nur von begrenztem Wert. Sie kommt gar nicht in die Verlegenheit, sich angesichts der vergleichsweise bescheidenen eigenen Einkommen oder Vermögen mit den sonderbaren Wegen beschäftigen zu müssen, wie man denn sein Geld vor dem Fiskus in Sicherheit bringen kann.

          Die magische Fähigkeit eines Messingschildes

          „Die Existenz eines Werkzeugs wie des Computers, der Daten aus aller Welt verarbeiten kann“, heißt es in einem alten Buch zum selben Thema, „fordert direkt eine globale Programmierung. Entsprechend führte schon die Existenz eines globalen Markts zur Entwicklung geheimnisvoller Manipulierungsmethoden, mit denen man maximale Gewinne aus dem Markt herausholt. Steueranwälte perfektionierten die Steuerparadiese Liechtenstein, Bahamas, Cayman-Islands, Panama und Neue Hebriden.“ Neue Hebriden? Die fehlten bei Jauch. Dafür war das Folgende war in einem Einspieler zu sehen: „Solche Unternehmen sind kaum mehr als ein Messingschild an der Wand eines verschlafenen palmenbeschatteten Büros, aber die Fiktion, das Messingschild sei beispielweise die Zentrale eines wichtigen Teils von Nestlés weltweiten Operationen, hat die magische Fähigkeit, Millionen von Dollars an Körperschaftssteuern zu sparen.“

          Von Nestlé war bei Jauch allerdings nicht die Rede. Aber wie formulierte es der unlängst in das Präsidium der Bundespartei gewählte FDP-Politiker Wolfgang Kubicki? „Von den Steuervermeidungsmöglichkeiten leben auch unsere Konzerne.“ Wie die funktionieren, versuchte Jauch am bekannten Beispiel von Ikea deutlich zu machen – und den Wettbewerbsvorteil gegenüber der mittelständischen Konkurrenz. Der beim NDR für „Offshore leaks“ zuständige Redakteur, Peter Hornung, versuchte redlich, das Komplizierte einfach darzustellen. In dem alten Buch ist das so zu lesen: „Der einfache Trick, dass man an die hundertprozentig eigene Tochter in Ländern mit hohen Steuern zu einem absurd hohen Preis verkauft und in Ländern mit niedrigen Steuern zu einem Spottpreis verkauft, bringt wahre Wunder an Gewinnmaximierung zustande – und Gewinnmaximierung ist schließlich Hauptziel und entscheidender Erfolgsmaßstab der Unternehmensplanung.“ 

          Ein verdienstvoller Whistleblower

          Das ist wahrscheinlich nicht in den Dokumenten von „Offshore leaks“ zu lesen. Die kursiv gesetzten Zitate stammen alle aus dem Buch „Die Krisenmacher. Die Multinationalen und die Verwandlung des Kapitalismus“. Die beiden amerikanischen Ökonomen Richard J. Barnet und Ronald E. Müller veröffentlichten es in den Vereinigten Staaten, man höre und staune, im Jahr 1974. Es beruhte unter anderem auf Interviews mit amerikanischen Topmanagern großer Konzerne. Diese neigten damals noch nicht dazu, jede Äußerung von ihren PR-Leuten in Phrasendrescherei verwandeln zu lassen -  und politische Diskurse fanden wohl auch noch nicht in Talk-Shows statt.

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