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FAZ.NET-Frühkritik: Günther Jauch : Lohnt es sich, für 498.356,88 Euro zu arbeiten?

  • -Aktualisiert am

Gerät immer mehr unter Druck: Uli Hoeneß Bild: dpa

Uli Hoeneß ist in aller Munde. Auch am Sonntagabend bei Günther Jauch. Seine Sendung lieferte unverhoffte Erkenntnisse - auch wenn sie wohl nicht beabsichtigt waren.

          Was ist der Unterschied zwischen einer Dokumentation und einer Talk-Show? In einer Dokumentation geht es primär um die Aufklärung eines Sachverhalts. Interviews dienen dazu, dem Zuschauer eine Einordnung der geschilderten Tatbestände zu ermöglichen. In Talk-Shows werden dagegen Meinungen sogar über ungeklärte Sachverhalte geäußert. Daher ist in Dokumentationen auch nur selten der warnende Hinweis von Ehefrauen nötig, man könne sich dort um „Kopf und Kragen reden“. Nun wird zum Glück in zivilisierten Gesellschaften niemandem mehr der Kopf abgeschlagen. So konnte Thomas Gottschalk am Sonntagabend bei Günther Jauch erhobenen Hauptes das Studio verlassen, trotz der entsprechenden Warnung seiner Ehefrau. Gottschalks Teilnahme war nämlich unverzichtbar.

          Jauch beschäftigte sich unter dem Titel „Mia san mia – Uli Hoeneß und die Moral der Mächtigen“ abermals mit dem Präsidenten des FC Bayern München und seiner eingestandenen Steuerhinterziehung. Immerhin machte Jauch gegenüber der vergangenen Sendung Fortschritte. Er verzichtete auf Oliver Pocher und beschränkte sich auf vier Gäste. Das machte die Debatte für den Zuschauer überschaubarer - und ermöglichte den Gästen sogar die Chance, Argumente zu entwickeln, anstatt bloß Schlagworte in die Runde zu werfen.

          Schwarzfahrer und Steuerhinterzieher

          Mit Hilfe von Heribert Prantl, Ressortleiter Innenpolitik bei der „Süddeutschen Zeitung“, versuchte Jauch das Dickicht um die Steuerhinterziehung des Uli Hoeneß zu entwirren. Kurz gesagt: Prantl diagnostizierte auf Basis der ihm offenkundig möglichen Einsicht in die entsprechenden Unterlagen eine Steuerschuld von 3,2 Millionen Euro auf das Vermögen, das sich auf einem Schweizer Bankkonto befindet. Ob die Selbstanzeige zur Aufhebung der Strafbarkeit führen wird, vermochte Prantl nicht zu sagen. Das ist wenig erstaunlich: Finanzamt und Staatsanwaltschaft auf der einen Seite, sowie die Rechtsanwälte und Steuerberater auf der anderen, werden sich in den kommenden Monaten um diese Frage streiten. Die in vielen Medien kursierenden widersprüchlichen Informationen zu beiden Sachverhalten lassen sich von den Zuschauern nicht überprüfen.

          So ist der Hinweis Prantls auf eine Art „Prominenten-Malus“ bei der Berichterstattung über öffentlich gewordene Ermittlungsverfahren auch nicht von der Hand zu weisen. Bisweilen wird es dann zu einer Verdachtsberichterstattung. Allerdings wies Prantl zugleich auf jenen Prominenten-Bonus hin, der sich in der Sozialstruktur von Gefängnisinsassen wiederfindet. So werden sich wahrscheinlich mehr notorische ÖPNV-„Schwarzfahrer“ in deutschen Gefängnissen befinden als Steuerhinterzieher. Der Grund liegt vor allem in jenem Unikat namens „Selbstanzeige“ in der Strafrechtsordnung. Ein Schwarzfahrer kann nämlich nicht durch Selbstanzeige Straffreiheit erlangen. Das ist nur bei Steuerdelikten möglich. Schwarzfahrer sollten sich also nicht erwischen lassen. Steuerhinterzieher können dagegen vor Gericht darüber streiten, ob sie denn schon erwischt worden sind. Ein kleiner Unterschied – mit großen Folgen.

          Der Hoeneß in uns

          Nun galt die Beibehaltung dieses Privilegs bislang unter allen Regierungen als alternativlos. Nach acht Tagen Hoeneß-Debatte scheint sich dies zu ändern. Sowohl der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück als auch der ehemalige bayerische Finanzminister Erwin Huber (CSU) sprachen sich für die Einführung einer sogenannte „Bagatell-Grenze“ aus. Nur noch bis zu einer Höhe von 50.000 Euro pro Steuerart solle in Zukunft eine strafaufhebende Selbstanzeige möglich sein. Steinbrück sprach in der „Causa Hoeneß“ von einem Katalysator-Effekt für die politische Debatte. Er war bei beiden Politikern zu beobachten. Vor vier Wochen hätten sie eine solche Idee wahrscheinlich noch für schlichten Unsinn gehalten. Der Hoeneß-Katalysator scheint Unsinn herausfiltern zu können. Wer hätte das gedacht?

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