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FAZ.NET-Frühkritik: Günther Jauch : Radio Eriwan

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Ist Angela Merkel als Bundeskanzlerin „unschlagbar“, wollte Günther Jauch wissen. Im Prinzip ja, sagte einer seiner Gäste, weshalb sie dann auch freiwillig zurücktreten werde. Fertig war das doppelte Gerücht.

          3 Min.

          Die Sendung von Günther Jauch dauert sechzig Minuten. Am vergangenen Sonntag war sie für ganze fünf Minuten interessant. Diese fünf Minuten lagen am Ende der Sendung. Das klingt nach gekonnter Dramaturgie. So ist es aber nicht gemeint.

          Es fing damit an, dass Günther Jauch den stellvertretenden Chefredakteur der „Bild“-Zeitung Nikolaus Blome fragte, wie es mit Angela Merkel denn weitergehe, wenn sie die Bundestagswahl gewonnen habe. Die Frage fasste die Ergebnisse der Sendung insofern treffend zusammen, als dass es in ihr ursprünglich darum hatte gehen sollen, ob die Kanzlerin eine „Über-Merkel“ sei und also „unschlagbar“. Offenbar schien beides zuzutreffen.

          Ein kurzes Erwachen

          Nikolaus Blome antwortete, dass Angela Merkel, wenn sie die Bundestagswahl gewonnen habe, wahrscheinlich noch zwei Jahre Kanzlerin bleiben werde, dann zurücktrete und einen Nachfolger benenne. So etwas habe vor ihr noch niemand gemacht. „Es ist ein Superlativ, der sie reizt.“

          Daraufhin wachten sowohl Günther Jauch als auch seine Gäste für fünf Minuten auf. Klaus Wowereit, Berlins Regierender Bürgermeister, dem in der vergangenen Woche ebenfalls ein Rücktrittswunsch nachgesagt wurde, erklärte lächelnd, dass es sich, was ihn betrifft, um absoluten Quatsch und eine Zeitungsente handle, was man allein daran erkenne, dass sie von seinen Gegnern in Umlauf gebracht worden sei. Da es sich bei Nikolaus Blome nicht um einen Gegner der Kanzlerin handle, könne das Gerücht, was Angela Merkel betrifft, daher vermutlich nur wahr sein.

          Frank Stauss, ein Werber, der für die SPD mehrere Wahlkämpfe betreut hat, erklärte, wenn das wirklich stimme, dann müsse das Volk das aber vor der Wahl wissen. Agnieszka Brugger, die für die Grünen im Bundestag sitzt, fand das auch.

          Quellen werden nicht genannt

          Es war sehr schön zu sehen, wie ein einfacher Gedanke plötzlich Wirkung entfaltet. Wie sofort eine Kette aus Wenn’s und Dann’s entsteht, Unwahrscheinlichkeiten zu Möglichkeiten zu Gewissheiten werden, und auf einmal das, was eben noch undenkbar war, nun logisch und richtig erscheint.

          Da spielt es keine Rolle, dass der Gedanke von Nikolaus Blome ins Spiel gebracht wurde, der gerade ein Buch über Angela Merkel geschrieben hat und dessen Auftritt in der Sendung dem Verkauf sicher nicht schaden wird. Es spielt auch keine Rolle, dass sich der Gedanke auf Recherchen im Umfeld des Kanzleramtes bezieht, über die Nikolaus Blome nichts weiter sagt, als dass sie erbracht haben, dass Angela Merkel zur übernächsten Bundestagswahl angeblich nicht wieder antreten wolle.

          Selbst die Geschichte, die am nächsten Tag dazu im Politikteil der „Bild“-Zeitung steht, nennt als stichhaltigste Begründung die allgemein bekannte Tatsache, dass Angela Merkel Mitte 2015 einundsechzig Jahre alt wird, was so wenig beweist, dass Nikolaus Blome, der sich um diesen Politikteil kümmert, es in der Sendung gar nicht erst erwähnt, oder er hat es einfach nur vergessen. Das ist dann auch schon egal.

          Spekulieren muss sein

          In der Logik des Redens über Politik und Politiker bedeutet ein vorzeitiger und freiwilliger Rücktritt eben gerade nicht, dass man sich mit dem Ereignis beschäftigt, sondern dass automatisch mehrere Diskussionen beginnen. Darüber, ob derjenige ein lahme Ente sei, welche Nachfolger sich in Stellung bringen und wer sich unter ihnen wie durchsetzen kann. Es sind Diskussionen, die in eine Zukunft führen, die mit der Gegenwart, in der dieser Gedanke gerade noch undenkbar schien, nichts zu tun haben müssen und die, wäre es ein anderer Gedanke gewesen, in eine andere Zukunft führen würden, die damit ebenso wenig zu tun haben muss. Oder, um es anders zu sagen: Es sind Spekulationen.

          Trotzdem richtete sich nun alle Aufmerksamkeit auf den armen Peter Altmaier, der in Sendungen wie diese lange als nur Vertrauter von Angela Merkel eingeladen wurde, bis er dann Umweltminister war, und der auch schon kräftig auf der Oberlippe schwitzte. Er sei, sagte er, von Nikolaus Blome nicht befragt worden. Wäre er befragt worden, dann hätte er gesagt, dass Angela Merkel mit großer Schaffenskraft daran arbeite, als Kanzlerin wiedergewählt zu werden. Es folgten immer neue Sätze. Aber irgendwie konnten sie den Eindruck nicht ausräumen, dass an der Sache etwas dran war.

          Nachfragen nicht vorgesehen

          Natürlich hätte Günther Jauch jetzt weiter nachfragen können. Aber er schien sich schon auf die kleine Bildergalerie vorzubereiten, welche die Handstellung von Angela Merkel zum Thema hatte – die mit Daumen und Zeigefinger beider Hände gebildete Raute –, die als Schmunzelabschluss der Sendung gedacht war, da sie sowohl Fotos von Nikolaus Blome als auch Peter Altmaier zeigte, die sie mit derselben Handstellung zeigen.

          Da waren sie schon wieder vorbei, die interessanten fünf Minuten.Fünf Minuten von sechzig. Wird diese Quote eigentlich irgendwo gemessen?

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